Beim sogennanten "arabischen Frühling" haben schon die sozialen Netzwerke Facebook und Twitter eine wesentliche Rolle gespielt. Vor einigen Wochen hat ein Tweet den Tod Bin Ladens angekündigt. Das Szenario hat sich mit der "DSK-Affäre" wiederholt. Und jetzt vermehren sich in Frankreich die Facebookgruppen zu dem französischen sozialistischen Politiker und ehemaligen Chef des IWF. Mitten in den "Twitter- und Facebook- Revolutionen" ist ein Cyberkrieg um den DSK-Sexskandal ausgebrochen.
"Ein Freund in den USA hat mir gerade mitgeteilt, DSK wäre vor einer Stunde in einem Hotel in New-York festgenommen worden": dieser Tweet (ein "Gezwitscher" auf Deutsch) ist heute weltweit bekannt. Am14. Mai um 23 Uhr (17 Uhr in den USA) wurde er in Paris gesendet: die Meldung ist also allen anderen Medien zuvorgekommen und hat DIE Information geliefert, die heute in aller Munde ist. DSK, der als Präsident des IWF zu den mächtigsten Männern dieser Welt zählte, der vor einigen Monaten in Frankreich „Superstar“ genannt wurde, steht heute in New-York unter Hausarrest(1). Die Anklage stellt einen richtigen Skandal dar: ihm wird versuchte Vergewaltigung vorgeworfen.
Alle Zutaten einer Krimiserie sind vorhanden: Macht, Sex, Geld, Beliebtheit und rasanter Absturz. Jeder hat die schockierenden Photos seiner Verhaftung genossen. Aber in den heutigen Zeiten des Webs 2.0 sind nicht nur die Journalisten auf solche spannenden Geschichten aus, sondern auch die Internetsurfer.
Cyberkriegserklärung
In einigen Minuten wurde der Tweet-Account von DSK plötzlich stumm und in Frankreich haben sofort eine Menge Facebookgruppen tausende Leute versammelt. Jeder war mit Leib und Seele dabei, es hagelte Scherzen und Wortspiele. Die Siegespalme erhält die sogennante Gruppe"Die Putzfrau hätte DSK ein Schweppes angeboten, das ist ein Missverständnis" (46 000 Fans. In Anpsielung auf die letzte Werbung für Schweppes), man kann sich aber auch anderen Gruppen anschließen, wie "DSK hat die Technik des Naked Mann angewandt" (fast 33 000 Fans), oder "DSK: j''la force tranquille" (22 300 Fans. "Ich swinge sie leicht", auf Anspielung auf die Wahlparole von François Mitterrand 1981: "La force tranquille").
Der Facebookkrieg um DSK ist ausgebrochen. Der Kampf gegen Humor und Ironie sieht aber ungleich aus. Die Unterstützer von DSK wollen zwar durch Facebook den Politiker verteidigen. Der "Club DSK", der vor mehreren Monaten geschaffen wurde, verpasst keinen Bericht oder Zeitungsartikel, der die Unschuld des Angeklagten beweisen könnte. Aber die Seite gefällt nur 1900 Personen… Die Gruppe "DSK 2012" (1600 Fans), die den Sozialisten als Kandidat für die Präsidentenwahlen 2012 bevorzugt, hat den Kampf sogar schon aufgegeben: der letzte Post betrifft die Porsche-Affäre(2), die schon Anfang Mai von DSK reden gemacht hatte.
Neue Facebookseiten haben nämlich den Kampf eingeleitet, auch wenn die Zahlen bescheiden bleiben: das "DSK support committee" (fast 4000 Fans), "DSK Soutien Pétition pour le soutenir" (68 Fans), "Soutien à DSK" (37 Fans), "Soutien à DSK et à sa famille" (22 Fans) … Der Streit wird auch durch Twitter geführt: der Clubdsk berichtet pausenlos über die neuen Entwicklungen der Affäre und antwortet schlagfertig seinen Gegnern, DSK_2012 liefert aber weniger Informationen.
Wer wird den Sieg erringen? Eine Studie der 225.000 Tweets über DSK, die schon am 15. Mai bis 12 Uhr geschickt wurden, hat zwar eindeutige Ergebnisse geliefert: 20% der Tweets waren nur informativ, 70% kritisierten DSK und nur 7% unterstützen ihn… Aber der eigentliche Sieger ist zweifellos Twitter: der Microblogging-Dienst bestätigt immer mehr seine Stellung in der Medienlandschaft.
Nur via Twitter konnten Informationen über die Audienz geliefert werden
Hinter dem Cyberkrieg: die "Twitter Revolution"
Schom im Juni 2009 hatte man die Rolle Twitters bei der "Grünen Revolution" in Iran hervorgehoben und von einer "Twitter Revolution" gesprochen. Mit dem "arabischen Frühling", dem Tod Bin Ladens, der Katastrophe von Fukushima und jetzt der DSK-Affäre hat sich der Microblogging-Dienst als ein unumgängliches Kommunikationsmittel und Medium der Augenblicklichkeit durchgesetzt. "Nur" 200 Millionen Twitter-Accounts gab es im letzten Februar, heute sind es 300 Millionen. Jetzt twittert man nicht nur über seinen Alltag, sondern erlebt auch unmittelbar die Aktualität. Die DSK-Affäre hat das gerade deutlich bewiesen: die Journalisten, die am letzten Donnerstag bei der Anklageerhebung im Gericht anwesend waren, haben ununterbrochen Meldungen über den Verlauf der Audienz getwittert. In wenigen Stunden haben sie tausende "Followers" gewonnen, die wissen wollten, wie DSK angezogen war, ob er geschwächt aussah und wie seine Frau Anne Sinclair und seine Tochter reagierten.
Das ist jetzt unbestritten: die sozialen Netzwerke können eine wesentliche Informationsquelle darstellen in Situationen, die den Journalisten unzugänglich sind. Außerdem haben sie jetzt durch Facebook und Twitter die Möglichkeit, mit neuen Experten Kontakt aufzunehmen und zusäztliche bereichende Informationen zu sammeln. Aber anscheinend sollten sich die Journalisten eigentlich nicht auf die Verbreitung solcher neuen unmittelbaren Nachrichtenkanale freuen, die die traditionnellen Medien leicht umgehen lassen…
Die Journalisten haben pausenlos Meldungen über die Audienz DSK gesendet
Twitter, Facebook: neue Medien des 21. Jahrhunderts?
Soll man nämlich daraus schlussfolgern, dass Twitter und Facebook jetzt als richtige Medien betrachtet werden können? Das bestreitet der Medienspezialist Jean-Marie Charon(3): "Ich betrachte als Medien die Leitinhalte, die von verschiedenen Trägern geliefert werden. Die sozialen Netzwerke hingegen bieten neue Kommunikations- und Ausdrucksformen" erklärt er. "Für die Journalisten stellen sie neue potentielle virtuelle Quellen dar, die die Nachforschung an Ort und Stelle ergänzen können."
Seiner Meinung nach ist das Aussterben der Journalisten nicht anzukündigen. Aber in der Welt des Webs 2.0 wird ihre Arbeit sich zwangsläufig verändern: "Bis jetzt wurden die Journalisten durch ihre technischen Kompetenzen (schreiben, Bilder veröffentlichen) und wissenschaftlichen Kenntnisse (in einem besonderem Fachgebiet) gekennzeichnet. Heute ist dies nicht mehr der Fall, denn diese Kompetenzen werden mit einigen Internetbenutzern geteilt. Die heutige Spezifizität der Journalisten liegt in ihrer Rolle als Übermittler der Informationen an die Gesellschaft".
Diese Aufgabe macht sie sogar unersetzbar. Die Journalisten sind wahrscheinlich umso wichtiger als die sozialen Netzwerke zwar Vorteile bieten, aber sich auch als gefährlich erweisen können. Vielleicht mehr als gestern kommt es den Journalisten zu, die Quellen zu prüfen, eventuelle Verfälscher aufzufinden und die Informationen mit Abstand zu analysieren.
Darin bestehen die neuen Herausforderungen der journalistischen Arbeit: "Die alten Medien müssen nicht zwangsläufig aussterben" vermutet Jean-Marie Charon, "aber sie müssen unbedingt umdenken, sich verändern und sich neu erfinden.
Dorothée Bellamy
Le 25/05/2011
(1)Dominique Strauss-Kahn wurde am 14. Mai in New-York festgenommen. Am nächsten Freitag wurde er gegen eine hohe Kaution (6 Millionen Euro) freigelassen. Seitdem befindet er sich unter Überwachung in einem Luxusgebäude in Manhattan.
(2)Am 4. Mai wurde ein Foto von DSK und einem Porsche veröffentlicht – und hat eine heftige Debatte über den Lebensstandard des Sozialisten ausgelöst…
(3)Jean-Marie Charon arbeitet als Forscher bei dem CNRS (Centre national de la recherche scientifique, die nationale französische Forschungszentrum) über die Entwicklung der journalistischen Arbeit, die Veränderungen der Pressemedien, sowie über die Verhältnisse zwischen Medien und Justiz.
Hitler trifft Dominique Strauss-Kahn: Parodie auf den Film Der Untergang. Solche Videos wurden durch Facebook ganz schnell verbreitet.