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Treffpunkt der "Reichen": Prix de Diane 2009, Hippodrome de Chantilly

Der Skandal um die L'Oréal-Erbin Liliane Bettencourt und den französischen Arbeitsminister Eric Woerth wird zur Seifenoper, indem er einen Blick auf die allzu engen Verbindungen von Politikern zu den Reichen Frankreichs und auf die sonst streng abgeschirmte High Society öffnet.


Geschäft und Politik unter sich

Eigentlich dürfte es keinen wundern, was über die französische Politik und die ihr verbundene High Society in den letzten Wochen durch die Bettencourt-Affäre offen gelegt wurde. Schließlich ist es nur eine abermalige Bestätigung der gegenseitigen Begünstigung derer, die das Sagen haben und die Macht freundschaftlich unter sich teilen.

Die französischen Soziologen, Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot interessieren sich seit zwanzig Jahren für die dominierende und vermögende Schicht Frankreichs. Mit ihren Studien klären sie auf, über die gut organisierten sozialen Schichten mit ihren Wirkungsmechanismen und wie sie sich auf wirtschaftlich und politisch einflussreiche Netzwerke stützen.

Im Gespräch mit dem französischen Nachrichtenmagazin Rue 89 vertreten sie die Meinung, dass die politische Klasse schon immer und immer noch der Bourgeoisie angehört, mit dem Unterschied zu früher, dass diese vollkommen von der einfachen Bevölkerungsschicht abgeschnitten ist. Während Mittelstand und Intellektuelle vom Individualismus geprägt sind, funktioniert die Schicht an der Macht als einzige kollektiv und solidarisch, weil sie sich „für sich selbst“ mobilisiert und „gegen die anderen“. Die politische, wirtschaftliche und Medien-Elite verkehrt in geschlossenen Kreisen zu denen auch Vorstandsbosse und Politiker gehören.


Sarkozy an der Spitze des Neoliberalismus



Nicolas Sarkozy, französischer Staatschef

Durch die Bettencourt-Affäre ist laut Michel Pinçon diese Elite „in die Falle der gefühlten Straffreiheit getappt“, seit zwanzig bis dreißig Jahren haben sich der Markt und das Finanzkapital etabliert, aber sie fühlt sich geschützt vor sozialen Veränderungen, die ihren Interessen schaden könnten. Diese Elite ist dreister in ihren Aktivitäten geworden, was das Überschreiten von Grenzen anbelangt. Monique Pinçon-Charlot erklärt, dass dies auch mit der Veränderung des Wirtschaftssystems zusammenhängt, da das System, in dem der Staat noch Einfluss auf die Wirtschaftswelt genommen hatte, vom Neoliberalismus abgelöst wurde, in dessen Zeichen allein der Markt regieren soll. „Der Neoliberalismus wird durch den Eintritt Nicolas Sarkozys in den Elysee-Palast symbolisiert“ und führt dazu, dass der Staat auf die Ausübung seiner Kontroll- und Ordnungsmacht zugunsten der wirtschaftlich Mächtigen verzichtet, die damit weiter in den Mittelpunkt rücken. Somit ist „Sarkozy an der Spitze des Staates zum Sprecher einer finanziellen Oligarchie“ geworden. Michel Pinçon ergänzt, dass sich durch die zunehmende Symbiose zwischen Geschäftswelt und Politik diese Leute immer mehr in den Staatsapparat infiltrieren bis hinein in Ministerkabinette oder in die Regierung. Für Nachwuchs wird durch die berühmten Eliteschulen gesorgt (z.B. Ecole Polytechnique, ENA u.a.). Ein anderer wichtiger Faktor sei die Quote der Wirtschaftsanwälte wie Sarkozy selbst, die sehr präsent in der Politik sind. „Anwälte waren schon immer in der Politik tätig, aber früher handelte es sich nicht um Wirtschaftsanwälte“.


Die Aristokratie des Geldes



Hier wohnt die High Society Frankreichs. "Die Villa Montmorency ist nicht öffentlich"

Auch Sarkozys Freunde und die Medien gehören neuen Dynastien an, da die dominante Schicht sich erneuern muss, um sich zu reproduzieren. Sie muss sich Pinçon-Charlot zufolge öffnen und neue Zugänge zulassen, die jedoch der immer gleichen Regel folgen: „diejenigen, die in den Gotha integriert werden, sind die, die wussten, ihr Vermögen mit dem Nimbus einer Familiendynastie zu verbinden“. Für die Dynastie ist es wichtig, dass die Privilegien in der Klasse bleiben und das setzt die erfolgreiche Weitergabe voraus, was in Form von Heiraten erfolgt. Die großen Familien Frankreichs haben es geschafft, die Zeit als einziges Kriterium der sozialen Exzellenz durchzusetzen. Nach der Revolution hat die Bourgeoisie das wiederholt, was der Adel tat. „Das Reproduzierungsprinzip der dominanten Klasse hat sich kaum verändert. Es ist eine Aristokratie des Geldes.“ Ob adelig oder nicht hat keine Bedeutung mehr, weil die großen Namen der Geschäftswelt heute zur Aristokratie gehören. Es gibt viel mehr Heiraten zwischen Bürgerlichen und Adeligen. Diese neue und alte Elite wohnt an einem Ort zusammen, unter sich, ob am Meer oder in den Bergen, in goldenen Ghettos. So wird das Vermögen im gleichen Milieu an die Nachfahren weitergegeben und es bleibt alles in der Familie.


Sich vor den Medien verstecken, um das Räderwerk geheim zu halten.

Laut Monique Pinçon-Charlot halten sich die alten Familien aus folgendem Grund von den Medien weitestgehend fern: „damit die Macht funktioniert, sollte man auf keinen Fall Einblick in das Räderwerk geben.“ Im Moment haben die neuen Dynastien das Sagen, mit der Finanzierung der Banken und dem Neoliberalimus. Das „neureiche Verhalten gibt den Blick frei auf das Räderwerk der Macht.“ Die Bettencourt-Affäre ist ein gutes Beispiel, um zu veranschaulichen wie das Räderwerk funktioniert. Das erleichtert die Arbeit der Soziologen und Journalisten und hilft dem Verständnis, wie diese Oligarchie funktioniert. Die Affäre wird auch zum negativen Symbol für Menschen, die alle Rechte für sich reklamieren. Das Volk scheint dahin zu tendieren, das alles nicht wissen zu wollen. M. Pinçon-Charlot beschreibt das Funktionieren der Oligarchie als ambivalent, da einerseits „das Räderwerk der Macht offen gelegt wird, mit der Verzahnung von Politik und Geschäftswelt“ und dem Resultat, dass „die Politik im Dienst der Wirtschaft steht“. Andererseits gibt es keine Transparenz, da die Politiker heute die Botschaften stärker verklären.


Wenn eine Familienaffäre zur Staatsaffäre wird

Was als Familienaffäre begann, wurde rasant zur Staatsaffäre und belastet nun auch den französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, vor allem aber seinen Arbeitsminister und Vertrauten Eric Woerth. Liliane Bettencourt, Erbin des L'Oréal-Konzerns und laut dem US-Wirtschaftsmagazin Forbes, die drittreichste Frau der Welt, wird wegen Steuerhinterziehung und illegaler Parteienfinanzierung der konservativen Partei UMP, der auch Sarkozy angehört, verdächtigt. Alles begann mit der Klage von Bettencourts Tochter Françoise Meyers-Bettencourt. Sie reichte im Dezember 2007 eine Klage auf Vormundschaft über ihre Mutter ein, da sie behauptete, diese lasse sich von ihrem langjährigen guten Freund, dem Fotografen François-Marie Banier, ausnehmen und verklagte auch diesen. Der Fotograf soll fast eine Milliarde Euro von Liliane Bettencourt erhalten haben, sowie eine Seychellen-Insel im Wert von einer halben Million Euro, die nicht versteuert wurde. Dies bestätigen offenbar, unter anderem, heimliche Tonbandaufnahmen, die der Butler über ein Jahr lang bis Mai 2010 gemacht hatte. Er übergab diese der Tochter, die sie Mitte Juni 2010 dem Gericht vorlegte. Im Internet wurden die Tonbandaufnahmen von Médiapart veröffentlicht und die Familienangelegenheit wurde zur Staatsaffäre.


Steuervergünstigungen für die Reichen



Eric Woerth, französischer Arbeitsminister

Der französische Arbeitsminister Eric Woerth soll, zu seiner Zeit als Finanzminister und Schatzmeister der UMP, illegale Bargeldspenden zur Finanzierung der Wahl Sarkozys 2007 von Liliane Bettencourt entgegen genommen haben, obwohl er selbst hart gegen Steuerhinterzieher vorgegangen ist und das Schweizer Bankengeheimnis auflockern wollte. Seine Frau arbeitete zudem in der Vermögensverwaltung der L'Oréal-Erbin. Den Posten habe sie erhalten, nachdem ihr Mann den Chef der Firma, Patrice de Maistre, um ein Gespräch zur Berufssituation mit seiner Frau gebeten hatte. Danach verlieh er ihm die Auszeichnung der Ehrenlegion, obwohl er auf der Liste der 3000 Steuerflüchtigen stand. Außerdem wird Woerth heftig für sein Steuerschild kritisiert, das den Reichen Steuervergünstigungen zugesteht und sie nicht daran hindert, weiterhin geheime Konten im Ausland zu führen, deren Kontrolle der eigentliche Sinn war. Neuerdings wurden Vorwürfe bekannt, dass er 2008 auf das Erbe des französischen Bildhauers César einen Steuernachlass von 27 Millionen Euro in seiner Eigenschaft als Finanzminister erwirkt haben soll. Der Testamentsvollstrecker des Nachlasses Césars, Alain-Dominique Perrin ist ein Großspender der Regierungspartei UMP. Diese Affäre wird an erster Stelle in der französischen Presse besprochen und vielleicht führt der Skandal dazu, dass die Politiker vorsichtiger werden.

 

Lili Schackert 9.08.2010

 









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