Nach den Beben im Boden und in der Politik, pendelt sich die politische Lage in Haiti mühsam ein. Heute hat Port-au-Prince nur die Ruinen des Präsidentenpalasts, um den neugewählten Präsidenten zu empfangen. Am 5.04.2011 wurde der Musiker Michel Martelly Sieger des Präsidialwahlkampfes. Er erhielt 76,6 Prozent der Stimmen. Seine Gegnerin, die Kandidatin Mirlande Manigat, ehemalige First Lady bekam 31,75 Prozent.

Der Sieger des zweiten Wahlgangs ist in Haiti als Musiker und Komponist bekannt geworden. Der populäre Karnevalssänger, « Sweet Micky » genannt, ist sehr beliebt, und sein Wahlerfolg wurde in der Hauptstadt von einer laut jubelnden Menge gefeiert. Man könnte darüber lächeln, wenn man sich an die Wahl von Arnold Schwarzenegger als Gouverneur von Kalifornien oder die Bewerbung des Sängers Wyclef Jean für den haitianischen Präsidentschaftswahlkampf 2010 erinnert. Man kann sich fragen, ob diese konsequente Bevorzugung volksnaher Figuren, ein generelles und steigendes Misstrauen der Wähler gegen Bürokraten-Politiker zeigt.
Immerhin ist Der Sieger für seinen sozialpolitischen Aktivismus während des Wahlkampfs
bekannt geworden. Sein humanitäres Engagement hat ihn beim Volk legitimiert. Martelly leitet die Partei „Repons Peyizan“ (réponse des paysans – Antwort den Bauern), welche die soziale Gerechtigkeit predigt. Er verspricht Ausbildung, freie Arztbehandlungen/Pflege, das Ende der Korruption und die Verringerung der Abhängigkeit des Landes von ausländischen Hilfsorganisationen. Trotzdem kann Haiti ohne Hilfe von Ausland derzeit nicht weiterleben. Martelly bietet auch an, die haitianischen Streitkräfte (Forces Armées d’Haïti) wieder einzusetzen, die vom vorherigen Präsidenten Aristide in 1995 aufgelöst wurden.

Jedoch wurden ihm seine Beziehungen zu Mitgliedern der früheren Regierung vorgeworfen.
Nicht nur bei den Intellektueller, sondern auch innerhalb der Partei erscheint ein besondere Skeptizismus über seine Fähigkeiten, die gute Entscheidungen zu treffen. Außerdem wird die Wahl eben vom Betrugsverdacht belastet. Das endgültige Ergebnis wird am 16. April bekannt werden. Bis dahin, haben die zwei Kandidaten die Möglichkeit, Klage vor der Wahlbehörde einzureichen.
Wenn am 16. April die aktuellen Ergebnisse bestätigt werden, bekleidet Martelly ab dem 14. Mai für fünf Jahre das höchste Amt des Landes und tritt Renée Prévals Nachfolge an. Die kürzlichen Ereignisse, die auf der politischen Szene Spuren gelassen haben, müssen aufgearbeitet werden: Der chaotische Wahlgang im November war von Wahlfälschungen geprägt. Jude Célestins Wahlsieg wurde für nichtig erklärt. Die Rückkehr der vertriebenen ehemaligen Führer hatte auch den zweiter Wahlgang zerrüttet: Der Ex-Diktator Jean-Claude Duvalier,nach 25 Jahre Exil in Frankreich, und zwei Monate später, der sieben Jahre verbannte Präsident Jean Bertrand Aristide.

Neben dem Bedürfnis, die politischen Unruhe zu dämpfen, hat Martelly eine schwierige Agenda. Im der ärmsten Land Amerikas ist ein kompletter Wiederaufbau erforderlich.
Agathe Cluze (mit Ruth Herzberg)
14.04.2011