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Der zweite Spielfilm der iranischen Comiczeichnerin und Regisseurin Marjane Satrapis “Huhn mit Pflaumen” lief in Frankreich mit großem Erfolg und ist ab dem 5. Januar auch in deutschen Kinos zu sehen.

 

Wie auch ein anderer aktueller französischer Erfolgsfilm “Les Intouchables- Ziemlich beste Freunde” der ebenfalls auf der französischen Filmwoche in Berlin gezeigt wurde, beruht “Huhn mit Pflaumen” auf einer wahren Begebenheit. Es ist die Geschichte von Marjane Satrapis Onkel Nasser Ali Khan, einem berühmten iranischen Lautenspieler. Im Film ist nun aus der Laute eine Geige geworden. Laut Satrapi ist die Laute zu seltsam für einen Spielfilm, hierzulande zu unbekannt und würde deswegen von der Geschichte ablenken.



 

Die deutsch- französisch- belgische Koproduktion wurde 2010 in den Potsdam- Babelsberger Filmstudios gedreht und feierte am 5. September 2011 bei den Filmfestspielen in Venedig Premiere. Nach Marjane Satrapis und Vincent Paronnauds oscarnominierten Animationsfilm “Persépolis” ist “Huhn mit Pflaumen” nun ein “Realfilm” und bis in die Nebenrollen mit berühmten Schauspielern besetzt. Die Hauptfigur des unglücklichen Geigers spielt Mathieu Amalric (unter anderem bekannt aus “Schmetterling und Taucherglocke” von Julian Schnabel). Der aus “Die wunderbare Welt der Amèlie” und diversen Asterix- Filmen bekannte Komiker Jamel Debbouze hat zwei Auftritte als Geigenverkäufer und hellsehender Bettler, Isabella Rosselini spielt Nasser Ali Khans Mutter und Chiara Mastroianni seine Tochter.

 

Ebenso wie “Persépolis” hat Marjane Satrapi “Huhn mit Pflaumen” zuerst als als Graphic Novel gezeichnet, bevor sie zur Verfilmung schritt. Nasser Ali Khan ist verzweifelt. Seine Frau (Maria de Medeiros) hat im Streit seine Geige zerbrochen und da keine andere Geige so wie diese klingt, beschließt er zu sterben. Er legt sich ins Bett und will so lange liegen bleiben, bis er tot ist. Weder sein Bruder, noch seine zwei kleinen Kinder, noch das Huhn mit Pflaumen, dass seine Frau für ihn zubereitet hat, können ihn dazu bewegen, wieder aufzustehen. Zu groß ist der Schmerz über den Verlust der Geige, deren für immer verlorenen, einzigartigen Klang und die damit verlorene Erinnerung an die einstmals geliebte Frau namens “Irane”. (Golshifteh Farahani) Die düstere Geschichte spielt im Iran der 50er Jahre kurz nach der Revolution. Also vor langer langer Zeit an einem Ort, den es so nicht mehr gibt. Die Stimme eines Märchenerzählers leitet den Film ein und man fühlt sich, als würde man einer Geschichte aus 1001 Nacht lauschen.

 

 



Jeder der acht letzten Lebenstage von Nasser Ali Khan ist in einem Kapitel erzählt und einer Person aus seinem Leben gewidmet. Dabei wechselt die Handlung zwischen den Zeiten hin und her. Beispielsweise springen wir recht amüsant in die Zukunft seiner Kinder. Seinem Sohn blüht ein Schicksal als amerikanischer Familienvater mit übergewichtigen Kindern und Dauerfernsehen, aus Nasser Alis Tochter wird eine depressive Femme fatale. Des Weiteren gibt es Rückblicke in Nasser Alis Kindheit, seine Begegnung mit seiner einzig wahren Liebe Irane, oder wie es kam, dass seine Frau und er geheiratet haben.

 

Der Kopf zwischen den überdimensionierten Brüsten Sophia Lorens

 

All dies ist in hoch verdichteten Miniaturen erzählt, in einem zugespitzten Tonfall der gleichermaßen gut unterhält, wie auch die Einfühlung erschwert. So genießt man den Film, aber man ärgert sich auch. Frau und Kinder lieben und brauchen Nasser Ali, aber er denkt nur an die Vergangenheit, also an Irane die er nicht bekommen konnte und an die Geige. So erscheint er als verantwortungsloser Schwächling, der sich stur hinter seinem Kummer um eine lang verlorene Geliebte versteckt, anstatt sich den Anforderungen und Freuden seines Lebens zu stellen. Es ist problematisch, wenn man in einem Film, den Schmerz der Hauptfigur nicht teilen mag. Da hilft auch nicht, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt. So wird man immer wieder ernüchtert, wenn zwischen den acht Kapiteln, Nasser Ali Khan immer noch im Bett liegt und nicht aufstehen will.

 

 



Marjane Satrapi und ihr Co-Autor und Regisseur Vincent Paronneaud arbeiten mit Animationen, markanter Lichtsetzung, Übersteigerungen, Surrealismus. Dies führt zu bezaubernden Ergebnissen, etwa wenn Nasser Ali im Traum seinen Kopf zwischen die überdimensionierten Brüste Sophia Lorens drückt oder seine Begegnung mit Azriel dem Todesengel, aber manchmal eben auch zu Klischees, etwa den weißhaarigen Geigenlehrer Nasser Alis, der wie eine zu häufig gesehene Mischung aus Gandalf und Miraculix wirkt.

Dennoch gibt es keinen Zweifel, dass das Kino oder die Bildkunst überhaupt Satrapis perfektes Medium ist. Souverän erzählt sie mit einem großen Repertoire visueller Zaubertricks. Am Ende aber wurde man durch die Bilder zwar bombardiert, aber nicht bewegt.

 

Eine zerbrochene Geige als Symbol einer zerbrochenen Liebe?




Djamel Debbouze („Die fabelhafte Welt der Amélie“, „Angel-A“) ist in seiner Heimat Frankreich ein bekannter und beliebter Komiker.

Auch den Schauspielern bleibt wenig Platz um ihre Figuren zu entfalten. Eine schöne Frau ist nichts weiter als eine schöne Frau (Irane), ein Mauerblümchen entwickelt sich höchstens zur Megäre (die Ehefrau) und der Geiger entwickelt sich vom lebenden zum toten Trauerkloß. Die Geschichte bleibt an der Oberfläche der Empfindung und kann keine tiefere Gefühlsaufwallung hervorrufen. In Nasser Alis Leben liegt keine echte Tragik, denn es handelt sich hier lediglich um die Geschichte einer Verblendung. Eine zerbrochene Geige symbolisiert eine zerbrochene Liebe? Daran mag man heutzutage nicht mehr glauben, dafür ist es schwer, Mitgefühl aufzubringen. So ist dieser Film ein Bilderrausch, der großen visuellen Genuss bereitet, aber für den Geist bleibt leider nicht allzuviel übrig.

 

Trotz aller Vorbehalte ist dieser Film ein sinnlicher Genuss, den es sich auf jeden Fall lohnt, anzuschauen..

 

Ruth Herzberg

18.12.2011

 

Huhn mit Pflaumen

 

Frankreich | Deutschland | Belgien | 2011 | 90’

Originaltitel: Poulet aux prunes

Regie: Marjane Satrapi, Vincent Paronnaud

Darsteller: Mathieu Amalric, Maria de Medeiros, Golshifteh Farahani, Edouard Baer,

Chiara Mastroianni

Drehbuch: Marjane Satrapi, Vincent Paronnaud

Kamera: Christophe Beaucarne

Schnitt: Stephane Roche

Produktion: Celluloid Dreams & The Manipulators

Verleiher: Prokino








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