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Mit ca. 600 000 Mitgliedern zählt Frankreich die größte jüdische Gemeinde Europas. Doch anders als in Deutschland ist die Mehrheit der französischen Juden (60 bis 70%) nordafrikanischer Herkunft. Sie sind Sepharden und kommen aus den ehemaligen französischen Kolonien: aus Marokko und Tunesien, aber insbesondere aus Algerien.

 

 

Durch das Crémieux-Dekret von 1870 wurden die algerischen Juden zu französischen Staatsbürgern, und zusammen mit den europäischen Siedlern - den „Pieds noirs“ - verließ ein Großteil von ihnen nach der Unabhängigkeit 1962 das Land. Die jüdische Gemeinde Frankreichs hat sich dadurch nicht nur zahlenmäßig vergrößert, sie hat auch ihr Gesicht verändert. Und zugleich die Stiftung einer gemeinsamen Identität erschwert. „Die nordafrikanischen Juden haben die Shoa nicht erlebt. Sie hatten eine andere Geschichte als die jüdische Bevölkerung Osteuropas“ so Esther Benbassa, Historikerin an der „Ecole pratique des Hautes Etudes“ in Paris. „Aber auch sie waren durch das Verlassen ihres Landes und den Rückgang religiöser Traditionen auf der Suche nach Identität. Da die jüdischen Organisationen nicht in der Lage waren eine gemeinsame und dynamische jüdische Kultur zu stiften, wurden die Erinnerung an den Holocaust und die Bindung an Israel zu den entscheidenden Bezugspunkten.“ 

Diese  Identifikation wurde umso dogmatischer, als die Probleme im Nahen Osten sich verschärften. Mit Beginn der Zweiten Intifada im Herbst 2000, ging zudem eine Welle antisemitischer Gewalt in Frankreich selbst einher. „Es war ein Wendepunkt für die jüdische Gemeinde“, sagt Esther Benbassa, „die Erinnerung an den Holocaust  wird seither immer  wieder belebt, sobald die Auswirkungen des israelisch-palästinensischen Konflikts auf europäischem Boden ausgetragen wurden“.

In Frankreich ist diese Spannung besonders spürbar. Denn mit einer Anzahl von 5 Millionen, ist hier auch die stärkste muslimische Bevölkerungsgruppe vertreten. Gerade die nordafrikanischen Juden leben oft gemeinsam mit den muslimischen Arabern in einem Viertel. So in den benachteiligten Pariser Vororten oder dem 19. Arrondissement, das, innerhalb der Stadt eine der größten Armutsraten aufweist. Die Feindseligkeit der arabisch-muslimischen Jugendlichen - die sich ihrerseits mit dem palästinensischen Volk identifizieren - resultiert nicht zuletzt aus der Annahme, die „Feujs“ (Bezeichnung für „Juifs“ in der Jugendsprache, die systematisch die Silbenfolge umdreht) seien besser integriert und hätten größeren ökonomischen Erfolg als sie selbst. Tatsächlich sind auf pro-palästinensischen Demonstrationen nicht selten antisemitische Parolen zu vernehmen. Und die Gefahr eines Anstiegs antisemitischer Einstellungen ist nicht zu unterschätzen. Jedoch, meint Esther Benbassa, „der Antisemitismus wird von den jüdischen Einrichtungen oftmals  instrumentalisiert, um die Politik Israels zu rechtfertigen. Und aus Angst vor dem Vorwurf des Antisemitismus verfallen auch Politiker in diese Hysterie.“

Die Furcht der französischen Juden in Frankreich nicht mehr sicher zu sein, wird durch dieses Klima nur verstärkt. Gerade in jüngster Vergangenheit haben Vorfälle wie die Entführung und Misshandlung des jüdischen Jugendlichen Ilan Halimi oder der Angriff einer schwarzafrikanischen Bande auf das Pariser Judenviertel Marais, zur Verschärfung der Spannungen beigetragen. „Die Identifikation mit Israel entfremdet die Juden Europas zunehmend  ihrem Heimatland“, meint Esther Benbassa. „Aber solange der Konflikt im Nahen Osten nicht gelöst ist, wird auch in Frankreich keine Ruhe einkehren.“ Der Appell Ariel Sharons der die Juden Frankreichs 2004 aufrief, vor dem Antisemitismus nach Israel zu fliehen, ist auf heftigen Protest bei den jüdischen Organisationen gestoßen. Dennoch reisen jährlich ca. 3 000 französische Juden nach Israel aus. Die Frage ist bloß, ob sie dort sicherer sind.    

 Lisa Jandi








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