Wie schmeckt der Klimawandel? Man muss sagen: fruchtig, aromareich und eigentlich nicht sauer, höchstens ist er von einer feinen, angenehmen Säure begleitet. So, in jedem Fall, ist er im deutschen Wein zu erleben.
Seit Jahren sammeln Klimainstitute weltweit Millionen Daten, um die Anormalität der Klimaveränderungen zu beweisen. Die feinen Sinne von Winzern und Weinliebhabern können diese schon seit längerer Zeit wahrnehmen. Traditionserfahrene Zungen schmecken, dass ein Wandel vorgeht, der nichts mehr mit den ihnen bekannten Schwankungen zu tun hat.
"Weintrauben sind als Gradmesser gut geeignet", befindet der Klimaforscher Gregory Jones von der Southern Oregon University. Und Klimahistoriker haben den Weinbau schon länger als Indikator ihrer Forschung entdeckt. Reife- und Erntebeginn, Geschmack und Anbauregionen des „heiligen Getränks“ sind in mittelalterlichen Urkunden vermerkt, in denen über „profane“ Agrarprodukte wenig zu finden ist. Bis ins 16. Jahrhundert hinein wurde in Bad Doberan an der Ostsee oder in Südengland wirtschaftlich Wein angebaut. In alten Schriften ist zu lesen, wie nach Stürmen und Kälteeinfällen diese nordischen Weinberge langsam aufgegeben wurden. An diesen Zeugnissen lässt sich der Verlauf der kleinen Eiszeit nachzeichnen, einer bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts andauernden klimatischen Kälteperiode.
Doch genau am Ablauf dieses langsamen Rückzugs des Weins in den Süden lässt sich verstehen, dass die plötzlichen Vorstöße der Reben in den letzten Jahrzehnten keine natürlichen Folgen klimatischer Langzeitschwankungen darstellen. Auf Diagrammen über Erntebeginn oder Ausweitungen von Anbauregionen fallen für diese Zeit extreme eruptive Zuckungen in eine Richtung auf. So hat sich der durchschnittliche Erntebeginn in den deutschen Mittellagen in den letzten 50 Jahren um ca. 3 Wochen verfrüht. In den 80er Jahren wurden viele der seit 400 Jahren verödeten nordischen Weinberge neu bepflanzt. In Hitzacker an der niedersächsischen Elbe oder in Stargard in Mecklenburg-Vorpommern wird seit einigen Jahren wieder Wein geerntet. Was als Hobby und Touristenattraktion begann, hat durchaus ernstzunehmende Zukunftschancen. Der "Werderaner Wachtelberg" bei Potsdam wurde 1985 wieder bepflanzt. Das dort angesiedelte Klimafolgenforschungsinstitut (siehe Artikel in dieser Ausgabe) diagnostiziert ihm in Bälde beste Bedingungen für den Ausbau hochwertiger Riesling-Weine. 1991 wurde die Lage bei der EU als nördlichstes Weinanbaugebiet Europas für die Produktion von Qualitätsweinen zugelassen
Der Werderaner Wachtelberg liegt am 52. Breitegrad, der durch Münster, nördlich der französischen Grenze entlang und durch den Ärmelkanal verläuft. Dieser Breitengrad gilt in noch heute einschlägiger Literatur als nördlicher Polarkreis des Weines, ab hier sei schlicht kein professioneller Weinbau möglich. Als Spitzenlage für einen Riesling gilt Mosel-Saar-Ruwer am 50. Breitengrad. Die speziellen klimatischen Bedingungen halten den Säureabbau des Weins immer wieder auf und damit bis zur späten Ernte mit seiner Süße in ausgewogener Balance. Hierbei entsteht das weltweit berühmte und begehrte Zusammenspiel von Säure und Zucker im Riesling. Doch in heißen Sommern wie 2003 wird die Säure dort zu schnell abgebaut. Was bei Rotweinen erwünscht ist, führt beim Riesling zum Verlust eines einzigartigen Geschmackspiels. Es bleibt abzuwarten, ob bald an der Havel, in Werder bei Berlin diese Tradition konserviert und weiter kultiviert wird.
Gleichzeitig wandern aus dem Süden neue Rebsorten an Rhein und Mosel ein. In Tradition des französisch-deutschen Freundschaftspakts helfen die weinliebhabenen Nachbarn den deutschen Winzern nach. Der Anbau von Merlot oder Cabernet Sauvignon in Deutschland steigt Jahr für Jahr. Der deutsche Spätburgunder wurde früher gegen den französischen Pinot Noir (gleiche Traube) als zu dünn, zu sauer, zu einseitig belächelt. Heute wird von internationalen Gastronomen immer häufiger der deutsche Pinot bevorzugt. Zugleich haben auch im Süden Frankreichs die Winzer Probleme, den weltweit von hier erwarteten Geschmacksstil konstant zu halten. Bei Blindverkostungen werden renommierte Bordeaux-Weine von Weinen aus dem Burgenland ausgestochen. Aber auch hier wird die europäische Vernetzung auf vegetativer Ebene betrieben: hier werden immer mehr fruchtbetonende Temperanillo-Reben angebaut. Ob aus Spanien bald nur noch Sherry kommt ist die problematische Frage, die den südlichen Polarkreis des Weines existentiell bedroht.
Während in Deutschland dieses Jahr der Federweiße schon im August ausgeliefert wurde, und damit den Supermärkten logistische Probleme bescherte, verfaulten im milden Winter 2006 die Eisweine an den Rebstöcken. Die Eisweinernte muss wohl bald den skandinavischen Nachbarn überlassen werden. 500 Kilometer nördlich von Berlin, auf der schwedischen Insel Gotland, baut Lauri Pappinen seit wenigen Jahren Wein an. Und mit steigendem Erfolg: schon heute kommt er auf einen Ertrag von 3000 Flaschen, den er jährlich um 100% steigern kann.
Der Klimawandel schmeckt süß und beinhaltet durchaus Chancen für den deutschen Wein. Allerdings können „nur durch besondere Bereitschaft und Fähigkeit zur Anpassung an den Klimawandel“ die hiesigen Winzer im Spiel der Kräfte mithalten, so Manfred Stock vom Potsdamer Klimafolgenforschungsinstitut. Flexibilität, variable und schnelle Anpassungen und ein beinahe prophetische Lesen vegetativer Zeichen sind gefordert. Doch bei Gesprächen mit fränkischen Winzern wurde mir klar, wie sehr gerade dieses Metier im Netz von Traditionen verfangen ist. In ländlichen eher konservativ besiedelten Regionen stellt man sich nur langsam auf neue Rebsorten und Anbaumethoden ein. Man ignoriert gerne den gerade hier spür- und schmeckbaren Klimawandel – er wurde zu lange als Phantasma politisch subversiver Parteien belächelt.
Heiko Michels
Heiko Michels arbeitet künstlerisch für die Weinerei in Berlin. 2008 plant er KlimaX, ein (vom Wein unabhängiges) internationales Theaterprojekt über performative Wirkungen des Klimawandels.