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Eine muslimische Studentin am Cégep* Saint-Laurent in Montréal trägt eine Niqap. Seit einigen Wochen spricht ganz Québec von ihr: Es geht um die Frage des Multikulturalismus in Kanada.




Moschee in Montreal

In einem „Cours de françisation“ (z.Dt. Französisierungskurs) am Cégep* Saint-Laurent mussten vor dem gesamten Kurs Referate gehalten werden. Dies wurde zu einem Problem für die Muslimin, für die Kursteilnehmer, für das Cégep und das Québecer Gesetz. Die Frau verlangte ihren Vortrag verschleiert halten zu dürfen. Sie trägt eine Niqap, einen Gesichtsschleier, der von manchen muslimischen Frauen, besonders auf der arabischen Halbinsel, getragen wird. Nur ein schmaler Streifen um die Augen bleibt unverdeckt. Die Studentin fürchtete die Blicke der männlichen Kursteilnehmer, also wurden Kompromisse gesucht. Die Lehrerin habe der Frau angeboten, sich mit dem Rücken zur Klasse zu stellen, um den Blicken der Männer so auszuweichen, berichten die kanadischen Zeitungen Le Devoir und La Presse. Die Studentin verlangte hingegen, dass sich die männlichen Kursteilnehmer umsetzten um so ihren Blicken auszuweichen. Die staatliche Bildungseinrichtung sah sich gezwungen, die Frau aus dem Unterricht auszuschließen. Man könne nicht sicher sein, wer sich unter dem Schleier verberge und es gehe zu weit, die männlichen Kursteilnehmer des Raumes zu verweisen, so das Cégep*. Die Kanadierin, mit ägyptischem Migrationshintergrund, möchte nun bei der Menschenrechtskommission Klage gegen das Vorgehen einreichen.

 

L’accommodement raisonnable – Vernünftige Vereinbarung

Die Schule ist ein öffentlicher Raum, eine staatliche Bildungseinrichtung, religiöse Zeichen gehören dort nicht hin, würde das französische Gesetz wahrscheinlich antworten. Laizität, die Trennung von Kirche und Staat, trifft in Kanada auf die Idee des Multikulturalismus. Eine problematische Situation, wie auch aktuell wieder deutlich wird. Das Gesetz des „accommodement raisonnable“ spielt hierbei die entscheidende Rolle. 1985 verabschiedete der Oberste Gerichtshof Kanadas ein Arbeitsgesetz, welches den Begriff der „vernünftigen Vereinbarung“** beinhaltete. Dies sollte eine Diskriminierung am Arbeitsplatz unterbinden und wurde zunächst vor allem von körperlich Behinderten in Anspruch genommen. Das Gesetz bot den Arbeitnehmern die Möglichkeit sich rechtlich gegen Diskriminierung seitens des Arbeitgebers zu schützen. Die von der Regierung in Aufrag gegebene Bouchard-Tayler-Kommission untersucht seit einiger Zeit das Gesetz erneut. „Wir brauchen eine Heirat zwischen den Persönlichkeitsrechten der Menschen und der Trennung von Religion und Staat“, so Gérard Bouchard in einem Interview mit Radio Canada.

Die Menschenrechtskommission Québecs veröffentlichte nun vor einigen Tagen ein lang erwartetes Urteil der RAMQ*** bezüglich dreier Fälle. Man könne als verschleierte Frau in Québec von der RAMQ nicht fordern ausschließlich von einer Frau beraten oder behandelt zu werden, so die Kommission zum ersten Fall. Dies sei eine „unvernünftige Vereinbarung“. Wenn die RAMQ von einer verschleierten Frau fordert sich für eine kurze Zeit ohne Schleier zu zeigen, schränkt dies nicht die Religionsfreiheit ein, so die Kommission weiter. Desweiteren müssten verschleierte Frauen akzeptieren, dass sie sowohl von einer Frau als auch von einem Mann fotografiert würden, erklärt der Pressesprecher Marc Lortie der RAMQ in der linksliberalen Montréaler Zeitung Le Devoir. Die Kommission betonte andererseits, dass es den Mitarbeiter der RAMQ nicht verboten werden dürfe einen Schleier in ihrer öffentlichen Position zu tragen.




Multikulti in der Bahn

Unvernünftige Vereinbarung?

Das in den Anfängen zumeist von Behinderten in Anspruch genommene Gesetz, hat heute eine neue politische Dimension bekommen: Es geht um die Rechte der Religionsausübung von Minderheiten in Québec. Ist ein Arbeitgeber dazu verpflichtet seinen muslimischen Angestellten einen Gebetsraum einzurichten? Dürfen Sikhs ihren Turban anstelle eines Helmes in der Armee tragen? Die Diskussion um das Gesetz begann erneut 2002, als die Fensterscheiben eines YMCA’s**** in Montréal verdunkelt wurden, um ultra-orthodoxe Jüdinnen vor den Blicken der Männer zu schützen. Heute ist es die junge Muslimin, die sich weigert ihr Gesicht in einer Französischstunde zu zeigen und so aus dem Unterricht ausgeschlossen wird. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Priorität des Französischen und die Trennung von Staat und Religion sind tief im Québecer Gesetz verankert. Das Tragen der Niqap ist für viele ein Symbol der Unterdrückung von Frauen. Würde dieses religiöse Symbol in der Schule akzeptiert, ginge das vielen zu weit. Der liberale Premierminister Québecs, Jean Charest, äußerte gestern in der Montréaler Zeitung Le Devoir, dass bei staatlichen Dienstleistungen und Einrichtungen erwartetet würde „Gesicht zu zeigen“. „Wir haben alles gemacht um eine Einigung mit dem Mädchen zu finden, aber es gibt ein Limit, welches wir hier erreicht haben.“, äußerte ein Informant der Le Devoir.

 

Katholizismus als provinzielle Identität

Letztes Jahr immigrierten ca. 45000 Menschen in die kanadische Provinz. Die Frage nach der Identität der Québecer ist auf Grund dieser relativ hohen Zahlen immer wieder präsent. Québec war, bis Ende der 1969er Jahre, eine katholische Provinz, umgeben vom protestantisch-englischsprachigen Kanada. Katholizismus gehörte zur provinziellen Identität, dies änderte sich im Zuge der Stillen Revolution Ende der 1960er Jahre. Heute ist die französische Sprache das wohl prägnanteste Merkmal der Identität Québecs und wird nicht mehr ausschließlich mit dem Katholizismus verbunden. Juden, Muslime und Protestanten sind ebenso französischsprachig wie Katholiken nun englisch sprechen.*****

Den Immigranten werden Kurse zur Französisierung angeboten, in denen die kulturelle Integration gefördert werden soll. Der Niqap-Vorfall im Integrationskurs muss auch auf diesem Hintergrund betrachtet werden.

Sowohl die Trennung von Religion und Staat ist in Québec gesetzlich verankert, als auch die Freiheit der Religionsausübung. Kanada hat sich den Multikulturalismus auf die Flagge geschrieben und stößt damit immer wieder auch an Grenzen. Die Diskussionen in der kanadischen Presse scheinen alle eines zu fragen: Laizismus oder Multikulturalismus?

 

 

*Das Cégep ist vergleichbar mit der gymnasialen Oberstufe in Deutschland. Nach der weiterführenden Schule, der école sécondaire können die Schüler diese weitgehend spezialisierte und staatliche Bildungseinrichtung besuchen. Erst durch einen erfolgreichen Abschluss des Cégep kann an einer Universität studiert werden.

**„accommodement raisonnable“ kann übersetzt werden als „vernünftige Vereinbarung“

***Die RAMQ (Régie de l’assurance-maladie du Québec) ist die Québer Krankenversicherungsbehörde

****YMCA steht für Young Man’s Christian Association. Der Verein hat weltweit christliche Hotels, auch in Montréal

*****Lange wurde Französisch in Québec mit der katholischen Religion verbunden. Nach der Einwanderung jüdischer Nordarfikaner auch nach Québec, der steigenden Immigration von Muslimen und der Verbreitung des Protestantismus definiert Französisch heute nicht mehr eine Religionszugehörigkeit. Französisch ist der wichtigste Teil der nationalen Identität Québecs, Immigranten jedweder Religionsangehörigkeit teilen dieses Identitätsgefühl mit den Québecern.

 

Clara Billen, 22/03/2010








resultats entre 1 et 1 de 1
 

Marilou /// Montag, 22-03-10 18:17

Erratum: Vous vous êtes trompé de photo du Métro (Bahn), ce n'est pas celui de Montréal. Merci beaucoup,

 
 

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