

Das französische politische Wochen-Magazin Le Point misst Deutschland in letzter Zeit besonderes Interesse zu und veröffentlicht in der Ausgabe vom 3. Juni 2010 einen umfassenden Bericht mit dem Titelthema: "Spéciale Allemagne" (Deutschland-Spezial); auf dem Cover die deutsche Eurovison-Gewinnerin Lena. Die Franzosen räumen mit Vorurteilen auf und wollen anhand einer Studie über das "deutsche Modell" erklären, warum Deutschland gewinnt, wie der Untertitel ankündigt. Le Point ist mit dem amerikanischen Magazin Time vergleichbar und wurde 1972 von Journalisten gegründet, die politisch unabhängig bleiben wollten und zuvor zu der Redaktion des französischen Nachrichtenmagazins L'Express vergleichbar mit Der Spiegel gehörten, dem erst erschienenen und auflagenstärksten politischen Magazin Frankreichs, das der bekannte Journalist Jean-Jacques Servan-Schreiber leitete.

Die Franzosen interessieren sich für Deutschland oder doch nur für Berlin?
Das liberal-konservative Magazin, mit gut recherchierten Hintergrundberichten, hat das Verdienst, Deutschland auf die Titelseite zu bringen, was in Frankreich nicht häufig vorkommt. Zum einen war Deutschland mit seiner Wachstumspolitik nicht sehr spannend für die Franzosen, was sich seit der Wende mit dem Interesse für die Unterschiede der Gesellschaftsentwicklung in Ost und West geändert hat. Trotzdem herrschte weiterhin das Bild vom "langweiligen Deutschland" vor, bis sich das hippe Berlin ins Zentrum des Geschehens katapultierte. Das Interesse scheint sich gleichwohl in Grenzen zu halten. Das mag zum Teil auch daran liegen, dass es der französischen Tagespresse finanziell nicht besonders gut geht, Verkaufs-und Leserzahlen sind rückläufig. Die wöchentlichen Nachrichtenmagazine sind erfolgreicher und mindestens drei, die sich dauerhaft etablieren konnten, stehen in Konkurrenz. Für deutsche Nachrichtenmagazine war es sehr viel schwieriger, sich als Konkurrent zum Spiegel zu etablieren, wohingegen die deutsche Tagespresse trotz der Wirtschaftskrise relativ stabil blieb. In Paris lebt eine größere Anzahl von deutschen Journalisten, die über Frankreich berichten, als umgekehrt französische Auslandskorrespondenten in Berlin. Pascale Hugues, französische Journalistin und Schriftstellerin ist eine sehr gute Deutschland-Spezialistin und schreibt unter anderem für den Tagesspiegel und den Spiegel. Sie lebt seit 1995 in Berlin und hat allein vier Titelbeiträge zum Thema Deutschland in Le Point veröffentlicht.

Deutschland in den Augen der Franzosen
Die Artikelserie beginnt mit dem Titel "Allemagne, pourquoi elle gagne" (“Warum Deutschland gewinnt”). Nach einer Einleitung zur Geschichte wird Deutschalnd als Ausnahmeland dargestellt und eine kritischen Parallele zu Frankreich gezogen. Die Bundeskanzlerin in rot, wie sie einen roten Audi bei der Automobilmesse in Frankfurt 2009 inspiziert, auf einem Bild über eineinhalb Seiten. Das wiedervereinte Deutschland wird gelobt, da es seine neue Stellung zu behaupten wußte, seine jüngere Geschichte und Außenpolitik. Andererseits sei in Frankreich die Kritik zu hören, dass Deutschland das Opfer seines "Sonderweges" sei und dazu neige, Europa zu vergessen, bis hin zum geheimen Wunsch, die Deutsche Mark wieder einzuführen. Das würde sichtbar im Zögern der Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Entscheidung für die Griechenlandhilfe. Die deutsch-französischen Beziehungen seien im übrigen nicht immer einfach gewesen, was auch oft an Frankreich gelegen habe.

Bewunderung und Kritik für die “super machine” Deutschland
Weiter geht es mit der "La super machine" und wie Deutschland seinen industriellen Erfolg erreicht hat und ihn halten möchte. Ihm wird Egoismus, sogar Macchiavellismus in Bezug auf die Kürzungen der Staatsausgaben und Ablehnung von Steuersenkungen vorgeworfen. Das Ziel sei, Europa mit seinen Produkten zu überschwemmen und seine Export-Maschine zu stärken (unterhalb des Artikels zur Veranschaulichung, Bilder von den Erfolgsprodukten Playmobil, Haribo und Nivea mit ihren Umsätzen im Jahr 2009). Die Stärke der deutschen Industrie sei der "Mittelstand"; aber Deutschland wird vorgeworfen, es nutze andere Länder Europas, die nicht in der Euro-Zone sind, z.B. als billige Werkstätten. Kritik wird vor allem bei der Griechenlandunterstützung geübt, bei der die Bundeskanzlerin zu lange gezögert habe.

Eine unterschiedliche Gewerkschaftskultur in Deutschland
Als nächstes geht es mit einem kurzen Interview weiter, von Pascale Hugues mit Frank Baasner, Leiter des deutsch-französischen Instituts in Ludwigsburg zum Thema "Kein Thema spontan zu streiken" (“Pas question de faire grève spontanément”). Er erklärt, die Deutschen werden durch mehr Gewerkschaften vertreten als die Franzosen und mehr und härtere Verhandlungsetappen müssten durchlaufen werden, bevor es zu einem Streik kommen könne. Man dürfe seinen Chef nicht einfach im Büro einsperren. Es wäre gegen das Verhandlungsprinzip und in der öffentlichen Meinung inakzeptabel.

Wie sich der Erfolg in der Statistik ausdrückt
Dann kommen einige Zahlen zu "Deutschland: die Schlüssel des Erfolgs" (“Allemagne: les clés de la réussite”) mit einigen Grafiken und Statistiken im Vergleich zu Frankreich, die die Führungsposition Deutschlands veranschaulichen, in den Bereichen Export, Rente, Wachstum, Öffentliches Defizit, Arbeitslosigkeit und Verbrauch der Haushalte. Ein weiterer Artikel über das Erfolgsmodell vom Automobilhersteller Audi, der mit dem Zitat Angela Merkels endet: "Audi ist ein Vorbild für die deutsche Wirtschaft".

Wie denken künftige Führungskräfte?
Pascale Hugues macht weiter mit einer Reportage über "Was die deutsche Jugend denkt" und hat dafür zwei Abgänger der Hertie School of Governance befragt, deren Studenten aus 30 Ländern stammen und auf englisch unterrichtet werden. Sie sollen zu Führungskräften Deutschlands ausgebildet werden. Sie kritisieren den vorherrschenden Selbstzweifel der Deutschen und dass die Politik den Deutschen nicht die Vorteile erklärt, die sie durch die europäische Integration und den Euro erzielt haben und wünschen sich mehr Fokus auf eine starke europäische Regierung.

Das Phänomen Bild-Zeitung – als solches in Frankreich unbekannt
In einem weiterern Artikel präsentiert Pascale Hugues die Zeitung Bild mit ihren prägnanten und oft schockierenden Titeln, denn ein solches Format existiert in Frankreich nicht. Als Titel "Bild einflussreicher als Angela Merkel" mit Interviewausschnitten vom Parlamentsredaktionschef Nikolaus Blome. Sie erklärt, dass Bild von Politikern gefürchtet und zugleich hofiert wird und das widerspiegelt, was in in deutschen Köpfen vorgeht. Sogar Angela Merkel habe kurz nach ihrer Wahl Bild das erste Interview zugesprochen.

Der Bundespräsident, Schriftsteller und Philosophen – Haltung und Meinungen
Ein weiterer Artikel der gleichen Journalistin über "das große Tabu des Kriegs" mit Blickpunkt auf den Rücktritt des Bundespräsidenten Hörst Köhler aufgrund seines - angeblichen - Faux-Pas, wirtschaftliche Interessen von Deutschland im Zusammenhang mit dem umstrittenen Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr zu nennen. Zwei größere Artikel mit Interviews vom Philosophen Peter Sloterdijk und des Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger über ihre Sicht als Deutscher und zu Deutschland, geben Einblick in die Mentalität und Politik sowie Geschichte. Als Gegenpart dazu steht ein Interview mit Richard Precht, dem jungen "Pop-Philosophen", der seinen Zeitgenossen mit einfachen Worten die Philosophie erklärt.

Faszination Berlin
Zum Abschluss noch ein großer Artikel über "Berlin die Magnetische" mit einem Foto des Badeschiffs in der Spree. Berlin mit seinen Attraktionen, Monumenten, Ausstellungen, seinem Nachtleben, kreativen Strom und günstigen Mieten, die so viele anzieht, wie die sehr beliebten Stadtteile Mitte und Prenzlauer Berg. Berlin, das fasziniert und zum gelobten Land wird.
Le Point gibt einen kritischen Querschnitt von Deutschland in verschiedenen Bereichen auf seiner Titelseite und kann doch nicht anders, als Klischees aufzufrischen. Berlin bietet da ein schönes Highlight und ein wenig Trost. Natürlich hat sich die deutsch-französische Freundschaft in letzter Zeit durch die Griechenland-Debatte etwas abgekühlt und das schlägt sich - natürlich - in der französischen Presse nieder.
Lili Schackert 15.06.2010

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une belle brune pour illustrer l'Allemagne!
Comme quoi ils vont contre les clichés quand même!