

2002 hatte der ehemalige PS-Politiker (Parti Socialiste) Jean-Pierre Chevènement mit seiner MRC-Partei bei der Präsidentschaftswahl kandidiert, was ihm harte Vorwürfe aus dem linke Lager einbrachte. Angeblich habe er damit indirekt zur überraschenden Niederlage des PS-Kandidaten Lionel Jospin beigetragen und so den Aufstieg des rechtsradikalen Jean-Marie Le Pen ermöglicht. Nun hat er am 5. November wieder seine Kandidatur angekündigt. Die PS sieht dem erstaunlich gelassen entgegen, vermutlich weil sie hofft, dass Chevènement, wie 2007 bei Royal, schließlich doch ihren Kandidaten Hollande unterstützen wird. Ein genauerer Blick auf den ehemaligen Verteidigungsminister lohnt sich trotzdem: Wer ist Jean-Pierre Chevènement?

Der erste Wahlgang der französischen Präsidentschaftswahl 2002 (französische Wahlen werden meist durch eine Stichwahl zwischen den beiden populärsten Kandidaten entschieden) war ein Schock für viele Demokraten. Statt des PS-Kandidaten Lionel Jospin, war es der Rechtspopulist Jean-Marie Le Pen (Front National), der in der Stichwahl gegen den amtierenden Präsidenten Jacques Chirac antrat. Böse Stimmen wurden daraufhin bei linken Wählern und Politikern laut, die Chevènement dafür verantwortlich machten. Er hatte Anfang der 1990er Jahre die PS verlassen und seine eigene Partei MRC (Mouvement républicain et citoyen) gegründet. Als er 5,33% beim ersten Wahlgang erreichte, warf man ihm vor Jospin wertvolle Stimmen geklaut zu haben. Jospin musste schied aus dem Rennen aus, weil Le Pen ein Schock-Resultat von 17% erreichte. Dass der eigentliche Skandal darin lag, dass so viele Französen radikal wählten, geriet dabei aus dem Fokus. Der TV-Sender TF1, der in der Woche vor der Wahl Bilder zeigte, auf denen das Haus eines älteren Herren von Ausländern niedergebrannt wurde, und die trotzkistischen Parteien, die in ihrer Ballung ebenfalls gute Ergebnisse erreichten und der PS damit schadeten, mussten nicht mit den selben Vorwürfen leben, wie der elsässische Politiker. Er tut sich nach wie vor schwer damit, das Image des Jospin-Saboteurs abzulegen.

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 Weise Augen blicken in die Kamera. Der erfahrene Politiker weiß, wie man gelassen wirkt und Vertrauen erzeugt.
Bild: chevènement
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Als Jean-Pierre Chevènement 1998 Opfer einer falsch ausgeführten Anästhesie wurde und lange im Koma lag, entkam der Politiker nur knapp dem Tod. Er schwang sich mit neuem Elan in den politischen Sattel und stellte 2002 – als Globalisierungsgegner, linker Nationalist und Anti-EU-Föderalist - sein republikanisches Projekt für Frankreich vor. Damals bestand er auf der Erhöhung der Verteidigungsausgaben und des Mindestlohns um 25 Prozent. Zudem schlug er den gesetzlichen Ruhestand mit 60 Jahren vor und forderte mehr nationale Eigenständigkeit gegenüber der EU und den USA.
Im Zuge der 2012 stattfindenden Präsidentschaftswahl (22. April und 06. Mai) bezieht er sich wieder auf aktuell brisante Themen. Der Zeitung Le Monde gegenüber sprach er sich gegen den Euro aus, der, in Form einer einheitlichen Währung, eine Belastung für die EU darstelle. Es gebe zwei Auswege aus der Krise, erklärte er: Entweder die Europäische Zentralbank (EZB) als Motor würde gezielt gestärkt (was allerdings nur möglich sei, wenn Deutschland sich dem nicht entgegenstelle) oder man müsse sich vom Modell einer Einheitlichen Währung distanzieren und ein dezentrales Steuerungsmodell für den Euro in Erwägung ziehen. So könne man die Wertigkeit des Euro besser auf Frankreichs Bedürfnisse abgestimmt steuern. Dezentralisierung sei sowieso wünschenswert, auch wenn es um Frankreich Budget- und Steuerentscheidungen gehe, denen eine europäische Einmischung unzuträglich sei. Europa könne sich nur erholen, wenn aus dem Föderalismus wieder eine Konföderation werde, und Frankreich müsse sich re-industrialisieren.

Pluspunkt Prinzipientreue
Der 72-jährige vertritt ziemlich radikale Forderungen. Über alle Parteigrenzen hinweg, wird er für seine Prinzipientreue respektiert. Diese Prinzipientreue ist es auch, die ihn dazu treibt, immer wieder mit der PS, der er Mitte der sechziger Jahre beitrat, in Konflikt zu treten. 1983 missfällt ihm beispielsweise die Rechtsliberalisierung der PS, woraufhin er sein Amt als Minister für Forschung und Industrie niederlegt. 1991 lehnt er Mitterands Golfkriegsentscheidung ab und tritt als Verteidigungsminister zurück. Innenminister will er unter Jospin nicht mehr sein, als ihm 2000 seine Korsika-Politik nicht passt. Chevènement gründet erst die Ceres, den linken Flügel der PS, um die Partei dann Anfang der 1990er Jahre komplett zu verlassen und 1992 die MRC zu gründen, deren Präsident er ist. Von ihm stammt der Satz: „Un ministre, ça ferme la gueule, si ça veut l’ouvrir, ça démissionne.“ Er drückt aus, wie stark de Elsässer sich oft zusammenreißen musste, um nicht an Parteilinien zu stoßen. Viele schenken ihm auch Vertrauen, weil er seit Jahren erfolgreich als Bürgermeister, Abgeordneter und Senator in seiner Heimatstadt Belfort und seiner Heimatregion, aktiv ist.
Er gilt als intellektuell, hat Politik und Wirtschaft an den renommiertesten Instituten Frankreichs studiert und kennt sich, für die Deutschen besonders spannend, mit der deutschen Kultur bestens aus. Das liegt einerseits daran, dass er einer Familie des schweizerischen Kantons Freiburg entspringt (sein Familienname kommt vom deutschen Schwennemann) und andererseits, weil er im Territoire de Belfort, einer Region im deutsch geprägten südlichen Elsass, aufgewachsen ist.

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 Chevènements Heimatstadt Belfort; dahinter die Vogesen.
Bild: olympi
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Von seinen Anhängern liebevoll Che genannt, zieht es Chevènement vor, ohne großen Partei-Apparat im Rücken unabhängige Entscheidungen zu treffen, was vor allem denen gefällt, die sich vor einer wachsenden Entscheidungsmacht der EU fürchten (Gaullisten) oder die PS als zu liberal empfinden. Dass er aber seiner ehemaligen Partei, der PS, schadet, indem er selbst kandidiert, sieht Chevènement nicht als Problem an. Es sei ja nicht seine Schuld, dass er 2002 der PS stimmen geraubt habe. Die Wähler hätten eben erkannt, dass er bessere Argumente bringe als Jospin mit seinem Kurs, gab er in einem Interview mit der Boulevardzeitung Le Parisien rückblickend an. Im Gespräch mit Le Monde definierte er vorgestern seine Kandidatur auch als symbolischen Akt, mit dessen Hilfe er neue Bewegung in den Wahlkampf linker Parteien bringen könne. Letzten Endes, so erklärte er am Samstag dem Sender France 2 könne dies dazu beitragen, dass die linken Parteien besser für die Herausforderungen der Zukunft gewappnet seien.
Politiker-Kollegen hoffen auf zukünftige Unterstützung

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 Wenn es 2012 zur Stichwahl Sarkozy/Le Pen kommt, wird PS-Präsidentschaftskandidat Hollande dem ehemaligen Parti-Genossen Chevènement weniger entspannt gegenübertreten.
Bild: Parti socialiste
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Arnaud Montebourg, der bei der Vorwahl der PS im Oktober den dritten Platz belegte, bezeichnete auf Canal+ Chevènements Kandidatur als absolut vereinbar mit der von François Hollande und denkt, zwischen den beiden Männern vermitteln zu können. Er hält Chevènements Anti-Globalisierungs-Argumente für sinnvoll und spricht sich ebenfalls für stärkere europäische Grenzen aus. Man könne Chevèments Kandidatur ad absurdum führen, wenn Hollande sich seinen Haltungen anpassen würde, so Montebourg. Auch der 72-jährige selbst bekundet, nicht gegen Hollande antreten zu wollen. Der sozialistische Senator Vallini denkt, dass es Raum für Diskussionen mit Chevènement geben sollte, besonders im Zusammenhang mit einer von ihm vorgeschlagenen Stärkung der EZB. Bezüglich Chevèments Kandidatur, so Vallini, gebe es das realistische Risiko der Stimmenaufsplittung, zumal auch Eva Joylnet und Jean-Luc Mélenchon kandidierten.
Insgeheim, so schreibt die Zeitschrift Nouvel Observateur am 7. November, hoffe die PS darauf, dass Chevènement, wie 2007 bei Ségolène Royal, diesesmal Hollande den Vortritt lassen und sich offiziell an seine Seite stellen wird. Dafür spricht auch, dass der MRC-Politiker bei den Wahlprognosen nicht einmal mitgezählt wird, so Gaël Sliman von der französischen Umfragengesellschaft BVA am Montag im Figaro. Gründe für ein potenziell schlechtes Abschneiden von Chevènement bei den Präsidentschaftswahlen könnten sein, dass man schon seit langem und speziell seit Jospins Wahldebakel 2002, für das Chevènement verantwortlich gemacht wird, nicht mehr von ihm gehört habe. Zudem müsse der Elsässer noch 500 Bürgschaften sammeln, um kandidieren zu können; davon habe er erst die Hälfte beisammen.

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 Alain Juppé, Frankreichs Außenminister, stichelt gerne.
Bild: francediplomatie
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Von Seiten der UMP liest man in der französischen Presse natürlich Sticheleien. Außenminister Alain Juppé gibt dem Nouvel Observateur gegenüber an, Chevènement zu bewundern, da er sich trotz einer Aussicht auf höchstens 3, 4 oder 5 Prozent der Stimmen so tapfer zur Wahl stelle. Bei Radio J verteidigte Chevènements alter Freund und ehemaliger Minister Brice Hortefeux dessen Entscheidung, da es sich beim MRC-Präsidenten um einen ehrlichen Mann von großer Erfahrung handle, der Hollande insofern einiges voraus habe.
Twitter-Hype sorgt für zusätzlichen Gesprächsstoff

Eines hat er anderen Kandidaten tatsächlich voraus, und das hat er vermutlich noch nicht einmal selbst initiiert: Chevènement hat mit seiner Kandidatur vom 5. November einen Hype auf Twitter ausgelöst. Dort haben sich das ganze Wochenende und weltweit Twitter-Nutzer damit amüsiert, Chevènements Familiennamen in Filmtitel einzusetzen. Ein Nutzer mit dem Pseudonym @Tuptudup hatte damit begonnen. Ob es sich dabei um ihn selbst, einen seiner Mitarbeiter oder jemand ganz anderen handelt, ist nicht bekannt. Selbst Politiker haben sich daran beteiligt. Dabei kamen Titel wie Le Chevènement sifflera trois fois (deutscher Titel Zwölf Uhr mittags, Pierre Moscovici, PS) oder – ironisch und abwertend - Bienvenue chez les Chevènement (deutscher Titel Willkommen bei den Sch‘tis, Yves Jego, UMP-Abgeordneter der Seine et Marne) heraus. Er selbst schlägt La ruée vers Chevènement (deutscher Titel Goldrausch) vor.

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 Chevènement, ob geplant oder nicht, kamen nun auch soziale Medien zugute. Unterhaltsam ist das Chevèment-in-Filmtitel-Einsetz-Spiel allemal.
Bild: Egosciente@Twitter
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Céline Deligny
09.11.2011
resultats entre 1 et 2 de 2
Chevènement mag einen Namen deutschen Ursprungs und sich für deutsche Kultur interessieren, ABER:
das Territoire de Belfort ist schon seit Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr elsässisch und war auch davor schon der französischsprachig geprägte Teil des Elsass! Es ist heute Teil der Franche-Comté, dass ist in ihrem Artikel falsch oder zumindest sehr unklar geschrieben.