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Flugblatt: "Französischsprachige Ratten, raus!"



Der belgische Humorist François Pirette belegt mit einem Telefon-Streich den Konflikt zwischen den flämischen und wallonischen Gebietskörperschaften. Das Verbot der französischen Sprache in einigen flämischen Administrationen führt zu diversen und schockierenden Reaktionen. Dazu bewirkt das Dekret „Wonen in eigen Streek“ die halbamtliche Diskriminierung der französischsprachigen Belgier in der flämischen Peripherie von Brüssel. Wie reagiert die Europäische Union darauf?




François Pirette, berühmter belgischer Humorist

François Pirette bringt das belgische Sprachproblem ans Licht

Der belgisch Humorist François Pirette spielt gerne lustige Streiche* beim Radiosender Bel-RTL. Jüngst rief er als ein Diplomat von der Elfenbeinküste im flämischen Rathaus Dilbeek (einige Kilometer von Brüssel entfernt) an. Er tat so, als wolle er ein Haus in der Gemeinde kaufen und redete dabei nur französisch. Sein Ansprechpartner jedoch antwortete nur in flämisch, obwohl er ihn verstand, dann schließlich, nach mehreren Anträgen an seinen Vorgesetzten, antwortete er ausnahmsweise französisch. Diese Anekdote ist lediglich einen der vielen Elemente des ehemaligen Konflikts zwischen den belgischen Gebietskörperschaften.




Geert Bourgeois, der flämische Vize-Präsident für Innere Angelegenheiten, Integration und die Peripherie Brüssels

Die schockierende Reaktion der lokalen Abgeordneten

Die Reaktion des Bürgermeisters von Dilbeek Stefaan Platteau lässt den Skandal ansteigen. Für ihn liegt die Gemeinde in flämischem Gebiet und man solle demzufolge flämisch sprechen. Dazu ist zu sagen, dass Dilbeek sogar nur einige Kilometer von der Sprachgrenze entfernt und 30% französischsprachige Einwohner zählt. Seine Argumentation untermauert der Bürgermeister mit einer Parallele zu englischsprachigen Ländern: Wenn die offizielle Sprache englisch sei, versuche man nicht eine andere Sprache zu sprechen, so solle es auch in der flämischen Region sein. Außerdem empört er sich über Touristen, die kein flämisch sprechen könnten. Die anerkannte internationale englische Sprache wird in einem Großteil der Welt gesprochen, wohingegen flämisch eine offizielle Sprache nur in zwei europäischen Ländern (Belgien und Niederlande) ist. Ferner sind die offiziellen Amtssprachen Europas französisch, englisch und deutsch. Wäre es nicht normal, dass einige Kilometer von der europäischen Hauptstadt man diese Sprache in den Administrationen nicht verbieten würde? Noch schlimmer wäre vielleicht die offizielle Unterstützung des flämisches Vize-Präsidenten für Innere Angelegenheiten, für die Integration und für die Peripherie Brüssels: Geert Bourgeois (flämische nationalistische Partei).




Informationsfeld am Ortseingang Dilbeek: "Dilbeek, wo die Flamen zu Hause sind..."
Quelle: www.francophonedebruxelles.com

Halbamtliche Diskriminierung im Dekret: „Wonen in eigen streek“

Dazu hat das flämische Parlament im September 2009 das Dekret „Wonen in eigen streek“ („Wohnen in seiner eigenen Region“) gewählt. Dieses betrifft die Bauausdehnung in 69 Gemeinden der flämischen Gegend um Brüssel. In der Tat sollen die potentiellen Käufer ihre „berufliche, familiale, soziale oder wirtschaftliche Verbindung mit der Gemeinde“ beweisen. Dieser abstrakte Ausdruck scheint zur Diskrimination der französischsprachigen Menschen in den flämischen Städten zu führen. Mehr und mehr Skandale brechen aus. Der Fall Alexia Philippart ist zum Beispiel unverhohlen: Sie wohnte seit 2008 mit ihrem Mann und ihrer einjährigen Tochter in Rhode. Nach der Scheidung des Paars wollte sie eine neue Wohnung in besagtem „Wohngebiet“ der Stadt kaufen. Der „Provinzbewertungsrat“ hatte aber Mitte März 2010 entschieden, dass sie nicht genug an die Stadt gebunden sei. Vielleicht kann man dazu betonen, dass Frau Philippart auch andere Mitglieder ihrer Familie in Rhode hat. Sie erklärt: „ Ich mache alles, um integriert zu sein. Ich lerne 4 Stunden jeden Samstag flämisch. Die Flamen wollen, dass unsere Kinder flämisch lernen, aber sie verzichten auf die Mittel, dies zu erreichen!“ Die Frage der Legitimität der Entscheidung wurde also gestellt. Andere Diskriminierungen haben die Belgier schon festgestellt. Die Gemeinde Zaventum und Grammont bewilligen Beihilfen nur an Einwohner, die niederländisch lernen. Der Wille der Flamen, den französischsprachigen Menschen zurücksetzen, ist hier fraglos belegt.




Herman von Rompuy, aktueller Präsident des Europäischen Rats

Reaktionen Europas auf diese flagranten Probleme

Mehrere belgische Abgeordnete haben Anklage an den europäischen Gerichtshof gegen das Freizügigkeitsgrundrecht gestellt, das schon seit dem Elysée Vertrag 1957 von Europa anerkannt und vollständig ist. Das Dekret wurde vielleicht vom flämischen Gerichtshof zuletzt vom Europäischen Gerichtshof verfassungswidrig erklärt. Die europäische Kommission hat aber auch schon auf diese belgischen Probleme reagiert. Eine Untersuchungskommission wird den Verdacht einer versteckten Diskriminierung in den Gemeinden Vilvorde, Londerzeel und Grammont entweder entkräften oder bestätigen. Wir warten auf die Ergebnisse dieser Untersuchungen. Zur Anekdote wohnt der Präsident des Europäisches Rats Herman Van Rompuy in Dilbeek und hat sich bis heute nicht offiziell geäußert.




Quebecfahne

Belgier fragen Quebecer um Rat

Die französischsprachigen Belgier fragen die Quebecer um Rat. In der Tat gibt es mehr und mehr Gespräche in Foren. Fundamentale Unterschiede liegen zwischen den zwei Nationen. Für die offiziellen Akten (Geburtsakte und standesamtliche Dokumente) wählen die Kanadier des Quebec einmalig die Sprache (eine Sprachänderung ist nicht möglich), im Gegenteil zu Belgien. Dabei stellte man in Quebec in den letzten Jahren eine Steigerung der englischsprachigen Einwohner und Geschäfte in der Region Quebec fest. Die Situation ist aber ganz anders, weil die französischsprachigen Menschen eine Minderheit in Nordamerika darstellen. Die kanadische Integration in Quebec ist vielleicht mehr inklusiv, weil eine Sprachwahl existiert. Im Gegenteil kann man die belgische Integration als exklusiv bezeichnen, denn jeder soll die Sprache der Region sprechen. Ferner liegt in Belgien aber die Hauptstadt Europas: Brüssel, das Symbol der europäischen Multikulturalität. Schon 2007 hatte die New York Times von einem „gewaltlosen Faschismus“ direkt einige Kilometer  der europäischen Hauptstadt entfernt gesprochen.

 

 

Elodie Mareau

15.04.2010

 

 

* Link, um den Streich anzuhören (auf französisch): http://comedie.belrtl.be/video/141025.aspx

 

 

 





Flugblatt: Gelbstern für französischsprachige Belgier







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