Dass die katastrophale Situation in Griechenland zu einer großen Debatte in ganz Europa geführt hat, hat sich deutlich in den letzten Tagen gezeigt. Während Frankreich zu finanziellen Hilfen schnell bereit ist, fällt die deutsche Regierung unter Angela Merkel zunächst durch ein sehr zögerliches Verhalten auf. Dies erntet allerhand negative Reaktionen. Die vielleicht interessanteste ist die des französischen Politikers Jean-Luc Mélenchon: In einem Radiointerview bezeichnet er Angela Merkel als „Bäuerin“. Ein Blick auf eine verbale Entgleisung und den Mann dahinter
Er ist für sein loses Mundwerk bekannt: Jean-Luc Mélenchon, Ex-Senator und Chef der „Parti de gauche (Linkspartei)“. Als solcher kritisiert er am vergangenen Donnerstag in einem Radiointerview des Nachrichtensenders Europe1, wie angesichts der Griechenland-Krise viele europäische Länder mit dem Finger auf ihre Nachbarn zeigten und solidarisiert sich mit den Griechen. Schuldige kennt Mélenchon viele: am Anfang stehe das Finanzsystem als Hauptschuldiger, das über Banken und Versicherungen das griechische Volk zum Opfer mache. Doch auch über die europäischen Regierungen gibt es für ihn viel zu sagen. Über den griechischen Ministerpräsident Giorgios Papandreou schimpft er: „Er hat keinen Schneid und gibt, anstatt sein Volk zu beschützen, denen Recht, die dabei sind, es zu erwürgen.“ Auch die Pläne der französischen Regierung kritisiert Mélenchon im Interview: „Wenn wir uns [das Geld] zu drei Prozent leihen, heißt das, dass wir ihnen zwei Prozent an Zinsen drauflegen. Wenn wir eine Besatzungsarmee wären, würden wir ihnen nicht soviel abnehmen.“
Schließlich wird der Fokus des Gesprächs auf Deutschlands Position in der Krise gelenkt. Mélenchon glaubt, mittlerweile gar ein „deutsches Europa“ zu erkennen, in welchem man immer erst brav um Erlaubnis fragen müsse. Außerdem sieht er Frau Merkels Zögern in den kommenden Wahlen in Nordrhein-Westfalen begründet, für die jene ihre liberalen Verbündeten brauche. Als der Interviewer dann Angela Merkel in Anspielung an Maggy Thatcher als „eiserne Lady“ bezeichnet, lautet Jean-Luc Mélenchons Urteil: „Merkel, das ist keine eiserne Lady. Das ist eine Lokalpolitikerin, das ist eine Bäuerin aus einer Ecke Deutschlands, die ihre Verantwortung gegenüber Europa nicht wahrnimmt.“
Eine deutsch-französische Freundschaft
Eine derart feindliche Haltung gegenüber einer deutschen Politikerin ist umso interessanter, als sich in Mélenchons eigener politischer Karriere viele Bezüge zum Nachbarn jenseits des Rheins finden. In seiner Vergangenheit Teilnehmer an den Demonstrationen im Mai 1968 und späterer trotzkistischer Studentenführer, wechselt er zunächst zur Sozialistischen Partei (Parti Socialiste) unter Mitterrand und wird in der Zeit der Cohabitation zwischen dem konservativen Präsidenten Jacques Chirac und dem sozialistischen Premierminister Lionel Jospin Beauftragter für die berufliche Bildung. Mélenchon ist es zudem, der im Jahr 1990 den ersten Gesetzesentwurf für den PACS, den zivilen Solidaritätspakt sowohl für homo- als auch heterosexuelle Paare, im Senat einbringt. 2005 wird er weiter bekannt, als er mit einem Teil des linken Parteiflügels an der Spitze eines linken Bündnisses gegen den europäischen Verfassungsvertrag mobil macht – und dies im Gegensatz zum Rest der Sozialistischen Partei. Auf der von Mélenchon zu diesem Zweck organisierten Veranstaltung findet sich ein Freund und Verbündeter des „gallischen Bolschewiken“: Oskar Lafontaine, der noch in diesem Jahr aus der SPD austritt. Mélenchon macht es ihm 2008 nach. Der Anlass ist für ihn, als innerhalb der Sozialistischen Partei ein Programmentwurf des von der ehemaligen Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal geführten Parteiflügels die meisten Stimmen bekommt, nicht jedoch ein Entwurf mehrerer Gruppierungen des linken Parteiflügels. Mélenchon mag Royal nicht, wirft ihr einen Rechtskurs vor – und verlässt prompt die Partei. Daraufhin entschließt das ehemalige PS-Mitglied sich dazu, eine eigene Partei links der PS zu gründen: die „Parti de Gauche“, die bereits im Namen deutliche Parallelen zur deutschen Linkspartei aufzeigt. Die Parti de Gauche versteht sich als Auffangbecken vor allem von ehemaligen Mitgliedern der PS, außerdem Kommunisten, Trotzkisten, Globalisierungsgegnern, Bürgerrechts- und Umweltaktivisten. Eine Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Parteien – auch der Sozialistischen Partei – ist für sie ausgeschlossen, es soll hingegen eine regierungsfähige linke Mehrheit entstehen. Auf der ersten Zusammenkunft der Partei ist Lafontaine als Ehrengast anwesend.
Krieg den kleinen Hirnen
Doch Mélenchon, der es scheinbar schwer versteht, seine Zunge zu hüten, führt einen weiteren Kampf: den gegen die Medien. Er bezeichnet sich selbst als „Partisanen einer bürgerlichen Medien-Revolution“. Diese Rolle zeigte er bereits gut, als er im letzten Jahr zu einer Journalistin meinte, sie solle zum Teufel gehen. Und erst vor einem Monat, mitten im Wahlkampf für die Regionalwahlen, regt sich Jean-Luc Mélenchon über einen Journalismus-Studenten auf, der ihn mit einer Kamera befragt. Zunächst geht es noch um das Thema der Enthaltungen in der Wahl, als Mélenchon die ironische Bemerkung macht, dass bereits zwei Tage nach der Berichterstattung über dieses Thema in der Zeitung „Le Parisien“ als große Schlagzeile stehe: „Sollen Bordelle wieder geöffnet werden?“ Der Interviewer, Félix Briaud, hält das Thema für wichtig, Mélenchon dagegen nicht. Viel mehr geht er zur Kritik am Journalistenberuf über, den er als „verdorbenes Gewerbe“ und als „schmutzige Zunft“, die Zeitungen verkaufe, kritisiert. Zudem soll in dem Interview nicht mehr von dem „Scheißthema“ der Bordelle, sondern über Medien und Politik gesprochen werden, so der ehemalige Senator. Zuletzt wird dieser sogar persönlich, als er den Briaud als „kleines Hirn“ bezeichnet. Der Student rächt sich aber bald danach, in dem er das Video vom Interview ins Internet stellt. Über Twitter gelangt es dann bis zu allen großen Onlinemedien und Blogs. Apropos Blogs: Wer Interesse an Mélenchons Ansicht zum Video hat, kann auch seinen Blog (www.jean-luc-melenchon.fr) im Internet besuchen.
Mélenchon, der Kämpfer an vielen Fronten. Vielleicht ist es dieser Kampfgeist, den man manchmal gern bei anderen Politikern sehen würde. Dennoch sollte er sich nicht verschätzen, insbesondere nicht bei Angela Merkel, denn wie im Schachspiel können auch in der Politik aus Bauern sehr schnell Königinnen werden.