

Dit is Berlin... mutterseelenallein ums Karree, auf ne Boulette mit Püree beim Kneipier in Moabit oder, noch chicer, à la carte am Gendarmenmarkt, und danach Stippvisite bei Jacqueline auf ein Tässchen Muckefuck... Im Grunde genommen steckt in diesen Zeilen mehr Frankreich als Berliner Flair. Kein Wunder, bedenkt man, dass sich vor nunmehr 300 Jahren eine große Einwanderungswelle von glaubens. üchtigen Hugenotten in Bewegung setzte. Sie fanden nordöstlich des Rheins eine neue Heimat – und prägten von da an Berlin. Am Hofe war es totchic, französisch zu parlieren und so mancher Adelige war seiner Muttersprache weniger mächtig als der ins starre Preußen schwappenden Modesprache. Friedrich der Große ereiferte sich gar in eindrucksvollen Rätseln, mit denen er Gäste nach Potsdam lockte:
p ci *
______ à ______
venez sans
Nicht Wenigen aber ging diese neue Mode, mit der oft ein prahlerisches Gehabe verbunden war, schlicht und ergreifend auf die Nerven. In erfrischend uneitler und unprätentiöser Manier integrierte der Berliner auf seine Art die neuen sprachlichen Ein.üsse in seine Mundart und mokierte sich dezent über allzu viel Getue. Er traute seinem Ohr und sprach. Französisch wurde bodenständig: aus dem Mannequin wurde das Männeken, aus „quinquailleries“ die „Kinkerlitzchen, aus „Bel étage“ die Bölletasche.
Auch heute noch leben mehr als 25.000 französische Muttersprachler in Berlin, davon weit über 10.000 Franzosen. Sie haben lebendigen Anteil am kulturellen und wirtschaftlichen Leben in der Hauptstadt. Zweimal im Monat re.ektiert die Gazette de Berlin für sie auf französisch Historisches und Gegenwärtiges, zeigt Hintergründe deutscher Politik und Wirtschaft auf, stellt Künstler vor, bringt Tipps und Kritik. Eine Zeitung von der in Berlin lebenden Francophonie für die in Berlin lebende Francophonie also – und wo bleiben dabei die Berliner? – Hier! Auf Seite 15. In der Jazette, auf der deutschen Seite. Sie ist für diejenigen da, die das Französische an Berlin mögen und wissen wollen, wo und wie sie es . nden können. Schließlich treffen Filme aus unserem Nachbarland, nach lange geführtem Schattendasein in den Programmkinos, wieder den deutschen Geschmack, Sänger der „Nouvelle scène française“ gehen auf Solotour und locken alte und neue Berliner auf die Tanz. äche, belgische Fotografen zeigen ihre Werke in Berliner Museen, kanadische Choreographen erobern Berlins Bühnen, senegalesische Nachwuchsautoren präsentieren ihre neuen Romane Lesungen. bei so viel französisch wird’s eenem ja janz blümerant...
Tina Gadow
Mutterseelenallein: klangliche Wiedergabe von moi tout seul
Muckefuck: Unter Friedrich dem Großen war Kaffee aufgrund des hohen Zolls Luxusgut. Also röstete man statt Bohnen Wurzeln, die bei einem Aufguss immerhin eine kaffeeähnliche Farbe produzierten – mocca faux.
Blümerant: Bleu mourant ist ein blasses blau, mit dem Friedrich der Große sein Porzellanservice verzieren ließ. Der Berliner war offenbar weniger angetan, denn ihm wurde ganz blümerant, blau vor Augen, flau im Magen, übel.
*Auflösung: Venez souper à Sans-Souci / Kommen Sie zum Essen nach Sans-Souci ?