„Tanzt, tanzt sonst sind wir verloren“, sagte Pina Bausch. Damit identifiziert sich auch Anissa Bruley. Die 22-jährige Französin ist seit drei Jahren eine der 87 Tänzer des Staatsballetts Berlin. Am Tanzen liebt sie besonders die Disziplin und die Strenge. Dennoch bevorzugt sie die neo-klassische Oper, die sie als eine Herausforderung empfindet, weil der Tanzstil und die Tanzschritte etwas freier sind. Tanzidole hat die junge Tänzerin ebenso, ihr Lieblings Choreograf bleibt William Forsythe, dessen Vorstellung des Köpers und die besonderen Gestik faszinieren sie. Schwarzes Haar, tiefe dunkle Augen, offenes Lachen. Anissa ist zierlich; den Big-Mac, den sie am Tag zuvor aß, sieht man ihr nicht an. Portrait einer Berliner Tänzerin der lockeren Art.
Anissa kann sich nicht mehr wirklich erinnern, wie sie zum Tanzen gekommen ist. Eine Schulfreundin ging zum Tanzunterricht, so wollte sie das auch mal probieren. Mit fünf Jahren besucht sie ihren ersten klassischen Tanzkurs in ihrer Heimatstadt Troyes und ist sofort begeistert. Die Tanzlehrerin ist ebenfalls fasziniert von dem Talent des jungen Mädchens und schnell steigt das Wunderkind in die höheren Kurse ein. Mit 14 schickt die Tanzlehrerin sie zur Aufnahmeprüfung des Pariser Conservatoire. Das wird der erste Schock für Anissa. Sie wird mit dem Niveauunterschied zwischen der Provinz und Paris konfrontiert und lernt zum ersten Mal den Wettbewerb kennen. „Bisher hatte ich nie richtig getanzt“ sagt sie jetzt dazu. Von den 300 Bewerbern wurden lediglich 11 aufgenommen. Anissa war eine von ihnen. „Heute noch empfinde ich dieses Ereignis als eine Überraschung“, so Anissa.
Die 14-Jährige zieht also alleine in die Hauptstadt. Ihre Eltern, ein französischer Fotojournalist und eine Personalleiterin marokkanischer Herkunft, von der sie ihr lockiges Haar geerbt hat, unterstützen sie weiterhin. Neben dem Conservatoire muss Anissa wie viele junge Tänzer ihre Schulausbildung mit wenigen Unterrichtsstunden abschließen. Sie besteht ihr Abitur ohne Probleme, gibt aber trotzdem zu, dass viele Tänzer -bewusst oder unbewusst- ihr Studium vernachlässigen, um sich ausschließlich dem Tanzen zu widmen. Jedoch ist das Abitur erforderlich um das Tanzdiplom zu bekommen, da die Tanzkarriere nicht unendlich ausdehnbar ist. Viele wollen Tanzlehrer werden, wenn sie den Beruf des Tänzers nicht mehr ausüben können. Das ist auch Anissas Wunsch.
Auf geht’s nach Berlin
Die Berliner Staatsoper, die Deutsche Oper und die Komische Oper sind zu ihrem Zuhause geworden. Nachdem sie Tanzdiplom mit Auszeichnung erhält, wird sie direkt im Staatsballett Berlin aufgenommen. Das Ballett zählt seit dem Zusammenschluss der drei Berliner Ensembles im Jahr 2004 zu den größten Balletten im Westen. Intendant ist der berühmte Tänzer Vladimir Malachow. In der Hauptstadt hat sich Anissa gut eingelebt, die Berliner Gleichgültigkeit gefällt ihr. Sie fühlt sich frei und unbeobachtet. Sonderlich schön findet sie die Stadt nicht. Sie fährt partout kein Fahrrad aber sie mag es, Platz und Raum in einer Stadt zu haben. Das hat sie in Berlin gefunden.
Heimweh gibt es also nicht, auch wenn sie eingesteht, in einer besonderen Welt zu leben. Alle ihre Freunde sind Tänzer und daher verstreut in der ganzen Welt. Es ist schwer, in Kontakt zu bleiben. Und mit denen, die gar nichts mit dem Tanz zu tun haben, fällt der Gesprächsstoff meist bescheiden aus. Außerdem lässt der Alltag eines Tänzers nicht viel Zeit für Begegnungen, von Ende August bis Ende Juni und von morgens bis abends wird getanzt. Am Wochenende finden meist Aufführungen statt. Um sich eine Auszeit von der Tanzwelt zu gönnen, liest Anissa viel. Kundera mag sie besonders, Gefallen findet sie aber auch an den inhaltlich leeren Geschichten von Marc Levy. Manchmal braucht sie einfach eine Ablenkung.
Streben nach mehr
Nachteile der Karriere eines Tänzers gibt es viele. Am meisten bereut Anissa, dass sie nicht ernst genommen wird. Sogar in ihrem eigenen Bekanntenkreis sind einige der Meinung, Tanzen sei kein richtiger Beruf und trotz aller Probenstunden sei Tanzen trotzdem nur ein Hobby. Es sei nicht besonders schwer und vor allem könne ja jeder so etwas machen. Obwohl sie es schon mit 22 nach Berlin geschafft hat und in ein großes und bedeutendes Ballettensemble aufgenommen wurde, hat die junge Tänzerin immer wieder mit solchen Vorwürfen zu kämpfen.
Auch wenn ihr bewusst ist, dass sie Vieles zustande gebracht hat, hat sie das große Bedürfnis, sich professionell weiterzuentwickeln und kontinuierlich Fortschritte zu machen. Ein paar Solos hat man ihr schon zugetraut, jetzt möchte sie als Solotänzerin oder gar als erste Solotänzerin den Durchbruch schaffen. „Ich habe das Tanzen nicht gelernt, um auf der Bühne im Hintergrund zu tanzen“, sagt sie mit Ehrlichkeit. „Ich will wegen meines Talents angesehen werden“. Vielleicht wird ihr Talent bald über Berlin hinaus anerkannt. Dann würde Anissa wieder von vorne anfangen, eine neue Truppe integrieren, eine neue Stadt für sich gewinnen und weitere Bühnen dieser Welt mit ihrer Freude am Tanzen bereichern. Denn es Anissa nie an Freude mangelt. Vielleicht deswegen kennt sie einen solchen Erfolg bei dem Tanz. Tanzen ist vor allem eine Sache des Gebens.
Marie Perrin
le 16/08/11
Das Staatsballett Berlin machte am 03.03.2011 ein "Flash Mob" in der Hauptstadt. Mit den Alltagsklamotten und ganz normalen Schuhen haben die Tänzer des Staatsballett Freude in den Berliner Hauptbahnhof geschaffen.