imprimer   11.02.2012 
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Als ich nach Berlin kam, zugezogen wie viele andere lange vor und mit Sicherheit auch nach mir, lernte ich bald ein Berliner Phänomen kennen: die Stadt ist Gesprächsthema Nummer eins, wo ich auch hinkam ging es um Berlin und um das Lebensgefühl, das jeder hier zu spüren glaubte und das so anders zu sein schien als in anderen deutschen und europäischen Städten. Irgendetwas, und ich glaube, dass es mehr ist als die Stimmung der Nachwendezeit, scheint diese Stadt auszustrahlen, das ihre Bewohner dazu bringt, sich tiefer gehend und sehr bewusst mit ihr auseinanderzusetzen. Aber was genau liegt in der berühmten Berliner Luft?

 

Bevor ich nach Berlin kam, hatte ich mein Herz bereits an eine andere Stadt verloren: Paris! Verzückt war ich wieder und wieder durch die Strassen gestrichen, hatte mir zu Fuß jeden Winkel erschlossen und konnte es nicht fassen, dass mich – egal wohin ich blickte – nur Schönheit umgab, liebevoll erbaute Fassaden, verwinkelte Infrastruktur, alte bis uralte Architektur, prunkvolle Geschichte. Das Gefühl hier war ein anderes: selbstverständlicher, ruhiger, verwurzelter.

 

Ende November 2003. Ich komme aus dem Hebbel-Theater und bin – mitgerissen von einer grandiosen Inszenierung - in Gedanken in den 30er Jahren. Es ist grau und nebelig-schaurig. Dunkle Geschichte atmend trete ich hinaus auf die Strasse. Hier ist ehemalige Grauzone im Westen, ganz nah an der Mauer. Mit dem Rad fahre ich gedankenverloren durch die stillen Straßen, vorbei am Bundesfinanzministerium – stand da nicht auch mal die Reichskanzlei? Und sehe wie vor dem avantgardistischen Neubau der britischen Botschaft, es ist kurz nach den Anschlägen in Istanbul, mitten in der Nacht Betonpoller gegen Terroristen errichtet werden – ich bin wieder in der Gegenwart angekommen. Ich biege ein in die ehemalige Promeniermeile Unter den Linden, vorbei an Humboldt-Uni, Kommode, Staatsoper – und tauche für einen Moment in die Kaiserzeit ein, stelle mir lustwandelnde Herren mit Zylinder und Damen unter Sonnenschirmen vor - ein kurzer Blick auf das Bücherverbrennungsdenkmal unter dem Bebelplatz reißt mich aus meinen Gedanken - da taucht vor mir die dunkle Gestalt des funktionslosen Palastes der Republik auf. Dahinter ragt, Reminiszenz und Wahrzeichen zugleich, der Fernsehturm aus den düsteren Wolken. Erschlagen von dieser Zeitreise frage ich mich, ob es dieses Nebeneinander von Glanz und Dunkel, Höhenflug und Scheitern ist, das Berlins Bewohner spüren, geprägt von einem Stadtbild, das heterogener nicht sein könnte und das ein Leben mit dem Kontrast, der Zerrissenheit und der Lücke nach sich zieht?

 

Ich habe in Paris nie eine Baustelle gesehen. Jedenfalls erinnere ich mich an keine. In den 20 Arrondissements gibt es keinen Neubau. Zumindest erinnere ich mich nicht daran, einen gesehen zu haben. Das Bild der Stadt ist homogen. Keine Verwüstungen durch Bomben, keine Spaltungen, keine Neuanfänge. Ich erlebe eine moderne Stadt, die sich ihrer glorreichen Zeiten bewusst ist, in deren Zentrum das Symbol königlicher Macht, der Louvre, steht - eine Stadt, in der sich Alt und Neu unmerklich verbinden. Es ist nur schwer vorstellbar, dass die Cafés, die Häuserfassaden und Straßenzüge je anders ausgesehen haben sollen als heute. Und die Pariser? Sie leben in und mit diesen Strukturen, verbinden die moderne Welt unmerklich mit der alten und schaffen daraus auf faszinierende Art ein homogenes Ganzes. Paris ist kein Partythema. Paris ist Paris, schön, romantisch, einzigartig. Paris repräsentiert. Es gibt keinen Schutt, nichts Unfertiges. Paris war und ist.

 

Merkwürdig, wie es dagegen in der Natur der Berliner zu stecken scheint, ihre Stadt nie in Ruhe zu lassen. Seit ihrer Gründung wurde sie immer wieder neu erfunden. In den zwanziger Jahren brachte es einer ihrer Bewohner auf den Punkt: Von de Spree bis an de Panke, herrscht bei uns bloß een Jedanke: buddeln, buddeln, nochmals buddeln!“

 

Tina Gadow

 








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