
 |

|
 Claude Chabrol bei Dreharbeiten
|

-Der Regisseur Claude Chabrol starb am 12. September in Paris-

Claude Chabrol, Sohn einer Apothekerdynastie, wurde am 24. Juni 1930 in Paris geboren.
Er wuchs bei seinen Großeltern in der Provinz auf, in der Gemeinde Sardent im mittelfranzösischen Department Creuse.
Dort gründete er schon mit 13 Jahren einen Filmclub in der Dorfscheune. Er studierte Literaturwissenschaften an der Sorbonne und nach dem Staatsexamen seiner Familie zuliebe noch Jura und Pharmazie. Sein wahres Interesse aber gehörte dem Kino. Während des Studiums schrieb er für die “Cahiers Du Cinema” und schrieb gemeinsam mit Eric Rohmer ein Buch über den von ihm verehrten Alfred Hitchcock. 1957 drehte er seinen ersten Film “Die Enttäuschten” (“Le Beau Serge”).
Er behandelt die Rückkehr eines Pariser Studenten in sein Heimatdorf. Chabrol drehte den Film mit dem Erbe seiner ersten Frau in Sardent. Le Beau Serge ist der erste Film der Nouvelle Vague und gewann 1958 beim Filmfestival in Locarno den ersten Preis.
Sein zweiter Film “Les Cousins” auf deutsch:”Schrei wenn du kannst” gewann den Goldenen Bären auf der Berlinale. Hier wird der umgekehrte Fall erzählt: Der Besuch eines jungen Mannes aus der Provinz bei seinem Cousin in der Großstadt Paris.
Durch den Erfolg dieser ersten beiden Filme fühlte Chabrol sich verpflichtet, weiter Filme zu machen.
Seine Arbeiten fürs Fernsehen eingerechnet, drehte er in 50 Jahren über 80 Filme, manchmal vier Filme pro Jahr. Außerdem schrieb er Drehbücher, produzierte und spielte selbst in etlichen Filmen mit. Er war einer der produktivsten europäischen Filmemacher.

Bürger sind angenehme Menschen
Als Apothekersohn selbst ein Bürger, beschäftigt er sich konsequent mit den Abgründen seiner Klasse. Kriminalfälle, Morde, Korruption, dunkle Geheimnisse, Verbrechen, begangen von Bürgern an Bürgern. Er ist bekannt für seine distanzierte, kühl beobachtende Erzählweise.
Er gilt als Soziologe des französischen Bürgertums, als Chronist der Bourgeoisie.
Chabrol sagte, die Bürger seien angenehme Menschen: Sie würden sich regelmäßig duschen und man könne gute Gespräche mit ihnen führen.
Ihn interessierte der Abgrund zwischen der harmlosen Fassade und den Abgründen, Gelüsten, Trieben hinter der Wohlerzogenheit und Kultiviertheit.
Chabrol erzählt objektiv, beobachtend, überlässt die Wertung der Ereignisse dem Zuschauer.
In “Geheime Staatsaffären” (2006) inspiriert von der Elf- Aquitaine Schmiergeldaffäre und der ermittelnden Staatsanwältin Eva Jolie, verweigert er beiden Seiten die Sympathie: dem korrupten Manager und der ehrgeizigen Staatsanwältin die ihn verfolgt.
So ist es in allen seinen Filmen: Die Bösen werden nicht verurteilt, die Guten nicht heilig gesprochen.

Chabrol und die Frauen
Hauptfiguren in vielen seiner Filme sind starke und komplizierte Frauen.
Chabrol sagte, Frauen seien per se interessanter als Männer und er bezeichnete sich als Feminist. Wohingegen man sich bei Männern eine Mnege einfallen lassen müsse, um sie interessant zu machen. Chabrol arbeitete kontinuierlich immer wieder mit denselben Darstellern. So zum Beispiel mit Isabelle Huppert, die einige ihrer größten Rollen bei Chabrol spielte.
(“Eine Frauensache”-”Une affaire de femmes”, “Madame Bovary”,”Biester”- “La cérémonie”, “Geheime Staatsaffären”-”Lívresse du pouvoir”)
Im Gegensatz zu der Kühle und Distanz seiner Filme gab Chabrol sich in Interviews leutselig und witzig. Er war ein Charmeur und angenehmer Gesprächspartner. Bei Dreharbeiten legte er Wert auf gutes Catering und die Nähe guter Restaurants. Er ließ sich oft, wie Hitchcock mit Zigarre fotografieren und kultivierte von sich das Bild eines Bonvivants.

Chabrol in Deutschland
Für seinen zweiten Spielfilm ”Schrei wenn du kannst” (Les Cousins) erhielt Chabrol 1959 den goldenen Bären.
Insgesamt waren Chabrols Filme neun Mal auf der Berlinale eingeladen. Auch mit seinem letzten Kinofilm “Kommissar Bellamy” war er 2009 in Berlin. Hier spielte Gérard Depardieu die Hauptrolle. Die beiden hatten schon lange miteinander arbeiten wollen, aber immer war etwas dazwischengekommen. Chabrol erhielt den “Ehrenbären” für sein Lebenswerk.
Rainer Werner Fassbinder bezeichnete ihn in einem Text als Insektenforscher und verglich ihn mit einem Kind, dass Insekten in einem Glaskasten vorführt. Chabrol sagte viel später, als man ihn in einem Interview mit dieser Aussage konfrontierte, er bezeichne sich lieber als Menschenforscher. Er wolle sehen, wie sich der Mensch in einer Gesellschaft, die ihm nicht entspreche wieder in ein Insekt verwandle.
Chabrols kühler Blick wird fehlen. Wer sonst wird ihn machen- den grausamen Film über Carla Bruni und Sarkozy?

Ruth Herzberg
14/09/2010
