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imprimer   19.06.2013 
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Immer weiter schlagen und treten die fünf aggressiven Jugendlichen den am Boden liegenden jungen Mann mitten in einem Nachtbus in Paris. Jugendkriminalität ist seit einigen Jahren ein Thema, welches einen festen Stand in den Medien gewonnen hat. Seit einigen Monaten sorgt dabei ein im Internet veröffentlichtes Video in Frankreich für Wirbel. Die im Dezember in Paris gefilmte auf einen jungen Mann verübte Gewalttat ist ein erschreckendes Beispiel für eine neue Form der Gewaltbereitschaft der Gesellschaft des 21. Jahrhundert. Oder war es lediglich ein rassistischer Akt, wie es die Extremrechte behauptet?



Ein gut bürgerlicher junger Mann mit langem Mantel und einem locker um den Hals hängenden Schal steht in Fahrtrichtung in einem Nachtbus in Paris. Es ist gegen drei Uhr an diesem 7. Dezember 2008. Mehrere Jugendliche, teilweise vermutlich maghrebinischen Ursprungs, stehen bzw. sitzen nah um ihn herum. Plötzlich zerren sie an seinem Mantel, reden ihn an. Es dauert nicht lange, als er sich zu wehren versucht und niedergeschlagen wird. Auf dem Boden liegend wird er weiter getreten und angeschrien, dass die Mikrophone der installierten Kameras übersteuern. Keine kommt dem Angegriffenen zu Hilfe. Das Ganze dauert gut sechs Minuten. Erst als die Polizei eintrifft, endet die Szene.

Ein Video aus einem Bus der RATP, von den Überwachungskameras aufgezeichnet. Grenzenlose, unmenschliche Gewalt, die niemals an die Öffentlichkeit gelangen sollte. Ein Mitarbeiter der französischen Polizeiaufsichtsbehörde IGS (Inspection générale de la Police nationale) jedoch tat dies im weltweit genutzten und bekannten Verzeichnis ‚Facebook‘. Nach eigenen Angaben wollte er lediglich seinen Freunden zeigen, unter welchen Bedingungen er arbeite. Als jedoch das Video von seinem Profil plötzlich landesweit auf Blogs vornehmlich der Rechtsextremen, schickte er sich an, das Video von seinem Profil zu nehmen. Er hatte Angst um seinen Arbeitsplatz. Zurecht: Mittlerweile wurde er von seinem Arbeitgeber suspendiert. Das Video kursiert weiter im Internet.

 


Ausnutzung durch die Rechten

Die Rechten sehen sich bestätigt. Seit Jahren haben sie das Thema der Insecurité (Unsicherheit) in Frankreich und die negativen Folgen der Immigration als Kernpunkte ihrer Wahlprogramme. Dabei geht es auch um die Abschiebung von Immigranten zu bestimmten Konditionen, betreffend z.B. Eingewanderte, die seit längerer Zeit arbeitslos sind. Das nun im Zentrum des Diskurs stehende Video spielt ihnen dabei in die Karten. Auf den rechtsextremen Blogs werden die Jugendlichen arabischer Herkunft als „racailles“ (Gesindel) bezeichnet und einer anti-französischen und anti-nationalen bis hin zu rassistischen Haltung bezichtigt. Natürlich ist es einfach bei den gegebene Tatsachen, die das Video liefert, diesen Standpunkt für richtig zu halten. Offene Aggressivität und Beleidigungen der genannten Art lassen kein gutes Licht auf die teilweise noch minderjährigen Übeltäter fallen, die bis auf einen mittlerweile von der Polizei gefasst wurden. Doch zeigt die Art der Gewaltausübung statt eines rassistischen Aktes vielmehr eine allgemeine negative Tendenz, die sich nachweislich bei jugendlichen Straftätern festsetzt.

 



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Verjüngung der Straftäter und Zunahme der Härte der Gewalttaten

Bedenklich ist laut Studie vor allem, dass die Straftäter zunehmend in jüngeren Jahren erste Straftaten begehen. Bereits 2001 stellte M. Patrice Bergougnoux, Generaldirektor der französischen Polizei, fest, dass die Zahl der Straftäter zwischen 13 und 18 Jahren relativ stabil bleibe, jedoch die Zahl der jünger als 13 Jährigen angestiegen sei. Die unter 16 Jährigen nähmen demnach 12 % aller und 49 % der jugendlichen Straftäter ein. M. Roché, Soziologe und Generalsekretär des Forschungsinstituts CNRS (Centre national de la recherche scientifique),erweitert diese Zahlen noch in seinem Buch.* Er stellt die gleichen Entwicklungen fest und erklärt, dass sich gerade die Tendenz, dass unter 13 Jährige mehr „kleine“ Delikte begehen gravierend sei, da 74 % dieser Jugendlichen später zu „schwereren“ Delikten neigen würden.

 

Es ist allgemein bekannt, dass die Gewalttaten zudem einen neuen Charakter der Ausübung angenommen haben. Seit mehreren Jahren ist zu beobachten, was auch in den Medien propagiert und in Exklusiv-Sendungen erklärt wird, dass die Täter zunehmend skrupelloser werden. Gab es vor einigen Jahren noch Gründe für einen gewalttätigen Übergriff auf einen Mitmensch, und sei es nur ein minimaler gewesen, kommt es heutzutage immer häufiger dazu, dass Jugendliche auf der Straße ohne Vorwarnung andere verprügeln. Sie lassen ihrer Wut und ihrem Zorn freien Lauf. In statistischen Erhebungen zu jugendlichen Straftaten ist dabei zu erkennen, dass in Frankreich die Zahl der Angriffe auf Personen alleine zwischen 1992 und 2001 um mehr als 210 % zugenommen hat.

 

Auch in Deutschland sorgten in den letzten Jahren solche Nachrichten für Sorge. Jeder erinnert sich nur zu gut an den Anfang 2008, als ein älterer Mann in einer U-Bahn-Station in München von zwei Jugendlichen krankenhausreif geschlagen wurde. Der Rentner erlitt einen mehrfachen Schädelbruch. In der Folge kam es zu weiteren Übergriffen dieser Art, welche teilweise heftige Debatten auch auf innenpolitischer Ebene zur Folge hatten.

 

Politik der losen Worte

Der Fall von Anfang 2008 in Deutschland wurde zudem zu einem festen Wahlkampfthema für die Landtagswahl in Hessen. Die Diskussion, entfacht durch den noch amtierenden Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU), wendete das Blatt im Wahlkampf schlagartig. Er forderte härtere Strafen schon für Jugendliche und sprach sich indirekt für eine Abschiebung krimineller Ausländer aus, woraufhin ihm in einer längeren medialen Debatte politische Nähe zur NPD vorgeworfen wurde und er über 10 % an Stimmen verlor. Seitdem ist in Deutschland, was die Prävention dieser Straftaten angeht, nichts mehr geschehen. Auch in Frankreich bemüht sich Präsident Sarkozy nach Bekanntmachung des Videos um gewichtige Worte. Man wolle „das Phänomen der Banden“ sich nicht einnisten lassen, man wolle den Opfern von der „ersten Minute an“ einen Anwalt zusprechen. Zu eben diesem Thema hatte Sarkozy bereits einmal erklärt, man solle doch jugendliche Straftäter bereits ab 12 Jahren zu Gefängnisstrafen verurteilen dürfen.

 

Ob man mit diesen Worten oder ihrer späteren Umsetzung die Ursachen wirklich bekämpfen kann, ist unklar. Allzu häufig sind es genau die jungen Menschen mit geringer Zukunftsperspektive, die zu solchen Taten greifen. Die Spaltung von Arm und Reich führt zu einer höheren Frustration des Präkariats. Unlängst stellte die Pisa-Studie fest, dass Kinder mit Eltern einer niedrigen Schulbildung ebenso dazu neigen, eine schlechte Schulausbildung hinter sich zu bringen. Das Phänomen dessen, dass häufig Ausländer Täter sind, ist zudem nicht etwa der Tatsache zu schulden, dass sie Ausländer sind, sonder viel mehr dem Problem, dass die Integration in die jeweilige Gesellschaft fehlschlägt bzw. Integrationshilfen und –maßnahmen kaum bis gar nicht vorhanden sind.

 

Es ist kein Geheimnis, dass in Frankreich Menschen mit maghrebinischer Herkunft zum einen schlechtere Berufschancen haben und zum anderen größtenteils in den Banlieues aufwachsen. Sie sind schlecht eingegliedert in die Gesellschaft und zu großen Teilen benachteiligt. So wächst der Hass auf das Gastgeberland aus den Gründen des privaten Elends, der Zukunftsangst. Die Aufgabe für die Politik ist also nicht etwa die Spitze des Eisbergs durch Gerede zum Schmelzen zu bringen, sondern vielmehr unter die kalte Wasseroberfläche zu tauchen, den Ursprung zu betrachten und eine umfassende Lösung zu elaborieren. Zu kompliziert und schwerwiegend ist dieses Thema und die damit einhergehenden Probleme, als dass sie durch vorschnelle Aussagen und unüberlegte Maßnahmen beseitigt werden könnten. Es geht darum, Experten ans Werk zu lassen, die sich seit langem damit befassen um eine tiefgreifende Reform durchzuführen. Dabei scheinen vor allem Integrationshilfe und soziale und ausbildungstechnische Maßnahmen unabdingbar, welche zum momentanen Zeitpunkt in den Planungen des französischen Präsidenten kaum eine Rolle zu spielen scheinen.

 

*La délinquance des jeunes - Les 13-19 ans racontent leurs délits, Seuil, 2001.

 


Sebastian van Vugt

 

29-04-09








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