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Kameras und Reporters vor Dominique Strauss-Kahns Wohnung im New York. Author:Patsw

Die Differenzen im Umgang mit dem Fall Dominique Strauss- Kahn zeigen erneut die Unterschiede zwischen beiden Ländern oder beiden Kontinenten.

 

Wieder einmal sind Franzosen und Amerikaner einander fremd. Die Presse beider Länder folgt verschiedenen Prinzipien, was die Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit angeht. Dies zeigte sich bereits bei der Berichterstattung 1998 zur Lewinsky-Clinton Affäre oder auch im Falle der Verhaftung Roman Polanskis vor zwei Jahren. Privatsphäre wird in Frankreich und den USA unterschiedlich definiert.


Dominique Strauss Kahn- der demontierte Held


Zuerst ist es wichtig zu verstehen, welche Bedeutung Dominique Strauss Kahn (in Frankreich DSK genannt) für die Franzosen hat. Der Wahlkampf für die Präsidentenwahl im Jahr 2012 hat bereits begonnen. Sarkozys Präsidentschaft wird nicht positiv bilanziert und seine Sympathiewerte liegen momentan bei 30 Prozent. Dominique Strauss Kahn sollte 2012, als Kandidat der Sozialisten, gegen Sarkozy antreten. Ihm wurden hohe Chancen auf einen Wahlsieg eingeräumt und er galt als momentan einziger ernstzunehmender Herausforderer von Sarkozy, in einer Zeit in der das Vertrauen in Politiker stark gesunken ist. Jeden Monat bestätigte eine neue Umfrage den voraussichtlichen Erfolg des wie vom Schicksal gesandten DSK.

Und dann zerplatzte der Traum plötzlich an einem Sonntagmittag in New York. Da stand die Hoffnung Frankreichs, flankiert von zwei schlecht angezogenen Polizisten, die Arme hinter dem Rücken gefesselt.



USA frisst DSK?


Die Inszenierung dieses Bildes durch die amerikanischen Medien war zu brutal. Das konnte nicht wahr sein, der Erlöser durfte nicht plötzlich gefesselt und gestürzt werden. Das musste einfach eine Verschwörung sein! Niemand konnte klar denken und der Schock war zu groß um sich vorsichtig auszudrücken. Schnell, vielleicht auch zu schnell, haben sich Freunde, Politiker, Journalisten und Intellektuelle geäußert. Dies sei eine „orchestrierte Tötung“ die die Unschuldsvermutung verletze. DSK sei ein „Verführungskünstler der nie Gewalt anwendet“. Das Problem war, dass sich zu viele empört haben, ohne daran zu denken, dass sie damit auch die Richtigkeit der Aussagen des Zimmermädchens und das amerikanische Justizsystem in Frage stellten.

In den USA entstand der Eindruck, dass der “Intelligenzia Freundeskreis” von DSK nur davon schockiert war, dass ein unwichtiges kleines Zimmermädchen den großen DSK zu Fall bringen konnte, aber nicht von dem Vorwurf der Vergewaltigung selbst.

Die “New York Post” kritisierte den “scheußlichen Elitarismus der Franzosen”. Man kritisierte DSKs intellektuelle Verteidiger, unter anderem Robert Badinter, den hoch respektierten Politiker und Rechtswissenschaftler, oder den Philosophen und Schriftsteller Bernard- Henry Lévy. Nicht nur die amerikanische Regenbogenpresse empörte sich, sondern auch Journalisten wie Nick Cohen oder Michelle Goldberg (newsweek) haben gegen DSKs Fürsprecher in Frankreich gewettert. Zu Zeiten der Lewinsky/ Clinton Affäre lobten dieselben Journalisten die französische und europäische Zurückhaltung gegenüber einer Privataffäre. Diesmal dominiert in den USA die Enttäuschung über eine “selbstverliebte Clique, die glaubt, dass ihnen alles erlaubt ist“.


Die Schule des Lebens: Eliteschmiede ENA

Hintergrund ist, dass in Frankreich die meisten Politiker an der Elitehochschule ENA (École Nationale d’Administration) ausgebildet werden. Wer nicht an der ENA war, war an der Eliteuniversität “Science Po” (oder auch: Institut d’Études Politiques de Paris - IEP de Paris). Die Zugangsberechtigung an beide Institute erfolgt durch ein Auswahlverfahren zwischen allen Bewerbern: den Concours. Der Concours soll ein neutraler Wettbewerb sein, ist aber sehr selektiv und verhindert nicht die Homogenität der Studenten. Es gibt nur sehr selten Fälle von Studenten aus der Arbeiterklasse, die an diesen Eliteschulen angenommen werden und sie erfolgreich bestehen. Die Brücken nach oben für jemanden der aus der Arbeiterklasse stammt, sind also beschränkt.

Da fast alle Politiker Ena- Absolventen sind und aus einem hoch privilegierten Milieu stammen, entstand ein abgeschlossene Sphäre der Mächtigen Frankreichs. Dominique Strauss- Kahn kommt aus dieser Klasse von Großbürgern, die eine hohe Bildung, Geld und Macht besitzen.

Eine gewisse Arroganz herrscht in dieser Gesellschaft, deren Mitglieder glauben, dass sie aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Ausbildung ein unverrückbares Anrecht auf ihre Privilegien haben. So ist heutzutage in Frankreich leider festzustellen, dass die Privilegien, die nach der französischen Revolution abgeschafft wurden, in einer anderen Form wieder gang und gäbe sind. Wenn Bernard Henri Lévy schreibt, dass DSK nicht „jeder andere“ sei und er wegen seiner Position anders behandelt werden sollte, darf man sich fragen ob er als „Vertreter der Liberalität“ spricht, oder ob er einfach die vermeintlichen Vorrechte seiner elitären Gattung verteidigt.


Wer angeklagt wird, ist selber schuld


Das Ansehen eines Mächtigen der einen Fehltritt macht, kann von der amerikanischen Presse (im Gegensatz zur französischen) schwer beschädigt werden. Die Bilder von DSK in Handschellen waren schockierend, ebenso die Informationen über Details, ob bewiesen oder nicht, die von der New York Post veröffentlicht wurden. Aber so ist das mit einer Presse, die ihr Geld mit Skandalen verdient.

Die amerikanischen Medien waren schon immer aggressiv, schon 1994 konnte man OJ Simpson mit seinem Auto auf der Flucht vor der Polizei, live im Fernsehen sehen. Dadurch wird Die Unschuldsvermutung im Amerika in frage gestellt.

Das amerikanische Justizsystem wurde in Frankreich stark kritisiert . Die amerikanische Gerichtsbarkeit legt Wert auf die Anklage, so dass im Gegensatz zu Frankreich oder Deutschland, der Angeklagte seine Unschuld beweisen muss und nicht der Ankläger seine Schuld. Die in der amerikanischen Presse veröffentlichten “Fakten” belasten den Angeklagten und tragen zu einer Vorverurteilung durch die Öffentlichkeit bei.

Für die Franzosen und insbesondere für Strauss-Kahns Anhänger sah es so aus, als ob die amerikanische Presse das Ziel hatte, DSK schon vor dem Ende des Prozesses schuldig zu sprechen. Es ist aber nicht zu vergessen, dass sich DSK jetzt in dieser unangenehmen Lage befindet, weil die Amerikaner die Aussagen des immigrierten, schlecht bezahlten Zimmermädchens gegen den Mächtigen ernst nehmen. Daher ist es zwiespältig, ein Justizsystem zu kritisieren, dass eine solche Situationen zulässt.


Wer zu seiner Frau nicht ehrlich ist, ist es zu niemandem?

In den letzten Tagen zeigte ein neuer Skandal, dass die Auffassung von Privatsphäre in Amerika, sich von der der Franzosen stark unterscheidet. Der demokratische Abgeordnete Anthony Weiner musste wegen der Veröffentlichung aufreizender Fotos, die er an eine Studentin sandte, zurücktreten. In den USA werden Politiker anhand ihres Privatlebens bewertet. Elaine Sciolino, Korrespondentin der New York Times sagte, es sei eben eine Sache der Beurteilung : „Will man einem Leader vertrauen, der ein Doppelleben führt?“ und „Ist ein außereheliches Verhältnis für seine Frau und das Land annehmbar?“

Hier liegt der Unterschied: Während die Amerikaner ihre Abgeordneten anhand der Gesamtheit ihrer Handlungen beurteilen, sind für die Franzosen allein die politischen Taten wichtig.

Patrick Jarreau, der Ex-Chef des politischen Ressorts von Le Monde meint, man könne einen Politiker in seiner gesamten Arbeit nicht als verdächtig ansehen, nur weil er Geheimnisse in seinem Eheleben hätte. Für Patrick Jarreau wäre das so, als ob die eheliche Moral auch Maßstab für die politische Begabung eines Menschen sei.



Ehefrauen und Franzosen müssen nicht immer alles erfahren

Die Franzosen werden also von der Presse nicht über alles informiert, wenn die Information vom Journalisten als privat und ohne Verbindung zur Politik angesehen wird.

Die Auswirkungen einer Affäre wie die von Anthony Weiner wären in Frankreich gleich null gewesen. Und doch: seit der DSK-Affäre werden die strengen Presseregeln infrage gestellt. Seit Strauss- Kahns Verhaftung tauchen viele alte Geschichten auf, so dass man das Gefühl hat, diese wurden damals von den Medien absichtlich nicht verbreitet, um ihn zu schützen. 2008 wurde das Verhältnis von DSK mit einer ungarischen Mitarbeiterin öffentlich gemacht. Um festzustellen ob DSK, Piroska Nagy deswegen befördert hätte, wurde eine Untersuchung von den Anwälten Morgan, Lewis & Bockius LLP beantragt. Piroska Nagy hatte ein Brief an die Anwälte geschrieben, indem sie aussagt: „Herr Strauss-Kahn hat seine Stellung missbraucht, um an mich heranzukommen“ und beschließt „Ich fürchte, dieser Mann ist unfähig, in einer Organisation zusammen mit Frauen zu arbeiten”.

Diese Anklagen sind, im Bericht der Anwälte der DSK entlastet, nicht zu finden. Nagys Brief wurde in der französischen Presse nicht verbreitet. Nur die Zeitung L'Express veröffentlichte eine Kurzfassung.

Eine andere Angelegenheit, die in den Tagen nach DSKs Verhaftung wieder zur Sprache kam, ist die der Journalistin und Schriftstellerin Tristane Banon. Nach ihrer Aussage, versuchte der Politiker zuerst, sie zu verführen. Nachdem sie ihn zurückwies, versuchte er mit Gewalt an sie heranzukommen, aber ohne Erfolg, da Banon fliehen konnte. Diese Geschichte erzählte sie auch in einer Fernsehsendung, der Name des Politikers wurde aber ausgepiepst.

Piroska Nagys und Tristane Banons Aussagen könnten falsch sein. Aber warum wurden diese Vorwürfe in Frankreich so wenig verbreitet?

Die französischen Gesetze zum Schutz der Privatsphäre verhindern, dass die Presse sich so stark in Richtung Boulevard entwickelt, wie in den USA oder in England, wo die neuesten Eskapaden von Paris Hilton wichtiger sind, als ernste politische Themen.

Andererseits zeigt sich nun, dass diese strengen Gesetze auch legitime Recherchen verhindern und Journalisten sich selbst zensieren um einen Prozess wegen Verleumdung zu vermeiden. Der Schock, die Realitätsverweigerung, die Verschwörungstheorien und seltsame Behauptungen hätten weniger Überhand gewonnen, wenn die Franzosen schon früher von DSKs Appetit für Frauen gewusst hätten. Ab dem 18. Juli, dem Datum von Domnique Strauss-Kahns Prozess, werden wir peu à peu alles über jeden seiner Abwege erfahren.

In Frankreich ändert sich seit Strauss- Kahns Verhaftung das Bewußtsein darüber, was privat ist und was nicht. Patrick Jarreau von Le Monde meint, man müsse von den Amerikanern lernen. „Man muss zugeben: die Grenze dessen, was öffentlich und was privat ist, muss neu gezogen werden.”

 

Thomas Hess

Ruth Herzberg

29.06.2011.








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