Audrey Pulvar an der Seite von Arnaud Montebourg am verhängnisvollen Abend des 10. Oktober 2011 anlässlich der Vorwahlen zum PS-Präsidentschaftskandidaten. Diese Aufnahmen erschienen in den 20-Uhr-Nachrichten des Senders France 2.
Christophe Hondelatte, Radio- und TV-Moderator, hat bei einem Interview mit dem Online-Auftritt TVMag der Zeitung Le Figaro am 12. Oktober den Rücktritt bzw. sogar die Entlassung von Audrey Pulvar gefordert. Die Kolumnistin der Sendung On n’est pas couché (France 2) hatte sich, anlässlich der Vorwahl zum PS-Präsidentschaftskandidaten am 10. Oktober, Hand in Hand mit ihrem Lebenspartner Arnaud Montebourg (PS, Parti socialiste) filmen lassen. Pulvar zeigt sich jedoch unbeirrt; ein Interessenskonflikt bestünde nicht. Auffällig an der jetzigen Diskussion ist allerdings die Häufigkeit, in der ähnliche Situationen bereits vorher aufgetaucht sind. In der populären Liaison Journalistin/Politiker bleiben häufig die Karrieren der Frauen auf der Strecke. Entweder sie schrauben ihre Ansprüche zurück oder sie suchen sich ein neues Berufsfeld und flüchten aus der Schusslinie. Welches Frauenbild steckt dahinter?
Die Frage, ob Christophe Hondelatte mehr aus persönlicher Kränkung als aus Überzeugung heraus agiert, ist nicht von der Hand zu weisen. Am 22. Septemeber bereits, hatte Pulvar, zusammen mit ihrer Kollegin Natacha Polony in Laurent Ruquiers Sendung On n‘est pas couché, Hondelattes Musikalbum als qualitativ minderwertig eingestuft. Während Polony durch ihre direkte Kritik auffiel, hinterfragte Audrey Pulvar lediglich die Zweckhaftigkeit einer Musikkarriere des Moderators und Journalisten. Ob er zum Sänger gemacht tauge, sei ihre Frage. Dieser hatte daraufhin wutentbrannt das Studio verlassen.
Sie ballt die Fäuste und verteidigt ihren Berufsethos. Die erfahrene und beliebte Journalistin und TV-Moderatorin (früher France 3, heute France 2 und France inter) Audrey Pulvar wird angegriffen, weil sie öffentlich mit ihrem Lebensgefährten, dem Politiker Arnaud Montebourg (PS), dessen gute Ergebnisse bei der Vorwahl zum PS-Präsidentschaftskandidaten gefeiert hatte - er wurde Dritter. Ausschnitte von diesem Abend, als sie Champagner trinkend und überglücklich Montebourgs Erfolg feierte, wurden in den 20 Uhr-Nachrichten gezeigt. Christophe Hondelatte gab im Gespräch mit TVMag an, sie habe nachdem sie sich derart an der Seite von Montebourg zeigte, keinen Platz mehr im öffentlichen Dienst – weder auf France inter noch auf France 2. Dass man darüber überhaupt noch debattiere, sei unglaublich. Für ihn sei die Sache eindeutig: Sie müsse zurücktreten.
Christophe Hondelatte, echauffiert sich bei TVMag.
Ob Pulvar im Amt bleiben kann oder nicht, wird nun vom Sender France 2 besprochen werden müssen, so der CSA (Conseil supérieur de l’audiovisuel). Diese seit 1989 agierende Behörde, der die Zensur und Überwachung der Medien in Frankreich obliegt, stellt klar, dass sie die Pulvar-Problematik nicht selbst regeln zu dürfe. Der Sender müsse nun, so die Behörde, entscheiden, ob Pulvar noch in der Lage sei, politische Interviews neutral zu führen.
Die Journalistin gibt an, nach wie vor objektiv berichten zu wollen. Sie wolle sich nicht aktiv an politischen Debatten beteiligen, ihre politische Meinung im TV niemals äußern und der PS nicht ihre Unterstützung bekunden. Bei den Vorwahlen habe sie nicht einmal selbst gewählt. Warum sie denkt, nicht wählen zu gehen, entlaste sie, leuchtet nicht ein.
Der UMP-Politiker Jean-François Copé nutzte Pulvars Fehltritt sofort im Interview mit Canal + aus, so die Zeitschrift Le Nouvel Observateur am 12. Oktober. Copé zufolge könne sie nicht mehr für das öffentlich-rechtliche TV arbeiten, sie müsse ihre berufliche Zukunft überdenken. Er wolle niemanden kränken, aber die Debatte sähe, so Copé, völlig anders aus, wenn es ein rechter Politiker sei, dessen Lebensgefährtin als Journalistin arbeite.
Viele Frauen, eine Geschichte
Eine Geschichte die sich vor allem, nicht wie von Jean-François Copé behauptet, auf Politiker des linken Spektrums beschränkt. Der Fall Ockrent/Kouchner - einer langjährigen Beziehung zwischen einer Journalistin und einem UMP-nahen Regierungspolitiker - beweist es. Die belgisch-stämmige Christine Ockrent hat in Frankreich eine gewaltige Karriere hingelegt. Nicht nur war sie die zweite Frau, die jemals in Frankreich die Abend-Nachrichten präsentierte, sie hat auch das Magazin L’Express geführt und politische Sendungen beim Sender France 3 moderiert. Ockrent wird Konzernchefin von France 24 und Vize-Chefin von Radio France internationale (RFI). Ab 2008 war die Belgierin Konzernchefin des AEF (Audiovisuel extérieur de la France), der die Geschicke des RFI leitet. Sie konnte sich nicht mit Alain Pouzilhac einigen, der ihr Vorwarf, zu nahe Verbindungen mit dem Staatsapparat zu pflegen. 2011 gibt sie ihre dortige Position auf.
Pikant an der Geschichte ist tatsächlich, dass ihre Ehegatte Kouchner bei ihrer Karriereentwicklung die Finger im Spiel gehabt haben muss. Radio France internationale, das französische internationale Radio, ebenso wie ihre Über-Organisation AEF untersteht nämlich dem französischen Außenministerium, welchem Kouchner, als Außenminister und Minister für Europäische Angelegenheiten, vorsteht. Allerdings, ist es nicht Kouchner, der in seiner Personalpolitik angegriffen wird, sondern Christine Ockrent.
Bemühtes Lächeln: Ockrent fällt es sichtlich schwer sich Ardissons Plattitüden anzupassen, hält es bei einem Auftritt in der Sendung Tout le monde en parle jedoch wohl für unumgänglich.
Anfang der 2000er, wird sie in der Talk-Sendung Tout le monde en parle (1998-2006, France 2) vom Moderator Thierry Ardisson mit recht stupiden Witzen konfrontiert. Ardisson amüsiert sich prächtig, als er sie zu Details ihrer Beziehung mit dem französischen Minister befragt. Ob sie täglich, wenn er nach Hause komme, ein Interview mit ihm führen würde, in dem sie sich nach seinem Tag erkundige? Etwa nach dem Motto: „Herr Kouchner, was können Sie zu den Ereignissen des heutigen Tages sagen?“ oder „Warum haben Sie nicht, Herr Kouchner, wie besprochen um 15 Uhr angerufen?“. Als könne sie Beruf und Privatleben nicht trennen. Als sei sie entweder eine verhärmte Business-Frau, die nicht außerhalb ihres Berufes existieren kann, oder das komplette Gegenteil: eine von ihrem Partner hochgradig abhängige Frau, trotz ihres professionellen Erfolgs.
Stärkt ihrem Mann trotz der Affären den Rücken: Anne Sinclair mit Dominique Strauss-Kahn.
Bild: Sagabardon
Anne Sinclair, wohlhabende Kunsterbin und erfolgreiche TV-Journalistin, gab nach 16 Jahren ihre Stelle als Moderatorin der abendlichen Polit-Sendung 7 sur 7 (TF1) auf, um die Karriere ihres untreuen Ehemannes, des zuletzt permanent in die Schlagzeilen geratenen Dominique Strauss-Kahn, zu erleichtern. Nachdem sie ihn 1991 geheiratete hatte, wurde er 1997 zum Wirtschaftsminister Frankreichs unter Mitterand. Sie entschloss sich daraufhin, keine politischen Debatten mehr im TV zu führen, blieb aber in den Medien aktiv. Sinclair kam in Vorstände großer Mediengruppen und verlegte ihren Fokus von der Innen- auf die weniger von politischen Parteikursen bestimmte – und deswegen etwas weniger brisante – Außenpolitik. 2008 war sie beispielsweise als Wahlberichterstatterin des Senders Canal + bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen.
Das Paar Schönberg/Borloo bei der Arbeit. Sie beim Ansagen der France 2-Nachrichten, er im Talk mit Le Figaro.
Béatrice Schönberg war, nach fast 30-jähriger Journalisten-Tätigkeit, Nachrichtensprecherin beim Sender France 2 als sie 2007 der Karriere ihres Ehemannes Jean-Louis Borloo wegen zurücktrat. Dieser spekulierte, als Vize-Präsident des parti radical und Mitglied der UMP (Union pour un mouvement populaire), auf ein Ministeramt in der Sarkozy-Regierung.
Potenzielle Première Dame de France verzichtet auf Polit-Talk
Valérie Trierweiler, Lebenspartnerin von PS-Präsidentschaftskandidat François Hollande, distanziert sich, so der die Zeitung Le Figaro am 12. Oktober, vom politischen Journalismus. Sie habe entschieden, während der Präsidentschaftskampagne nicht mehr ihren Polit-Talk „Politiquement Parlant. Aujourd'hui“ auf dem französischen TV-Sender Direct 8 zu moderieren. Seit 2005 arbeitet sie bei dem Sender als politische Journalistin, dessen Geschäftsführer, Yannick Bolloré, ihr infolge ihres Rücktritts vorschlug, auf Kultur-TV umzusatteln.
Paris, der 22. Oktober 2011: François Hollande steht am Rednerpult und bereitet sich für die Präsidentschaftskampagne vor, Valérie Trierweiler sitzt brav und hübsch im Publikum und tut genau das selbe.
Der Frauenzeitschrift Elle erklärte Trierweiler, möglichst anonym bleiben zu wollen und ihre Rolle der First Lady, wenn sie es denn werde, peu à peu zu erfüllen. Dabei hoffe sie ihren Beruf als Journalistin ohne weiteres so leidenschaftlich wie eh und je ausüben zu können – nur eben nicht in Form von Polit-Sendungen. 20 Jahre lang habe die politische Journalistin andere Menschen beobachtet – nun sei sie im Visier der Beobachter. Im Gespräch mit der Zeitung Le Monde gab sie an, sich am Ehefrauen-Modell von Sylviane Agacinski, der Frau des PS-Politikers und ehemaligen PS-Premierministers Lionel Jospin, zu orientieren. Diese habe, so Trierweiler, ihre Rolle vorbildlich gemeistert – dabei aber ihre eigene Karriere und Persönlichkeit niemals zurückgenommen. Ohnehin sei ihr Partner, so Trierweiler, ein exzellenter Stratege, der ihre Hilfe in Sachen politische Entscheidungen nicht brauche.
Und außerhalb von Frankreich?
Woher der besorgte Blick? Denkt Doris Schröder-Köpf gerade über einen Rettungsplan für Karstadt nach?
Bild:www.kremlin.ru
Doris Köpf, die 1997 den damaligen Ministerpräsidenten Niedersachsens heiratete und später Kanzlergattin wurde, absolvierte ab 1982 Volontariat bei der Augsburger Allgemeinen. Nach 1987 arbeitete sie bei der Bild-Zeitung als Parlamentskorrespondentin in Bonn. Darauf folgte eine Tätigkeit beim Focus-Magazin, wo sie sich ab 1992 hauptsächlich mit innenpolitischen Themen befasste. Als erste Dame Deutschlands sah sie sich dazu veranlasst, wie ihre Vorgängerinnen diverse Kinder- und Jugendprojekte zu leiten oder Adventskalender mit Hunden-, Katzen- und Meerschweinchenthematiken zu verlegen. Ein weiterer Schritt weg vom Journalismus war ihr Amt als Aufsichtsratsmitglied des Warenhauskonzerns Karstadt. Nicht unbedingt ein Karriere-Tief, aber sicher ein Zeichen von Flexibilität – ihrem Partner zuliebe?
Der Gouvernator mit seiner First Lady of California im republikanischen Konfetti-Regen.
Bild: schuhmachergirl1956
In den USA hat man, anders als in Frankreich, das Stadium der Debatten anscheinend bereits hinter sich gelassen. Ob eine Journalistin, die mit einem Politiker liiert ist, noch in ihrem Beruf arbeiten kann oder nicht, wird dort oftmals nicht von der betroffenen Person entschieden. Das letzte Wort hat dann meist der Arbeitgeber - wenn nicht, wie im Fall Maria Shriver, die betroffene Frau dieser Entscheidung zuvorkommt. Shriver, die seit 1972 als Berichterstatterin und Journalistin in verschiedenen Nachrichten-Sendungen arbeitete, ging in unbezahlten Urlaub, als ihr Ehemann Arnold Schwarzenegger 2003 für das Gouverneursamt kandidierte. Als er gewann, gab sie ihren Beruf als Reporterin auf. Sie begründete ihre Entscheidung damit, dass ein Interessenskonflikt bestünde zwischen ihrer Tätigkeit im Journalismus und ihrer Aufgabe als First Lady von Kalifornien.
Eigentlicher Skandal liegt woanders
Aber was ist die Alternative zum Journalisten-Beruf? Wenn alle diese vormals einflussreichen und erfolgreichen Journalistinnen ihre jahrzehntelang erarbeiteten Karrieren aufgeben, müssen sie neu anfangen. Ihre Beziehungen spielen lassen, um andere hochrangige Positionen in Wirtschaft, Kultur oder Politik ausüben zu können, die ihrem Bildungsgrad und ihrer Zielstrebigkeit entsprechen. Oder sie machen eben braven Kultur-Journalismus, der keinem zu nahe tritt und keine Position bezieht. Im Extrem-Fall widmen sie sich, mit all ihrer Qualifikation, der Produktion von Tier-Kalendern zu oder betreiben soziale Projekte. Keine dieser Tätigkeiten scheint unwichtig oder nicht ehrenwert. Gleichzeitig aber sind diese sichtbaren Lebenswandel Zeugnisse eines gesellschaftlichen Dilemmas. Der Wunsch nach neutraler Berichterstattung trifft auf das Recht dieser Frauen, den von ihnen ausgewählten Beruf auszuüben. Und eine Frage drängt sich auf, die niemand so recht aussprechen mag: Wenn, wie es Hondelatte und viele andere vermuten, Audrey Pulvar tatsächlich nicht in der Lage wäre, neutral zu berichten, von welchem Frauenbild wird dann ausgegangen? Was wäre, wenn die Lage umgekehrt wäre und die Partner von Angela Merkel oder Ursula von der Leyen die Tagesschau präsentieren würden? Wäre ihr Rücktritt genauso selbstverständlich? Und was ist mit all den Journalisten, die enge Freundschaften zu Politikern haben? Kann nicht ihr Professionalismus ebenfalls ins Wanken geraten?
Zum einen wird bei der in Frankreich geführten Debatte klar, dass es immer noch angemessen scheint, wenn Frauen ihrer Partner wegen die eigene Karriere zurückstellen oder zumindest verbiegen. Zum anderen wird ihre Fähigkeit hinterfragt, Privat- und Berufsleben zu trennen.
Céline Deligny
22.11.2011
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Albert Londres /// Mittwoch, 23-11-11 02:17
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