imprimer   10.02.2012 
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Dass die Franzosen im Verhältnis zu den Deutschen beim Umweltschutz „Spätzünder“ sind, war mir schon bewusst, als ich Mitte der 90er Jahre aus beruflichen Gründen nach Paris zog. Schließlich konnte ich mich gut daran erinnern, wie unsere französischen Freunde noch in den späten 80er Jahren das für viele Deutsche beängstigende Thema „Waldsterben“ für eine fixe Idee von hysterischen Öko-Freaks hielten.

 

Dabei war und ist die Luftverschmutzung in vielen französischen Städten, allen voran in Paris, im wahrsten Sinne des Wortes mit Händen zu greifen. Auch nach täglicher Reinigung war der Balkon unserer Wohnung im 15. Arrondissement jedes Mal erneut mit einer feinen Schicht aus Ruß und Staub bedeckt, und das obwohl unsere Wohnung in einer ruhigen, wenig befahrenen Seitenstrasse lag. Deswegen aber einmal in der Woche auf das Auto zu verzichten und die Kinder nicht jeden Tag mit dem eigenen Wagen zur Schule zu fahren, oder Fahrgemeinschaften zu bilden, ist vielen Franzosen bis heute eine abstruse Vorstellung. Auch der sorglose Umgang unserer Hausnachbarn mit dem Hausmüll war anfangs eine ziemlich schockierende Erfahrung. Da in Frankreich nahezu alle nach dem Krieg errichteten Mehrfamilienhäuser über Müllschlucker verfügen, ist das Entsorgen des täglichen Unrats eine auf den ersten Blick feine Sache. Ob Verpackungen, Zeitungen, gewöhnliche Essensreste, ja sogar Flaschen, alles wurde und wird vielfach immer noch in eine Plastiktüte gepackt und dann in den Müllschlucker gesteckt. Ganz nach dem Motto, aus den Augen aus dem Sinn. Dass in Deutschland der Müll bereits in den Haushalten getrennt wird, zumindest nach Verpackungen, Papier und Flaschen, sei zwar eine schöne Sache, entgegnete man uns immer wieder, doch so etwas funktioniere in Frankreich nicht. Dazu seien die Leute viel zu undiszipliniert, die Wohnungen zu klein für die vielen Müllbeutel und überhaupt erhöhe das doch nur die Nebenabgaben und örtlichen Steuern, entgegneten uns die Hausnachbarn immer wieder.

 

Und tatsächlich, das anfängliche Unbehagen wich auch bei mir schnell den Gewohnheiten der Mehrheit – allerdings auch mangels Alternativen. Wo soll man denn die vielen Plastikflaschen und Coladosen auch entsorgen, wenn es keine Mülltrennung gibt ?

 

Wie wenig das Umweltbewusstsein in Frankreich noch Mitte der 90er Jahre entwickelt war, und wie schlecht die Menschen auch über mögliche Gefahren informiert waren, wurde uns auch bewusst, als es darum ging, auf dem Dach unseres Hauses eine Mobilfunkantenne zu installieren. Von Elektrosmog und den eventuellen Risiken der von der Antenne erzeugten Strahlungen hatten die allermeisten Hausbewohner noch nie etwas gehört. Umweltschutz sei ja eine tolle Sache, aber man dürfe es auch nicht übertreiben.

 

Heute, zehn Jahre danach ist das Umweltbewusstsein vieler Franzosen, besonders in den großen Städten, deutlich gestiegen. Doch noch immer hinkt das Land seinen nördlichen und östlichen Nachbarn hinterher. Wenn ich heute meinen Pariser Freunden von der in Deutschland herrschenden Debatte über Feinstaub berichte, muss ich ihnen zunächst erklären, was ich damit überhaupt meine. Und wenn sie hören, dass etwa in Frankfurt/Main erste Hauptstrassen für den Schwerlastverkehr gesperrt sind, um die Feinstaubkonzentration in der Luft zu verringern, können sie es kaum glauben, und sprechen von „Kosmetik“. Um ehrlich zu sein, gehe auch ich inzwischen viel entspannter mit dem Thema Umweltschutz um, als vor meinem Frankreichaufenthalt.

 

Lothar Gries

 








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