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 ©Coralie Jacquier
Miss.tic auf der Vernissage ihrer Ausstellung im französischen Institut.
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Die Straßen von Paris haben Miss.Tic bereits kennengelernt. Seit den achtziger Jahren widmet sie sich den Pariser Mauern „bis auf die Zähne bewaffnet“. Von den Butte aux cailles (eine Art Dorf in der Stadt) bis zum Montmartre und dem Marais teilt sie ihre Sorgen, ihre Freuden und ihre Enttäuschungen. In ihren sinnlichen, manchmal provokativen und stets weiblichen Zeichnungen in Form von Personen finden sich humorvolle Wortspiele über die Liebe. Anlässlich des 125. Geburtstags des Kudamms ehrt das französische Institut die Sprayerin. Ihre Werke werden bis zum 16. September zum ersten Mal in Berlin, dem Paradies der Street-Art, ausgestellt. La Gazette de Berlin hat die Gelegenheit genutzt, um die Künstlerin zu treffen.



Das Debüt einer « femme de l’être »(1)
Anfang der achtziger Jahre kehrt Radhia de Ruiter aus den USA nach Frankreich zurück. Sie bringt Erfahrungen aus der Hip-Hop Bewegung und der Graffiti-Kultur mit, während die französische Street-Art noch in den Anfängen steckt. Eine enttäuschte Liebe bewegt sie dazu, ihre Gefühle mit den Pariser Zaungästen zu teilen. Das junge Mädchen klaut dafür den Namen der Zauberin von Walt Disney und bewaffnet sich mit magischen Spraydosen. Meist ist sie mit ihren Freunden VLP und den Ripoulins Brüdern unterwegs und besprüht die Wände der Hauptstadt. „Je peux plus te voir en peinture“ - „Ich kann dein Bild nicht mehr sehen“; eine französische Redensart zu sagen, „Ich kann dich nicht mehr ertragen“. Dies waren die letzten Worte ihres damaligen Freundes.
An diesem Tag beginnt für Miss.Tic ein neuer Lebensabschnitt. Street-Art ist für sie ein poetisches Mittel, ein Ausdruck der Rache eines verletzten Herzens und bedeutet zugleich die Unabhängigkeit von der Männerwelt. Durch persönliche Erfahrungen inspiriert, drückt die Künstlerin so ihre Gefühle auf eine Weise aus, mit der sich viele Frauen identifizieren.

Sehr schnell wird sie für ihren einzigartigen Stil bekannt. Mit der Zeit entwickeln sich ihre Werke. Die Fragen der Weiblichkeit, der Liebe und der Sinnlichkeit bleiben dabei jedoch immer im Zentrum. „Je suis Ta gueuse“(2) schreibt sie an die Wände; zwischen Frauen in BHs und Strapsen, die ihre Graffitis begleiten. Zunehmend befasst sie sich darüber hinaus mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft. Miss.Tic lehnt jedoch die Kategorisierung als Feministin ab: „Ich bin nicht feministisch, ich bin feminin“ antwortet sie jedem, der ihr Werk in eine Strömung einordnen will.
Miss.Tic wird dabei oft von Feministinnen kritisiert, da sie ihrer Meinung die Frau als Objekt darstellt und ihre Zeichnungen ein erniedrigendes Bild der Frau repräsentieren. Dies ist nicht der Fall, denn in Wirklichkeit scheint die Künstlerin vielmehr die Wahl, die Frauen im Angesicht einer von Diskriminierung geprägten Welt bleibt, hervorzuheben. Sie lädt die Frauen ein, zu zeigen, dass sie gefallen, verführen, und Gefallen nehmen möchten und schlussendlich zu tun, was sie wollen.

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 ©Coralie Jacquier
Miss.Tic, Jorinde Reznikoff und KP Flügel auf der Vernissage von "Bomb.it"
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Von Paris nach Berlin : « Bomb.It »
In Deutschland bleibt Miss.Tics Werk relativ unbekannt. Es ist somit kein Wunder, dass ihre erste Ausstellung in Berlin im Rahmen des französischen Instituts stattfand. Zwei deutsche Journalisten haben trotzdem versucht, die Reichweite der Künstlerin zu erweitern. 2008 haben Jorinde Reznikoff und KP Flügel Miss.Tic an der französischen „Fête de l’Huma“ (ein jährliches Fest zugunsten der linken Zeitung L’Humanité) entdeckt. Die Journalisten fühlen sich von der Kunst der Pariserin angezogen und wollen sie mit dem deutschen Publikum teilen.
2011 veröffentlichen sie, „Bomb.it“, ein Buch, in dem sie die Karriere der Sprayerin erzählen. Außerdem versuchen die Autoren, Miss.Tics Werk zu erklären und in einen Kontext zu bringen. „Wir wollten nicht um jeden Preis die einzelnen Wortspiele übersetzen, die auf Deutsch keinen Sinn ergeben würden. Wir wollten viel mehr Miss.Tics Arbeit beschreiben um den Deutschen ihre einzigartige Persönlichkeit näher zu bringen“ so Jorinde Reznikof. Über die dreißig präsentierten Werke hinaus verfasst die Journalistin ein sehr persönliches Porträt der Künstlerin, die sie mittlerweile als Freundin bezeichnet.
Die Berliner Ausstellung trägt übrigens wegen dieses Buches den Namen „Bomb.it“. Eine Möglichkeit für alle Berliner, die französische Urban Culture näher kennen zu lernen.

Begegnung mit einer Bombe der Sinnlichkeit
Die Gazette: Sie haben im Graffiti-Milieu als aufständische Künstlerin angefangen. Hat der Staat einen artigeren Menschen aus Ihnen gemacht?
Miss.Tic: Nein, ich bin immer noch eine Rebellin. Nur habe ich eine Art gefunden, um das unterdrückende Rechtssystem zu umgehen, von mir abzulenken und so auszunutzen, dass ich mich frei ausdrücken kann. Seit meiner Verhaftung und meinem Rechtsstreit für Beschädigung öffentlichen Eigentums, welcher im Jahr 2000 zu einer Geldstrafe geführt hatte, habe ich meine Funktionsweise geändert. Jetzt arbeite ich für private Aufträge, die ich selbst wählen kann und wofür ich bezahlt werde. Wenn ich für mich auf der Straße zeichnen will, frage ich erst den Besitzer der Mauer um seine Erlaubnis. In solchen Fällen arbeite ich selbstverständlich kostenlos. So ist meine Arbeit nicht mehr illegal. Der Inhalt hat sich dadurch aber keineswegs verändert.

Die Gazette: Welche Art von Anfragen haben Sie zum Beispiel abgelehnt?
Miss.Tic: Wenn ich Anfragen ablehne, spreche ich nicht darüber. Manchmal habe ich sie aus ethischen oder politischen Gründen abgelehnt. Manchmal, weil sie sehr schlecht bezahlt waren.
Die Gazette: Vorhin haben Sie erwähnt, dass Sie ihre Freiheit behalten haben. Was empört Sie heutzutage? Was inspiriert Sie?
Miss.Tic: Ich werde Banalitäten nennen. Die Ungerechtigkeit, die Ausbeutung von Frauen, Männern und Kindern empören mich. Oder die Tatsache, dass die moralischen Werte immer mehr unterzugehen drohen. Aber das was ich hier erzähle, hört man in jedem Straßencafé. Ich bin nun einmal keine große Philosophin oder Politikerin. In der Tat befasse ich mich sehr wenig mit Aktuellem, da Aktualität vergänglich ist und vieles zu sehr mediatisiert wird. Um meinem Werk eine universelle Dimension zu geben habe ich mich entschieden, mich dem Poetischen statt dem Politischen zu widmen.

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 "Hat freies Handeln einen Preis?"
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Die Gazette: Ihre Arbeit ist vom Bild der Frau geprägt. Wieso setzen sie ihren Fokus auf die Weiblichkeit?
Miss.Tic: Obwohl die Leute sagen, dass meine Arbeit über die Weiblichkeit ist, ist das eigentlich nicht mein Thema. Dass man neben meinen Texten Bilder von Frauen sieht, liegt daran, dass ich zu Beginn nicht wusste, womit ich meine Texte verbinden soll. Am Anfang war es für mich einfacher es mit Selbstbildnissen und später mit anderen Bildern von Frauen zu illustrieren. Aber am Anfang war es ein Zufall. Erst später entwickelte sich mein Interesse an der Darstellung der Frau in den Medien, in der Mode und in der Werbung und mit diesen Bildern zu arbeiten. Ich wandele sie dann so, dass sie etwas aussagen, was sie in den Medien nicht tun. Dabei ist nicht zu vergessen, dass dies nicht mein einziger Arbeitsschwerpunkt ist.

Die Gazette: Sie wollen nicht als Feministin bezeichnet werden, obwohl ihr Werk den Platz der Frau in der Gesellschaft sehr kritisch darstellt.
Miss.Tic: Mein Werk ist zwar kritisch aber nicht militant. In diesem Sinne bin ich, glaube ich, keine Feministin. Es nervt mich, dass eine Frau, sobald sie denkt, als Feministin abgestempelt wird. Das ist nur eine Etikette. Ich sehe in mir eher eine Anarchistin als eine Feministin. Modigliani hat beispielsweise ausschließlich Frauen gemalt und wurde nie als Feminist betrachtet.
Ich bin immer schockiert, dass mir Fragen gestellt werden, die man Männern nicht stellen würde. Das zeigt, dass es bezüglich der Beziehung zwischen Männern und Frauen noch viel zu erreichen gibt. Ich sage gewöhnlich, dass ich nicht Feministin sondern feminin bin. Außerdem kritisieren mich viele feministischen Bewegungen, weil sie mein Werk als vulgär, sexistisch und manchmal sogar pornografisch empfinden.
Die Gazette: In Berlin arbeiten viele Künstler im Bereich der Street-Art. Haben Sie Kontakte in dem Milieu?
Miss.Tic: Nein. Ich habe nie in Berlin gemalt. Es war die Idee dieser Ausstellung. Die Stadt Berlin hatte das Projekt, eine West Side Gallery zu gründen, das Pendant zur East Side Gallery. Das wurde jedoch nicht verwirklicht. Ich würde wirklich gerne zurückkommen, im September zum Beispiel, um Graffitis in den Straßen zu machen. Ich finde es auch interessant, erst durch eine Ausstellung bekannt zu werden. Diese Erfahrung hatte ich schon einmal in Frankreich in einer kleinen Stadt in der Bretagne gemacht. Innerhalb von vier Tagen haben 23 000 Menschen die Ausstellung besucht. Danach durfte ich in der Stadt sprayen.
Die Leute entdecken mein Werk, es gefällt ihnen und dann kommt die Straße. Es muss nicht entweder die Straße oder die Ausstellung sein, die Sachen können auf mehreren Ebenen ablaufen.

Die Gazette: Wie Sie bereits gesagt haben, vermittelt Ihre Kunst universelle Botschaften. Ihre Wortspiele sind jedoch ausschließlich auf Französisch. Haben sie sich schon überlegt, auf einer anderen Sprache zu schreiben?
Miss.Tic: Ich kann keine andere Sprache also ich schreibe nicht in fremden Sprachen. Ich habe mich allerdings schon an Übersetzer gewendet, beispielsweise um mir bei einer Ausstellung in Italien zu helfen. Das aber nur für Texte, die übersetzbar waren. In diesem Fall wähle ich die Texte, die keine Wortspiele enthalten. Wenn ich zum Beispiel sage « L’art nuit à la stupidité » (die Kunst schädigt der Dummheit) gibt es da kein Wortspiel. Für Berlin habe ich nichts auf Deutsch gemacht, denn ich wurde vom französischen Institut eingeladen und war deshalb in einem französischsprachigen und frankophilen Rahmen. Wenn ich zurückkommen und in einem anderen Kontext ausstellen würde, würde ich mich um Übersetzungen kümmern.

Die Gazette: Berlin hat durch seinen historischen Hintergrund eine besondere Kultur der Street Art. Wie würden Sie es angehen, hier zu sprayen?
Miss.Tic: Ich arbeite auf meine ganz eigene Weise und befasse mich nie mit geschichtlichen Details eines Ortes. Wenn ich hier arbeiten würde, würde ich nicht die Geschichte behandeln sondern lediglich meine Anwesenheit eintragen. Ich fühle mich wirklich wie ein Kind meiner Zeit. Es klingt bestimmt ein bisschen größenwahnsinnig, aber ich ziehe es vor, in die Geschichte der Orte einzutauchen und dann selbst Teil dieser Geschichte zu werden, ohne Bezug zur Vergangenheit.

Das Interview führte Coralie Jacquier
Überstetzung ins Deutsche: Katerina Vojtechova und Janneke Stein
28.07.2011

(1)"femme de l'être" ist ein Wortspiel: es bedeutet "Frau des Seins". Phonetisch klingt es aber wie "femme de lettres", was "Literatin" bedeutet.
(2)Es handelt sich auch um ein Wortspiel: "Ich bin Sprayerin" (tagueuse) aber auch "ich bin deine Bettlerin" (ta gueuse).
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Je voudrais que vous retiriez dans cet article le nom de famille que vous m'attribuez et qui est le nom de mon premier mari avec qui j'ai divorcé il y a 26 ans, alors que j'ai aimablement répondu à toutes vos questions vous avez était recopié sur internet je ne sais quoi sans vérifier vos sources, c'est de l’amateurisme !!!Miss.Tic