

In Ägypten ist der arabische Frühling ins Stocken geraten. In Syrien herrscht Staatsterror und in Libyen Bürgerkrieg. Jemen muss sich mit einer Spaltung des Staates auseinandersetzen. Auch in Tunesien stellen sich unberechenbare Fragen über den Übergang zur Demokratie. Was ist sechs Monate später von der revolutionären Euphorie geblieben?

Die Wahl einer verfassungsgebenden Versammlung, die für den 24. Juli geplant war, wurde auf Ende Oktober verschoben. Der Interims-Premierminister Béji Caid betont die Notwendigkeit, die für die politische Glaubwürdigkeit Tunesiens unerlässliche Wahl hinreichend vorzubereiten. Vor allem müsse Transparenz garantiert sein. Es steht sehr viel auf dem Spiel: der Ruf der Jasminrevolution muss gewahrt werden. Tunesien darf um keinen Preis die Fehler des alten Regimes weiterführen. Die entscheidende Wahl wird am 23. Oktober stattfinden. Die zahlreichen Parteien, die mit der Revolution entstanden sind, gewinnen damit wertvolle Zeit, um sich zu organisieren und den Wahlkampf vorzubereiten.

 |  |

|
 Die Muslimbrüder sind wieder im politischen Spektrum Tunesiens.
|
Eine Chance für die Parteien
Über 50 Parteien sind in der Zwischenzeit entstanden. Alle Strömungen sind dabei vertreten. Selbst die Muslimbrüder, die lange aus Tunesien verbannt wurden, wollen im Übergang zur Demokratie Verantwortung übernehmen. Wie die Macht nach der Übergangsphase aufgeteilt wird, ist aber noch nicht sicher. Die Anwesenheit der Muslimbrüder im politischen Spektrum macht viele Beobachter nervös. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass diese Bewegung schon lange auf Gewaltanwendung verzichtet hat und die pluralistische Demokratie sowie Frauenrechte fördert. Die Zeiten, in denen die Muslimbrüder kompromisslos für die Durchsetzung der Scharia kämpften, scheinen längst vergangen zu sein.

 |  |

|
 R. Al-Ghannouchi unterstützt einen reformierten Islam.
|
Die tunesische Revolution war keine islamistische Revolution, sondern eine aus wirtschaftlichen Gründen motivierte Bewegung. Tunesien ist zwar ein muslimisches Land aber vom Islamismus ist es weit entfernt. Die Trennung von Religion und Staat ist hier keine Neuigkeit; sie wurde schon vom ehemaligen Präsidenten Bourguiba durchgesetzt. Allgemein lassen sich Tunesier auf religiösen Fanatismus lieber nicht ein. Rachid Al-Ghannouchi, Führer der En-Nahda Bewegung vertritt zum Beispiel einen reformierten Islam sowie Demokratie und Menschenrechte. Der Islam wird immer mehr mit der Moderne verbunden und das nicht nur in Tunesien sondern beispielsweise auch in Ägypten.

Jasmin als Mittel zur Abschirmung
Es waren die Arbeitslosigkeit und die Not der Bevölkerung, die die Jasminrevolution verursacht haben. Die Lage hat sich mit der Wende jedoch kaum verbessert. Die tunesische Wirtschaft stagniert und viele junge Leute sehen in ihrem Land keine Zukunft. Die Folgen der Revolution, insbesondere auf die Tourismusbranche, wurden unterschätzt. Jedes Jahr werden rund 80 000 Universitätsabsolventen auf einen Arbeitsmarkt entlassen, auf dem es keine Stellen für sie gibt. Wegziehen, ob legal oder illegal, ist also die einzige Möglichkeit, die den jungen Diplomierten übrig bleibt. Diese potentielle Elite, die in Tunesien ein neues demokratisches Regime schaffen könnte, hat die Unsicherheit und das Stagnieren satt. Eine beunruhigende Selbstmordwelle kommt auf. Die Zeit nach Ben Ali sieht genauso düster aus wie die gehasste Diktatur.

Die Demokratisierungsbewegung wurde jedoch in Gang gebracht. Tunesien befindet sich an einem Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt. Dies erzeugt nicht nur Hoffnung und Begeisterung sondern auch viele Ängste und Skeptizismus besonders in der Zeit vor den Wahlen. Vor allem durch ihre zögerliche Unterstützung haben die westlichen Länder den arabischen Revolutionären ein enttäuschendes Zeichen geschickt. Vor der Freiheit der Bevölkerung und dem Schutz der Menschenrechte wurde die Stabilität der Region in den Mittelpunkt gerückt. Die Angst vor dem Islamismus und die Unkenntnis der lokalen Lage prägen die westliche Sichtweise. Selbstverständlich ist die Situation in Tunesien weder weiß noch schwarz. Es gibt wie überall radikale Splittergruppen, die mit aller Kraft versuchen, ihre Weltanschauung durchzusetzen.

 |  |

|
 "Weder Allah, noch Herr" hat extreme Reaktionen verursacht.
|
Ein Kino, in dem der Film von Nadia El Fani „Weder Allah, noch Herr“ projiziert wurde, wurde von Islamisten angegriffen. Extreme Bewegungen haben sogar Facebook Seiten gegründet, auf denen sie aufrufen, die Regisseurin zu lynchen. Sie war in die Kritik geraten, da sie in ihrem Film die Thematik des Atheismus in der muslimischen Gesellschaft aufgreift. Ein solches Verhalten beschränkt sich allerdings nicht auf den Islam. Dabei muss man beachten, dass die Rückkehr der Religionen eine auf allen Kontinenten zu beobachtende Tatsache ist. In Tunesien wurden zum Beispiel seit der Revolution regelmäßig Predigten auf offener Straße organisiert.

 |  |

|
 Durch das Tragen des Schleiers bekräftigen die Frauen eine gewisse Form von Freiheit.
|
Der Schleier als Befreiung?
Die Frage des Schleiers muss mit Vorsicht analysiert werden. Immer mehr Tunesierinnen sind nämlich seit dem Fall des Ben Ali Regimes verschleiert. Und das obwohl die tunesischen Frauen für ihren hohen Emanzipationsgrad in der arabischen Welt bekannt sind. Bereits 1957 haben sie das Wahlrecht erhalten. Sie sind auf dem Arbeitsmarkt aktiv und hoch ausgebildet. Der Schleier kann in diesem Fall also nicht als ein Zeichen von Unterdrückung interpretiert werden. In Tunesien wurde der Schleier unter Bourguiba aus dem öffentlichen Raum verbannt. Das Verbot wurde seitdem ziemlich streng umgesetzt.
Das Thema ist insbesondere in die Diskussion geraten, als Polizisten verhüllten Frauen ihren Schleier auf der Straße abrissen. Einige mussten sich sogar per Unterschrift eines Dokuments verpflichten, auf das Tragen des Schleiers zu verzichteten. Mit dem Übergang zur Demokratie haben die Frauen ihre Freiheit wiedererlangt. Der Schleier ist ein Mittel, sich gegenüber der Vergangenheit abzugrenzen und ihre Freiheit im Allgemeinen unter Beweis zu stellen. Vielmehr noch als ein Zeichen der Rückkehr der Religion, ist das Tragen des Schleiers in Tunesien zurzeit ein Trend. Ein erneuter Beweis für die Anziehungskraft eines Verbotes.

Katerina Vojtechova
21.07.2011