Zwei runde weiße Figuren, die das werbungsgeschulte Auge sofort als Michelin-Männchen identifiziert, sitzen im Auto und der eine dreht das Blaupunkt-Radio leiser. Sein Kollege steigt aus, die Häuser bestehen aus riesigen Schriftzügen von Marken, er betritt das KFC-Schnellrestaurant. In diesem Moment erblickt der Michelin-Polizist Ronald McDonald, einen Clown und gesuchten Verbrecher und sie nehmen die Verfolgung auf. So beginnt die Handlung im Animationsfilm „Logorama“, der dieses Jahr mit einem Oscar für den besten animierten Kurzfilm ausgezeichnet wurde.
Mit einem Oscar im Gepäck schnellen die Zuschauerzahlen normalerweise in die Höhe. Logorama wird dies jedoch nicht verbuchen können, denn vor der Oscarverleihung gab es praktisch keine mediale Präsenz, was sich nach dem Erhalt der Trophäe änderte. Hochgelobt und anerkannt wurden die Macher François Alaux, Hervé de Crécy und Ludovic Houplain für ihr Werk an dem sie vier Jahre gearbeitet hatten, doch kurze Zeit danach verschwand der Film von der Bildschirmoberfläche. Plattformen, auf denen der Film zu sehen war, löschten ihn wieder und damit das Voraugenführen von circa 2000 Firmenlogos, die in den USA, aber auch in Europa zum Alltag gehören. Jetzt ist es schwer, ihn in voller Länge zu finden, was zeigt, welche Macht die Unternehmen haben, deren Corporate Designs im Film vorkommen und ihr Logo vielleicht nicht in der gewünschten Rolle sahen. Ob die Plattformen und Seiten den Kurzfilm von selbst löschten oder von Konzernen dazu angehalten wurden bleibt ungewiss. Gleichzeitig zeigt ‚Logorama‘, wie jede Domäne unseres Lebens von namhaften Produkten durchzogen ist und wie wir ganz selbstverständlich diese erkennen. So fest sind die Werbefiguren und Produkte in unserem Gehirn mit der dahinterstehenden Firma verankert. Es ist verständlich, dass Leica sein Logo nicht an der Linse vom Gewehr eines Scharfschützen, der Ronald McDonald töten soll sehen will, sondern vielleicht eher an einem Mikroskop oder einer modischen Digitalkamera.
Süßes Gummi - frecher Haribojunge
Die Absicht der Filmemacher bestand gar nicht darin, bestimmte Marken in einem gewissen Licht darzustellen, sondern die Handlung stand im Vordergrund und die Rollen an sich. Die Produzenten hielten es außerdem für gut, einen deutschen und einen französischen „Darsteller“ zu haben, wenn man den Film in Frankreich und in Deutschland zeigen wolle: Die Michelin-Polizisten repräsentieren Frankreich, der kleine Haribojunge Deutschland. Es sollte unterhaltsam und für jeden sein und kein künstlerisches Werk für eine kleine Gruppe von Leuten, was ihnen durch die Kameraführung wie in einem Hollywood Blockbuster gelungen ist. Trotzdem wird der Kurzfilm nur auf Kunst-und Filmfestivals gezeigt, dem großen Publikum bleibt er unbekannt, obwohl die Marken eigentlich nicht im Hauptfokus stehen sollen, gaben H5, wie sie sich als Gruppe nennen, in einem Interview bekannt. Interessant dabei ist, dass die Handlung sehr flach und klassisch für einen Actionfilm ist, man kommt nicht umhin besonders auf die grellen Farben und Schriftzüge zu achten. Dass Ronald McDonald der Bösewicht ist, dem auf seiner Flucht ein Weight Watchers-LKW in die Quere kommt, habe nichts mit den Unternehmen dahinter zu tun, sondern damit, dass Clowns in Filmen oft böse sind, sagen sie. „Er ist eine Momentaufnahme der Gesellschaft mit den Codes der aktuellen Gesellschaft.“ Dabei legen sie Wert darauf, dass sie keinen kritischen Propagandafilm machen wollten. „Jeder wird den Film mit anderen Augen sehen“, womit sie sicher Recht haben.
Marion Bergermann
16/03/2010
Nähere Informationen zu den Oscars und der deutschen Präsenz dort auf französisch: