„Versailles“ war 2008 beim Filmfestival in Cannes zu sehen, in der Reihe „Un certain regard“.
Der deutsche Verleih Kairos Film zeigt ihn nun in vier Kopien in Deutschland.
Wie ein Inbegriff allen Kindseins sieht Enzo aus, der fünfjährige Junge, den seine obdachlose Mutter im Wald von Versailles, bei dem Aussteiger Damien zurücklässt. Große Augen und Knopfnase, struppiges Haar, ein Menschlein oder auch ein Wölflein, wie Damien ihn einmal nennt.
Enzo ist zart, zerbrechlich und doch unendlich anpassungsfähig. Das muss er auch sein um das wilde Leben im Wald zu meistern.
Damien wird gespielt von Guillaume Depardieu, der im Sommer 2008 an den Folgen eines Motorradunfalls verstorbenen ist.
Das Wissen um seinen baldigen Tod trägt auf seltsame Weise zu der Filmerzählung bei. Oft sieht man seinen Körper, geschunden, zerkratzt, mitgenommen vom Überlebenskampf, frühzeitig gealtert.
„Versailles“ ist keine Systemkritik
Damien ist freiwillig aus der modernen Gesellschaft ausgestiegen, er braucht die Freiheit und den Wald. Der Staat wird nicht als grundsätzlich feindlich dargestellt. Es gibt Programme für alles, für jedes Problem eine Lösung, eine Maßnahme. Man muss nur ins Rathaus gehen und kooperativ sein. Damien will nicht kooperativ sein. Er traut dem System nicht, er lebt daneben, außerhalb und nimmt alle Härten in Kauf, die dies mit sich bringt. Dass er dabei selbst verhärtet, ist nicht zu vermeiden. Die Begegnung mit dem Kind Enzo, dem kleinen Wölflein für das er sorgen muss, verändert ihn eine Zeit lang.
Keine Heizung, keine Dusche
Es gibt sie wirklich, die Obdachlosen in den Wäldern von Versailles, um das Schloss herum, dem Inbegriff von Reichtum und Staat. Sie sind als eine Art „Edle Wilde“ dargestellt, zitieren Gedichte, tanzen nachts ums Feuer, scheinen tiefsinniger und authentischer zu sein, als der moderne Stadtmensch. Manchmal ist das hart am Kitsch.
Aber „Versailles“ ist keine Dokumentation, sondern eine archaische Familiengeschichte von Mutter, Vater und Kind in einer Hütte im Wald.
So kann man sich einlassen auf die Welt der Aussteiger, die Platzangst bekommen, wenn sie in einer Wohnung mit Dusche und Heizung leben müssten. Auch der kleine Enzo will wieder in die Hütte im Wald zurück, nachdem er schon eine Weile in einem richtigen Haus bei Damiens Vater lebt.
Der Film setzt sich aus vielen kleinen Beobachtungen und Gesten zusammen. Nichts wird behauptet, alles wird direkt erzählt, über Gesten, Blicke, Details. Einfach nur diese Dinge zu tun- Wasser besorgen, ein Feuer entfachen, zu essen, nur darum scheint es im Leben zu gehen.
Aber wenn man sich um ein Kind kümmern muss, reicht das nicht mehr. Dann muss man sich der Gesellschaft stellen, kooperieren. Es ist bewegend, wie der Film davon erzählt. Man sollte ihn sich ansehen, auch mit seinen Kindern zusammen.