Blumig möge es bleiben... eben Fleury
Noch mag man sich an den Fahrradladen erinnern, dort unten am Ende des Weinbergsweges. Sicher, es gab dort schöne und gute Räder. Aber bald wird man vergessen und sich nicht vorstellen können, dass je etwas anderes an den Wänden hing als nostalgische, gerahmte Familienfotos in schwarz-weiß, dass die Wände je ohne blau-weiße Blumentapete auskommen konnten und dass je etwas anderes über den Tresen ging als Zitronentarte, diabolo menthe und salade au chèvre... Man mag nicht glauben, dass Berlins Mitte noch ein Café braucht – aber dieses hier ist ein kleines Prachtstück und Ruhepol kurz vor dem hektischen Treiben am Rosenthaler Platz. Oder auch einfach nur eine gute Adresse, um sich mit Petits Coeurs, gutem Senf, französischer Limonade oder Paté für das nächste Picknick einzudecken. Ein bisschen Provence, Périgord, Bretagne, Languedoc... oder wo immer man sich sonst noch hinzubeamen versucht in diesem heißen Sommer.
Fleury – Café und Epicerie – Weinbergsweg 20 – 10119 Berlin
Das französische Paradox
Warum verweigern sich Franzosen der Globalisierung? Wie kann es sein, dass sie einerseits ein Überschallpassagierflugzeug bauen und ihre Toiletten gleichzeitig aus einem Loch im Boden bestehen? Warum sind „Les Soldes“ paradigmatisch für Frankreich? Warum verkaufen französische Metzger das Huhn inklusive Krallen und Schnabel? Warum ist Frankreich trotz 35-Stunden-Woche und 7 Wochen bezahltem Urlaub die viertmächtigste Wirtschaftsnation der Welt?
Durch die kanadische Brille hindurch analysieren Jean-Benoît Nadeau und Julie Barlow neugierig und mit einem sehr persönlichen Ansatz „die Franzosen“. Sie verlassen sich dabei ganz auf die eigene Beobachtungsgabe, lassen den Leser an ihren eigenen Aha-Effekten teilhaben und kommen dabei langsam dem „French paradox“, wie sie es nennen, auf die Spur; hin- und herschwankend zwischen Bewunderung, Staunen und Belustigung. So ehrlich und dadurch so charmant wurde selten Landeskunde betrieben. Und so seltsam auch uns manch kulturelle Besonderheit jenseits des Rheins erscheinen mag, in einem haben die beiden kanadischen Autoren jedenfalls recht: Sixty Million Frenchmen can’t be wrong! Ein guter Ausgangspunkt für weiterführende Untersuchungen...
Nadeau, Jean-Benoît/Julie Barlow: Sixty Million Frenchmen can’t be wrong! - Why we love France but not the French. Published by Sourcebooks, Inc., 2003