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Am 19. September, ist ein 23 Jahre alter Häftling in einer Pariser Vollzuganstalt ums Leben gekommen. Er hat sich mit seinem Pyjama erhängt. Im ersten Halbjahr 2011 haben bereits 58 Häftlinge Selbstmord verübt.




Centre de détention de Lyon Perrache

In einem Bericht der französischen Nationalversammlung werden Frankreichs Gefängnisse als „Schande der Republik“ bezeichnet. Überbelegung, Selbstmorde, Menschenrechtsverletzungen, veraltete Infrastruktur, Vergewaltigungen: Diese erschreckenden Begriffe sind nur zu oft mit ‚Vollzugsanstalt’ verbunden.

Man kann manchmal den Eindruck gewinnen, dass diese Institution von der Gesellschaft im Stich gelassen worden ist, wie ein verlassenes Kind. Was sind die Hauptprobleme? Wie weit ist die Debatte über die Bedeutung der Gefängnisse für den Strafvollzug gediehen? Was treibt Häftlinge zum Selbstmord?

 

Die Debatte über Gefangene ist in Frankreich nicht neu. Schon in den 60er Jahren gab es massive Proteste. 1971 kam es zu Gefängnisrevolten in großem Ausmaß. Selbst der berühmt-berüchtigte französische Gesetzesbrecher Jacques Mesrine hatte die schlimmen Haftbedingungen scharf verurteilt. Intellektuelle wie Michel Foucault, Jean-Marie Domenach, Pierre Vidal-Naquet hatten sich des Problems angenommen und die GIP (Informationsgruppe über Gefängnisse) gegründet, um die Kluft zwischen der Gesellschaft und den Häftlingen zu verringern. Tatsächlich sind die Gefangenen von der Gesellschaft ausgegrenzt, für sie gelten eigene Regeln. Inzwischen ist das Engagement für eine Verbesserung der Haftbedingungen geringer geworden. Doch immer noch kämpfen Vereinigungen wie das OIP (Internationales Observatorium für Gefängnisse) für die Anerkennung individueller Rechte auch in den Gefängnissen. Sie bringen demütigende Lebensbedingungen der Gefangenen wie Enge durch Überbelegung, wie Gewalt in den Haftanstalten, wie gesundheitsschädigende Unterbringung in die Öffentlichkeit. Das französische Gefängnissystem, das für 40.000 Häftlinge ausgelegt wurde, ist mit derzeit einsitzenden 53.000 Gefangenen völlig überfordert.

 




Michel Foucault

2002 haben in Frankreich insgesamt 122 Häftlinge Selbstmord verübt. Schon seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts nimmt die Zahl der Selbstmorde in den Gefängnissen ständig zu. Was sagen die Psychologen dazu? Im Gefängnis werden die Individuen von morgens bis abends betreut. Sie haben nur wenig Handlungsspielraum. Alles wird kontrolliert, kodifiziert, beobachtet. Für Intimität gibt es hier keinen Platz. Der Gefangene wird bekleidet, ernährt, transportiert. Psychologen sprechen von einer Enteignung des Körpers. Die Institution übernimmt den Körper, und das Subjekt verliert seine Selbstbestimmung. In diesem Kontext können die inhaftierten Menschen nicht mehr ihre Kreativität und Wünsche ausdrücken. Sie sind nicht mehr in der Lage, sich als Individuum zu verhalten. Oft wird behauptet, dass die Menschenwürde der Gefangenen in Gefahr sei. Doch eigentlich ist der Verlust der Identität die größte Bedrohung. So wird die hohe Zahl von Selbstmorden und Selbstverstümmelungen eher verständlich. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass die Gefangenen auf diese Weise versuchen, die Herrschaft über ihren eigenen Körper zurückzugewinnen. Indem man sich zum Beispiel sein Ohr abreißt, spürt man seine Macht und Fähigkeit, etwas ohne die Institution unternehmen zu können. Das Leid wird zum Beweis der eigenen Existenz. Und per Selbstmord kann man der Institution entfliehen, kann man ein für alle Mal eine Entscheidung selbst treffen.

 

Diese Überlegungen zeigen einen Teil des Problems: die Strafvollzugsanstalten beschneiden die Identität der Häftlinge. Nicht überraschend ist es deshalb wohl, dass Gefangene oft alte Haftanstalten gegenüber den modernen bevorzugen, weil es hier einfacher ist, die zahlreichen Regeln zu umgehen, und sich so eine soziale Sphäre zu schaffen.

 




Chateau d'If, eine alte gefängnis (nicht mehr benutzt) in der Nähe von Marseille.

Wenn diese Probleme weitgehend anerkannt sind, wieso bleiben die Gefängnisse unverändert? Zum einen weil zur Zeit der politische Wille fehlt. In Wahlkämpfen wird dieses Thema kaum erwähnt. Zum anderen verfolgt die Institution Gefängnis ihre eigene Logik. Ziel der Strafvollzugsanstalt ist es nicht, den Gefangenen ein besseres Leben zu bieten, sondern ihr Weglaufen zu verhindern und die innere Ordnung zu gewährleisten. Ihre relative Autarkie in der französischen institutionellen Landschaft schafft viele Probleme. 80 % der Aufseher geben zu, nur wenig an die Hierarchie zu vermitteln. Ein Gefängnis ist also eine in sich geschlossene Welt, mit eigenen Regeln und Handlungsträgheit. In dieser Debatte bleiben die Forderungen der verschiedenen Protagonisten widersprüchlich und es kann noch lange dauern, bis es zu Veränderungen kommt.

 

Aber ist das Gefängnis jenseits dieser infrastrukturellen und institutionellen Konflikte an sich gut für die Gesellschaft? Wenn die Daseinsberechtigung der Gefängnisse darin bestehen soll, die Delinquenten von ihrem kriminellen Weg abzubringen, ihnen eine Lebensperspektive aufzuzeigen, den Wiederholungsfall zu vermeiden, dann ist die Feststellung eindeutig: Dieses System ist genügt seinen Ansprüchen nicht. Wie ist es möglich, dass eine so mangelhafte Institution so lange aufrechterhalten wird? Das ist genau die Frage, die Michel Foucault gestellt hat. Für ihn tragen die Gefängnisse dazu bei, einen bestimmten Teil der Bevölkerung unter der Fahne der Delinquenz auszugrenzen, um die Existenz eines Bewachungssystems zu rechtfertigen, das auch für den Rest der Gesellschaft genutzt wird. Insofern würde dieses System trotz seiner scheinbaren Funktionsstörung ein kohärentes Objektiv verfolgen.

 

Gautier FERON





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