

Seit einiger Zeit fährt ein Transportwagen durch Paris und prangert die menschenrechtlichen Missstände in Syrien an. Die Idee zu dieser Aktion entstand im April 2011. Bereits damals hielt der in Frankreich lebende syrische Aktivist François Deroche die Repressionen und Massaker in seiner Heimat für intolerabel.

François Deroche ist kein typischer politischer Aktivist. Bis jetzt galt all seine Energie seinem Beruf. Er arbeitete als Arzt und spezialisierte sich im Bereich der Dopingkontrolle. Aber der Tag kam, an dem er dem, was in Syrien passierte, nicht mehr tatenlos zusehen konnte. Im Interview mit der Gazette de Berlin beschreibt der große, grauhaarige Mann mit dem charmanten Lächeln den Sinn der Transportwagen-Aktion. An seiner Seite sind Fahrer und Projekt-Kollegen ebenso wie seine Frau Anne; sie organisiert die Öffentlichkeitsarbeit der Gruppe.
Einerseits hat das Projekt den Anspruch, die französische Öffentlichkeit über die Methoden des Regimes von Baschar al-Assad in Kenntnis zu setzen und zu zeigen, in welchem Ausmaß Freiheitskämpfer in Syrien zu Opfern einer willkürlichen Justiz werden. Andererseits sind Deroche und sein Team auf der Suche nach Lösungen für die Situation – unter anderem durch die Kommunikation mit Passanten. Deroche pocht darauf, mit seiner Aktion einer der ersten gewesen zu sein, die dem syrischen Regime Verstöße gegen die Menschenrechte vorwarfen - im letzten April sprach noch kaum jemand in der französischen Öffentlichkeit davon. Heute gebe es in den Medien einen Konsens darüber, sagt Deroche mit ruhiger und überlegter Stimme. Gleichzeitig ist er sich aber bewusst, dass seine Aktion nur der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein ist. Er möchte sein Engagement nicht mit dem gleichsetzen, das Freiheitskämpfer in Syrien zeigen, unter Einsatz ihres Lebens.
„In Syrien wird gemordet und die Welt schaut zu.“
Weil die französischen Medien, so Deroche, nicht die reale Situation in Syrien widergeben, übernimmt er deren Aufgabe – in den Pariser Straßen. Er denkt, dass die französischen Medien so lange zum Thema Syrien schwiegen, weil Frankreich dort politische und wirtschaftliche Interessen verfolgt, die sich mit dem Aufstand nicht vertragen. Syrien, so Deroche, hat eine wichtige geo-strategische Lage für Europa. In den Augen vieler Politiker ist das herrschende System, trotz aller offenkundigen Missstände, ein Garant für die Stabilität im Nahen Osten. Deswegen, echauffiert sich der Aktivist, handelt Europa in der syrischen Frage genauso vorsichtig und zaudernd wie zu Zeiten der Konflikte in Ägypten und Tunesien. „Im Westen herrscht Angst vor einer weitergreifenden Islamisierung der Region“, schließt Deroche aus dem zögerlichen Verhalten europäischer Politiker.

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 François Deroche und seine Helfer beim Einladen der Medikamente und Lebensmittel. Die blau-rot-weiße Lackierung des Transportwagens soll die Aufmerksamkeit der Pariser auf sich ziehen.
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Die Arbeit der Transportwagen-Gruppe beschränkt sich nicht auf Frankreich. Sie soll nicht nur informieren, sondern hat auch eine humanitäre Aufgabe. Der Transportwagen soll in die Türkei fahren, bis an die syrische Grenze - weiter darf er nicht -, um die Freiheitskämpfer mit Medikamenten und Grundnahrungsmitteln zu versorgen. Auch diese Idee stammt von Deroche. Er ist der Gründer der Vereinigung Le collectif du 15 mars pour la démocratie en Syrie.
Natürlich, so Deroche, beteiligen sich keine Pharmaunternehmen an seinen Bemühungen, die Revolutionäre in Syrien mit Arzneimiteln zu versorgen. Das tun nur Ärzte, Apotheker oder sogar Privatpersonen aus ihrer Hausapotheke. Darunter sind teilweise recht teure Medikamente wie Impfstoffe, Antibiotika, Schmerzmittel, Antiseptika sowie Mittel zur Wundversorgung und für chirurgische Eingriffe. Deroche selbst hat quasi sein gesamtes Praxis-Material gespendet. Mit drei Fahrern geht es mit dem Transporter über Lyon (wo die Aktivisten noch mehr Spenden auflesen) nach Menton, später mit der Fähre nach Griechenland und Izmir. Letzte Station ist Gaziantep, die letzte Stadt vor der Grenze nach Syrien. Dort soll es ein Treffen geben mit allen, die Syrien gegen ihren Herzenswillen verlassen haben und sich um die Zukunft des Landes sorgen. Gemeint sind damit Widerstandskämpfer, Auswanderer, Flüchtlinge. Ihrer aller größter Wunsch ist es, die Grenze zu ihrem Heimatland zu überwinden.

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 François Deroche kaufte den Van und bedruckte ihn. Kontaktieren und unterstützen kann man ihn unter camion.syrie@gmail.com oder über www.facebook.com
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Die Unterstützung und der Zuspruch bei Deroches Fahrten durch die Straßen von Paris kommen mehr von Syrern als von Franzosen. Sie grüßen das Team auf der Straße, sprechen Mut zu und bringen Medikamente aus ihrer Hausapotheke. Syrer, die das Projekt unterstützen, haben selbst oft nicht viel Einkommen. Und auch das Budget von Deroche ist mehr als knapp. Obwohl er Arzt ist, kann er sich die 8000 Euro im Monat (für Wagen und Fahrer) kaum leisten. Dabei hat es der Wagen schon zu beachtlicher TV-Aufmerksamkeit gebracht. Er ist immer vorne dabei, wenn Syrer in Paris demonstrieren, und so in Frankreich zum Symbol der syrischen Revolution geworden. Auch die arabischen TV-Sender Al Jazeera und Al Arabia berichteten schon über ihn.
Das syrische System sei „zum Scheitern verurteilt“, sagt Deroche. Es werde über kurz oder lang verschwinden. Allerdings müssten die pazifistischen Freiheitskämpfer im Land in ihrer Sache von der Staatengemeinschaft unterstützt werden. Dazu reichen laut Deroche allerdings weder Wirtschaftsembargo noch Flugverbotszone aus; auch ein militärisches Eingreifen sei erforderlich, um die Zivilisten Syriens zu schützen. Schlimmer könne es sowieso nicht werden, da sie bereits jetzt von Bomben des eigenen Militärs getroffen werden.
„Die Demokratie wird in Syrien siegen, und zwar bald!“
Céline Deligny
26.01.2012