Kino, das weh tut und trotzdem glücklich macht. Kino, das sich wie ein Faustschlag anfühlt und trotzdem tiefsinnig und pazifistisch ist. In seinem Melodram "Die Frau, die singt" beschwört der kanadische Regisseur Denis Villeneuve ein Zwillingspaar, das die Vergangenheit seiner Mutter in einem nahöstlichen Land erforscht. Ein intensiver Film, der etwa zwanzig Preise bekommt hat und für einen Oscar nominiert wurde.
Kanada. Ein ganz normaler Tag im Schwimmbad. Es ist warm, die Menschen sind in froher Stimmung. Nawal (Lubna Azabal ) ist mit ihrer erwachsenen Tochter Jeanne (Mélissa Désormeaux-Poulin) dort, sie wirkt leicht entrückt, wie immer. Alles scheint normal. Doch auf einmal verlässt Nawal das Wasser, bleich wie eine Tote, setzt sich mit leerem Blick auf einen Liegestuhl und sagt kein Wort mehr. Sie wird ins Krankenhaus gebracht, aber die Ärzte können nicht helfen, körperlich scheint mit ihr alles in Ordnung. Trotz saugt irgendetwas ihr den Lebenswillen aus, sie ist unerreichbar und bleibt stumm. Bald ist sie tot und niemand kann es erklären. Das einzige Indiz sind zwei Briefe, die sie ihrer Tochter und deren Zwillingsbruder Simon (Maxime Gaudette) hinterlässt. Einen für den Vater, der sie nicht kennen da Nawal früher gesagt hatte, dass er tot sei, und einen anderen für einen Bruder, der früher nie erwähnt wurde. Jeanne fährt in dieses namenlose, von Glaubenskriegen geschüttelte Land im Nahen Osten, aus dem ihre Mutter geflüchtet war. Dort trifft sie ihren Bruder Simon, und zusammen versuchen sie die Wurzeln ihre Familie zu finden. Verrottete, düstere, tragische Wurzeln.
Lieben mit aller Kraft
Es geht um Glauben, Krieg, um unbedingte und mörderische Liebe. Es ist schwierig mehr zu sagen ohne den sehr klugen und gut verfasst Handlungsverlauf zu verraten. Nach und nach wird eine Wahrheit enthüllt, die so unglaublich ist, dass die Spannung über 130 Filmminuten mühelos hält. Der Regisseur Denis Villeneuve führt uns in ein Land im Nahen Osten, das stark an den Libanon erinnert (Der Film wurde in Jordanien gedreht). Diese Geschichte könnte überall spielen. Die brisanten Motive interessieren Villeneuve in keinem konkreten sozialen oder politischen Kontext, sondern ausschließlich als Situationen mit einem hohen dramatischen Potenzial. Deshalb ist es auch nicht so wichtig, deutlich zu machen, auf welcher politischen oder religiösen Seite die singende Mutter nun stand. Die Figuren sind komplex, und man kann stark mit ihnen fühlen. Der Film ist ein ergreifendes Plädoyer für die Kraft der Menschlichkeit und die Verbeugung vor einer ungewöhnlich starken Frau. Der Film basiert auf dem Theaterstück „Incendies” (Verbrennungen) des Libanesen Wajdi Mouawad, das im Jahr 2003 in Montréal uraufgeführt wurde. Villeneuve erzählt druckvoll, aber immer voller Mitgefühl für seine tragische Heldin. "Die Frau, die singt" ist eine überlebensgroße Tragödie, unglücklich und unwiderstehlich.
Originaltitel: « Incendies »
Regie: Denis Villeneuve. Mit Lubna Azabal, Mélissa Désormeaux-Poulin, Maxim Gaudette.
Kinostart: 23.06.2011, aber man kann den Film in Berlin noch die ganze Woche sehen.