Die Académie française, die für die Reinheit der französischen Sprache verantwortliche Institution, hat im Juni ein neues Mitglied aufgenommen. François Weyergans ersetzt nach acht Jahren seinen Vorgänger Maurice Rheims. Der Eintritt in die Académie galt für französische Intellektuelle lange als ein Zeichen höchster Anerkennung.
Die Académie française hat die Aufgabe, die französische Sprache zu bewahren, die Ausdrucksformen festzulegen und ihre Kontroversen zu klären. Sie besteht aus vierzig Mitgliedern, die auch Les Immortels (die Unsterblichen) genannt werden. Diese Bezeichnung findet ihren Ursprung in der Devise des Siegels der Académie – „Zur Unsterblichkeit!“. Um ein Mitglied der sogenannten Unsterblichen zu werden, muss der Kandidat eine im Vorhinein festgelegte Prozedur durchlaufen. Und dies kann sehr lange dauern.

Der französische Woody Allen
Nachdem François Weyergans am 26. Juni 2009 aufgenommen wurde, musste er mehr als zwei Jahre warten, bis er die traditionelle Lobrede auf seinen verstorbenen Vorgänger halten durfte. Am Tag der Zeremonie hat er dafür die angesehenen Akademiker eine Viertelstunde auf sich warten lassen. Am 16. Juni nahm der Goncourt-Preisträger belgischer Herkunft schließlich auf dem Stuhl mit der Nummer 32 Platz. Selbstverständlich in der traditionellen grünen Uniform, wobei die seinige von Agnès b. designed wurde. Designed – genau um solchen Fällen der Sprachabänderung entgegenzuwirken, existiert die Académie française; die Ursprünglichkeit der Sprache Molières soll erhalten bleiben.

François Weyergans, der in seinem Jugend Filmregisseur werden wollte, bezeichnet sich selbst als ein Cineast, der keine Filme dreht. Als Schriftsteller hat er seine Ausdrucksform gefunden. Mit Drei Tage bei meiner Mutter, wofür er 2005 den Goncourt Preis erhielt, hat er sich einen Platz in der französischsprachigen Literatur geschaffen. Sein autobiografischer Roman über das bekannte Phänomen der Schreibblockade zeichnet sich durch seine mehrstufige Erzählstruktur aus. Wegen seiner Neigung zur Eigenparodie wird François Weyergans oft als französischer Woody Allen bezeichnet. Außerdem hat er insbesondere durch seine ablehnende Haltung gegenüber der Académie auf sich aufmerksam gemacht.

Die Académie zwischen zwei Stühlen
Die Académie française befindet sich in einer Phase der Veränderung. Viele Mitglieder sind schon alt und eben doch nicht “unsterblich”. Eine wichtige Epoche ist mit Maurice Rheims und Claude Lévi-Strauss zu Ende gegangen und die neue Generation hat Schwierigkeiten, ihre Identität durchzusetzen. Das Profil der Akademiker ändert sich und viele wichtige Schriftsteller behalten eine gewisse Distanz. Yves Pouliquen, ein berühmter Medizin-Professor, ist seit 2001 Mitglied der Académie. Und das, obwohl seine Karriere nichts mit der französischen Sprache zu tun hat.

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 Welche Legitimität hat die veraltete Académie für die neuen Generationen? © Glotz
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Die Legitimität und das Prestige der Académie française werden in Frage gestellt. Wieso sind französische Größen der Literatur wie Jean Echenoz, Patrick Modiano, Pascal Quignard oder J.M.G. Le Clézio nicht nur abwesend, sondern wollen noch nicht einmal dazugehören? Die neue Generation von Schriftstellern betrachtet die Institution als eine Polizei der Sprache, manche sprechen von einer “Versammlung alter Knacker”. Die Zeiten, in der brillante Romanciers für den Eintritt kämpften, scheinen also vorbei zu sein.

Eine Vergangenheit, die schmerzt
Es ist nicht das erste Mal, dass die Académie française eine Identitätskrise erlebt. Der Zweite Weltkrieg stellt ein Kapitel ihrer Geschichte dar, worüber diese anerkannte Institution lieber schweigt. Viele Kollaborateure und Anhänger des Vichy Regimes wie Louis Bertrand, Abel Bonnard, Abel Hermant oder Charles Maurras befanden sich in den Rängen der Unsterblichen. Die Institution hat Pétain und Maxime Weygrand gewählt. Nach dem Krieg musste sie – mehr oder weniger erwünscht – ihre Ränge säubern, wenn dem auch die meisten Betroffenen entgangen sind. Einige sind vor der Befreiung gestorben, andere haben rechtzeitig das Land verlassen. Abel Bonnard hat zum Beispiel Zuflucht bei Franco gefunden. Trotzdem gab es Sanktionen, Entlassungen und Amtsenthebungen und dies zumal an der Grenze zwischen Bestrafung und Anerkennung. Der Marschall Pétain und der rechtsextreme Schriftsteller Charles Maurras haben zwar ihre Plätze in der Akademie verloren, wurden aber nicht vor ihrem Tod ersetzt.
In dieser Zeit musste die Académie française ausnahmsweise auf ihre Rituale verzichten. Kandidaten wie Jules Romain mussten nicht die traditionellen Besuche der am Regime involvierten Mitglieder der Académie abstatten. Es gab auch keine Lobrede an die entehrten Vorgänger. Hat die Académie française ihren ehemaligen Ruf seitdem wiedererlangt? Die Frage bleibt offen.

Der akademische Frühling
Heute wäre es zu einfach, zu sagen, dass die Académie française den Fortschritt schlichtweg ablehnt. Die Integration anderer Disziplinen, eine Tatsache die viele Franzosen erstaunt, ist eigentlich ein Versuch die veraltete Institution zu modernisieren. Der Begriff des Intellektuellen befindet sich im Wandel. Eingeführt im Kontext der Dreyfus Affäre und Emile Zolas Engagement(1), wird seine Definition erweitert. Heute sind es nicht mehr ausschließlich engagierte Schriftsteller und Künstler die als Intellektuelle gelten, lautet die Botschaft, die die Institution versenden möchte. Schon 1988 wurde der Ozeanograph Jacques Yves Cousteau, bekannt für sein ökologisches Engagement, in die Académie française aufgenommen.

Seit dem Eintritt von Marguerite Yourcenar im Jahre 1980 integriert die Académie auch weibliche Intellektuelle. Auch wenn sie deutlich die Minderheit darstellen, beweist die Académie einen zwar kleinen aber dennoch wichtigen Fortschritt auf dem Weg der Gleichberechtigung. In den vergangenen Jahren haben zum Beispiel die Eintritte von der algerischen Schriftstellerin Assia Djebar (2005) und von den französischen Politikerin Simone Veil (2008) Aufmerksamkeit erregt.

Auch sind die Beitritte in die Académie mehr und mehr politisch motiviert. Diese Entwicklung zeigt sich beispielsweise im Fall von Amin Maalouf. Der Gewinner des Goncourt-Preises wurde am 23. Juni von den Unsterblichen gewählt. Der Schriftsteller ist in Beirut geboren, schreibt auf Arabisch ebenso perfekt wie auf Französisch und widmet seine Werke der Völkerverständigung. Für Amin Maalouf hat die Akademie ihren Glanz keineswegs verloren. "Wenn Sie ein Schriftsteller französischer Sprache sind, ist die Académie française der Ort und die Referenz schlechthin, von der man seit seiner Kindheit träumt" gibt er bei einem Gespräch zu.

Katerina Vojtechova
07.07.2011

(1)1898 hat der Schriftsteller Emile Zola einen offenen Brief an den Präsidenten in der Zeitung Aurore veröffentlicht. Damit wollte er den jüdischen Militär Alfred Dreyfus verteidigen. Dieser wurde ungerechterweise wegen Spionageverdachts verhaftet.

Die Unsterblichen - Wie alles begann
Die Académie française wurde 1635 unter Louis XIII von dem Kardinal Richelieu gegründet. Der Kardinal Richelieu hat für den Schutz dieser Institution gesorgt. Nach ihm waren es die Könige, Kaiser und Staatsoberhaupte, die für diese Aufgabe verantwortlich waren. Zu den ursprünglichen Aufgaben der Académie gehörte die Bestimmung der Regeln für die französische Sprache, ihre Bewahrung und ihre Verständlichkeit für alle zu garantieren. Die Gelehrtengesellschaft bringt deshalb regelmäßig ein Wörterbuch heraus. 1694 wurde die erste Auflage veröffentlicht. Seit 1992 ist die neunte Version des Wörterbuchs in Ausarbeitung. |
