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Pont-Saint-Esprit. Hier warfen sich die Erkrankten in die Rhône, um vor eingebildeten Bestien zu fliehen

Interview mit Alain Girard, Historiker und Museumshüter von Pont-Saint-Esprit.

Im Jahr 1951 wurde das südfranzösische Dorf Pont-Saint-Esprit vom Massenwahnsinn ergriffen: 300 Einwohner litten an unerklärlichen Symptomen, die oft von Halluzinationen begleitet wurden. Fünf Dorfbewohner starben an den Folgen der mysteriösen Krankheit. Die wahrscheinlichste Erklärung von damals: die Bewohner hatten Brot gegessen, das von Mutterkorn befallen war - einem halluzinogenen Pilz, auf dessen molekularer Grundlage LSD synthetisiert wird. Nun tat der amerikanische Journalist H.P Albarelli kürzlich eine neue These kund: die C.I.A. soll im Rahmen einer geheimen Mission LSD an den Einwohnern von Pont-Saint-Esprit getestet haben. Alain Girard ist Museumshüter des „Musée d'Art sacré du Gard“ in Pont-Saint-Esprit und Spezialist für die Geschichte des Dorfes. Er sprach mit der Gazette über die Ereignisse von damals und über die neue Verschwörungstheorie.

 




Alain Girard

La Gazette de Berlin: Könnten Sie beschreiben, was sich Mitte August des Jahres 1951 in Pont-Saint-Esprit ereignet hat?

 

Alain Girard: Alles fing am 17. August an. Die Wartezimmer der drei Ärzte des Dorfes sind hoffnungslos überfüllt mit Patienten, die alle an den selben Symptomen leiden: Erbrechen, Schwindel, Schüttelfrost, Angstzustände. Es stellt sich heraus, das alle ihr Brot beim selben Bäcker gekauft haben. Am Montag dem 20. August wird bekannt, das einer der Erkrankten verstorben ist. Im Dorf macht Angst sich breit und viele Betroffene sind sehr erregt: manche wollen sich aus dem Fenster werfen oder in den lokalen Fluß Rhône springen, um vor wilden Bestien, Flammen oder satanischer Folter zu fliehen; ein Kind versucht, seine Mutter zu erwürgen... Sogar die Tiere werden nicht verschont: eine Katze und einige Enten sterben, nachdem sie eine Suppe zu sich genommen haben, die aus dem Brot gemacht war, das am 16. August erworben wurde. Als die Untersuchungen beginnen, sind im Dorf die wildesten Gerüchte im Umlauf: ein Verrückter hat das Wasser vergiftet, man hat den Leuten Haschisch verabreicht, das ist ein Racheakt der Kollaborateure oder eine Episode des kalten Krieges… . In der Nacht zum 24.08. verschlimmert sich die Krankheit. Die Betroffenen haben Halluzinationen und drehen durch. Man muss sie daran hindern, sich etwas anzutun. Die lokalen psychiatrischen Anstalten müssen zurate gezogen werden. Für den Doktor Gabbaï ist es eine wirklich schreckliche Nacht. Dann wird bekannt, dass noch zwei Bewohner verstorben sind. Die Angstzustände erreichen ihren Höhepunkt aber erst am 29.08., als ein Bauer in der Blüte seiner Jahre verstirbt. Die Bevölkerung ist gespalten, was die Ursache der Krankheit angeht. Medizinische Analysen bestätigen eine Vergiftung mit dem Mutterkornpilz. Eine Untersuchung zeigt, dass das Mehl aus einer Mühle im Departement Vienne stammt. Die Gerüchte um einen kriminellen Akt versiegen und in Pont-Saint-Esprit kehrt wieder Ruhe ein. Der Müller wird festgenommen, erneute Analysen jedoch widerlegen die ersten Ergebnisse. Die Gerüchteküche fängt wieder an zu brodeln und beruhigt sich bis heute nicht mehr. Um den 3. September herum bietet der Zustand der Erkrankten keinen Anlass mehr zur Sorge. Im Anschluss wird ein Verfahren eröffnet.

 

La Gazette de Berlin: Es gab offensichtlich viele verschiedene Erklärungen für den Massenwahnsinn in ihrem Dorf. Welche davon scheint Ihnen am wahrscheinlichsten?

 

Alain Girard: Im Jahr 2008 brachte der Historiker Steven L. Kaplan ein fundamentales Buch über diesen Fall heraus. Es ist das Standardwerk, wirklich unumgänglich. Er analysiert rigoros alle da gewesenen Erklärungen und widerlegt sie. Er zeichnet neue Erklärungsansätze auf, liefert jedoch keine hundertprozentig sichere Ursache für die Vergiftungen, da keine Beweismittel vorliegen, die der modernen Wissenschaft ermöglichen würden, neue Erkenntnisse in diesem Fall zu erlangen.




Statue in Pont-Saint-Esprit. Die Geister der Vergangenheit lassen sich nur schwer aus dem Ort vertreiben.

La Gazette de Berlin: Gibt es denn einen offiziellen Standpunkt über die Ursachen der Krankheit?



Alain Girard: Die am häufigsten genannte Version war die Krankheit Ergotismus (im Mittelalter auch als das „heilige Feuer“ bekannt), da die Vergiftung bei den Erkrankten vor dem Eintreten des Todes Wundbrand an den Extremitäten verursachte. Das parallele Auftreten von Wundbrand und Zwangsstörung erinnert an alte Beschreibungen des „heiligen Feuers“, oder des „Antoniusfeuers“, wie es auch genannt wurde...

 

La Gazette de Berlin: Sie haben kürzlich von der Theorie des amerikanischen Journalisten H.P. Albarelli erfahren. Dieser glaubt, dass die Ereignisse in Pont-Saint-Esprit auf geheime Experimente der C.I.A. mit LSD zurückzuführen. Was denken Sie darüber?

 

Alain Girard: Steven Kaplan führte akribische Recherchen vor Ort und im Archiv durch. Er hatte Zugang zu bisher unveröffentlichten Dokumenten. Eine Aktion von ausländischer Seite schließt er jedoch aus. Die Theorie einer C.I.A.-Mission ist zu bezweifeln (wie bereits 1951 die Theorie eines Angriffs von Seiten des kommunistischen Russlands), denn vor den Ereignissen in Pont-Saint-Esprit hat es im 10-Kilometer entfernten Dorf Bagnols-sur-Cèze bereits eine ähnliche Vergiftungswelle gegeben, die jedoch minder schwere Folgen nach sich gezogen hatte. Das Brot wurde dort aus dem selben Mehl aus der Mühle im Departement Vienne hergestellt wie in Pont-Saint-Esprit.

 

La Gazette de Berlin: Seit einigen Tagen macht Pont-Saint-Esprit wieder Schlagzeilen in den französischen und internationalen Medien. Wie reagieren die Einwohner von Pont-Saint-Esprit auf diesen Medienrummel? Wie wurde die Theorie von H.P. Albarelli aufgenommen?

 

Alain Girard: Das Städtchen wird mit neuen Dämonen konfrontiert: um das Defizit zu beheben, das aus der schlechten Verwaltung öffentlicher Gelder entstand, wurden die Steuern übermäßig erhöht. Diese katastrophale Situation der öffentlichen Finanzen beschäftigt die Einwohner von Pont-Saint-Esprit sehr. Als hingegen der öffentlich-rechtliche französische Fernsehsender France 3 im Februar diesen Jahres einen Spielfilm ausstrahlte, in dem es um die Ereignisse 1951 ging, hat die lokale Presse dies überhaupt nicht erwähnt. Der Spielfilm war den Einwohnern eher gleichgültig, und, so glaube ich, hat sie auch etwas enttäuscht. Doch die Buchveröffentlichung von Steven Kaplan hat die Stadt berührt. Der amerikanische Historiker hat am 12 Juni 2008 vor Ort sein Buch vorgestellt und signiert. Der Festsaal war überfüllt und die Veranstaltung hat fast vier Stunden gedauert. Zum ersten Mal hat Pont-Saint-Esprit sich seiner Vergangenheit gestellt und war bereit, über diesen Schmerz zu sprechen, der das kollektive Gedächtnis seit über 50 Jahren quält. Die Stadt hat eine kollektive Trauerarbeit begonnen, ohne Hemmungen und jeder auf seine Weise. Das „verfluchte Brot“ gehört von nun an nicht mehr nur zur Vergangenheit der Stadt, sondern auch zu ihrer Geschichte. Angesichts der Arbeit des Historikers interessiert der Sensationswahn die Einwohner nicht wirklich. Sie haben es satt, dass diese Geschichte ein schlechtes Licht auf einen schönen Ort wirft.

 

Alexandra Friedmann

15/03/2010


Lesen Sie auch:

 

 

Den Hauptartikel zu diesem Thema „Das Brot der Wahnsinnigen“:

http://lagazettedeberlin.de/6012.html

 

 

Das Interview mit Alain Girard auf Französisch:

http://lagazettedeberlin.de/index.php?id=6020

 

Die Geschichte von LSD: Der Trip des Jahrtausends

http://lagazettedeberlin.de/index.php?id=6026








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