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 Credits: Wilber El Salvador
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Mittelalterlicher Wahnsinn oder biologische Waffe? In den französischen Medien macht das Mysterium um den Massenwahnsinn im Provinzdorf Pont-Saint-Esprit wieder Schlagzeilen, nachdem ein amerikanischer Journalist eine neue Fährte offen legte.
Vor fast 60 Jahren ereignete sich in einem kleinen, südfranzösischen Dorf in der Nähe von Avignon ein äußerst skurriler Vorfall mit tragischen Folgen. Aus heiterem Himmel wurden etwa 300 Dorfeinwohner vom Wahnsinn ergriffen, mindestens fünf von Ihnen starben unter anderem an den Folgen von Halluzinationen und Paranoia. Lange Zeit wurde hallozinogener Schimmel für die Katastrophe verantwortlich gemacht, der das im Dorf verkaufte Brot befallen haben soll. Doch eine neue Theorie des amerikanischen Journalisten H.P. Albarelli lässt vermuten, das es sich um einen Top-Secret-Experiment der C.I.A. handelte, bei dem die Droge LSD getestet wurde. Nun soll angeblich amerikanischen Quellen zufolge die französische Regierung beim amerikanischen Außenministerium eine Untersuchung gefordert haben.


„Das ist nicht Shakespeare, noch Edgar Poe. Das ist leider die traurige Wahrheit Wirklichkeit in Pont-Saint-Esprit und seiner Umgebung, wo sich furchtbare Szenen voller Halluzinantionen abspielen. Szenen wie aus dem tiefen Mittelalter, voller Horror, Pathos und schrecklichen Schattengestalten“. So beschrieb eine französische Zeitung damals die bizarren Geschehnisse im französischen Dorf Pont-Saint-Esprit. Es ist das Jahr 1951, das sechste nach Beginn des kalten Krieges. In dieser 4500-Seelen-Gemeinde in der Nähe von Avignon bricht ohne jegliche Vorwarnung der Massenwahnsinn aus. Wie die amerikanische Zeitschrift Time Magazine später berichtete, seien Betroffene ins Delirium gefallen: „Patienten warfen sich auf dem Bett hin und her, sie schrien entsetzt, aus ihrem Körper sprießten rote Blumen, ihre Köpfe hätten sich in geschmolzenes Blei verwandelt. Aus dem Krankenhaus von Pont-Saint-Esprit wurden vier Selbstmordversuche gemeldet.“ Mindestens fünf Dorfeinwohner kommen bei dem Vorfall ums Leben, davon mehrere durch Selbstmord.

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 Am Antoniusfeuer Erkrankte pilgerten zum Isenheimer Altar, in der Hoffnung, der heilige Antonius könne eine Wunderheilung vollbringen
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Wissenschaftler, die sich des Falls annahmen, wurden sich über die Ursache des Vorfalls nicht einig. Als Auslöser wurden unter anderem ein mit chemischen Mitteln gebleichtes Brot, eine Vergiftung über das Grundwasser, eine Quecksilbervergiftung oder Haschisch vermutet. Am wahrscheinlichsten schien jedoch eine Mutterkorn-Vergiftung, die auf das Essen von verschimmeltem Brot zurückzuführen wäre. Beim letzteren handelt es sich um nichts anderes als um den Wirkstoff der halluzinogenen Droge LSD, der in der Natur als Mutterkornalkaloid vorkommt. Das durch eine Mutterkornvergiftung entstehende Krankheitsbild ist bereits aus dem Mittelalter bekannt. Es handelt sich um Ergotismus (heiliges Feuer), auch Antoniusfeuer genannt. Jedoch galt dieser Krankheitserreger seit dem 17. Jahrhundert als ausgelöscht. Parallelen konnten vor allem gezogen werden, da die Vergiftung auch bei den Verstorbenen in Pont-Saint-Esprit vor Eintritt des Todes Wundbrand an den Gliedern verursacht hatte. Doch auch diese Erklärung konnte nie mit voller Sicherheit bestätigt werden, da keine Probe des Brotes mehr für einen moderne chemische Analyse vorlag.

Eine neue Spur
Die Ereignisse in Pont-Saint-Esprit gelten seitdem als unaufgeklärt. Nun erschien in den Vereinigten Staaten ein Buch des Investigationsjournalisten H.P. Albarelli mit dem Titel „ A Terrible Mistake: The Murder of Frank Olson and the CIA’s Secret Cold War Experiments zu (zu Deutsch in etwa: Ein schrecklicher Fehler: Der Mord an Frank Olson und die geheimen Experimente der CIA im Kalten Krieg). Abarelli erforschte zehn Jahre lang die Hintergründe verschiedener Fälle im Zusammenhang mit LSD, so auch den „kollektiven Wahnsinn“ in Pont-Saint-Esprit. Zahlreiche Interviews mit ehemaligen C.I.A.-Agenten ließen ihn zu dem Schluss kommen, dass es sich bei dem Vorfall nicht um eine zufällige Vergiftung, sondern um ein Top-Secret-Experiment im Rahmen des CIA-Forschungsprogramms MKULTRA handelte. LSD sollte als biologische Waffe in Hinblick auf einen möglichen Krieg gegen den kommunistischen Block getestet werden.
Falls diese Theorie der Wahrheit entsprechen sollte, würde dies einen Verstoß der USA gegen das Völkerrecht und sämtliche internationalen Verträge bedeuten. Einer amerikanischen Quelle zufolge soll der französische Auslandsnachrichtendienstes DGSE (Direction Générale de la Sécurité Extérieure) dem Bureau of Intelligence and Research des US-Außenministeriums eine vertrauliche Anfrage zur Überprüfung dieser Theorie gesandt haben. Dies ist jedoch zum gegebenen Zeitpunkt noch nicht offiziell bestätigt worden. Sollte Albarellis These sich bewahrheiten, könnte dies Spannungen der amerikanisch-französischen Beziehungen zur Folge haben.

Verschwörungstheorie oder verrückte Wirklichkeit?
Unerklärliche Geschehnisse, geheime Experimente, vertuschte Fakten. Keine Frage: H.P Albarelli Thesen hören sich an wie eine klassische Verschwörungstheorie. Wie viel wirklich an der Geschichte dran ist, ist schwer zu sagen. H.P. Albarelli erforschte, wie der Buchtitel schon sagt, vor allem den Fall des Wissenschaftlers Frank Olson, der zu eben dieser Zeit für die US-Army arbeitete. Olson sei an der Entwicklung biologischer Waffen im Rahmen des MKULTRA-Programms beteiligt gewesen. Im Jahre 1951 soll sich Olson gemeinsam mit anderen C.I.A.-Agenten in das kleine französische Dorf Pont-Saint-Esprit begeben haben, um dort Experimente mit LSD durchzuführen. In den Archiven von Pont-Saint-Esprit jedoch gibt es keinerlei Anhaltspunkte für die Präsenz von Frank Olson im Dorf oder in der Umgebung. Doch wenige Jahre nach den Geschehnissen in Pont-Saint-Esprit findet Olson ein trauriges Ende. Im Jahre 1953 stirbt der Wissenschaftler, nachdem er aus seinem Hotelfenster zehn Stockwerke in die Tiefe fällt. Der Fall wird als Unfall oder Selbstmord eingestuft. 1975 erscheint jedoch in der renommierten amerikanischen Zeitung „The Washington Post“ ein Artikel, der eine neue Version der Ereignisse um Olson liefert. Einem Bericht der Rockefeller Comission zufolge habe ein Mitarbeiter der US. Army sich aus dem zehnten Stockwerk seines Hotels geworfen, nachdem ihm von der C.I.A. im Rahmen eines Experiments ohne sein Wissen LSD verabreicht worden war. Es handelt sich um Frank Olson, dessen Familie daraufhin 750.000 Dollar Schadensersatz von der amerikanischen Regierung erhält. Die Familie des Wissenschaftlers schließt einen Mord jedoch weiterhin nicht aus. 1995 lässt einer von Olsons Söhnen den Leichnam seines Vaters exhumieren und eine neue Autopsie durchführen. Diese kann zwar einen Selbstmord nicht mit Sicherheit widerlegen, schließt aber Totschlag als Todesursache auch nicht aus. Albarelli vermutet in seinem Buch, Olson sei vom amerikanischen Geheimdienst ermordet worden, weil man fürchtete, der Wissenschaftler könnte etwas über die geheimen Versuche in Pont-Saint-Esprit oder andere vertrauliche Informationen bezüglich Tests mit LSD preisgeben.
Auch der amerikanische Historiker Steven Kaplan hat sich mit dem Fall von Pont-Saint-Esprit beschäftigt und seine Erkenntnisse in dem Buch „Le pain maudit“ (zu Deutsch: „Das verfluchte Brot“) veröffentlicht. Kaplan schließt eine Mutterkorn-Vergiftung nicht aus, weist jedoch darauf hin, dass der Fall weiterhin als unaufgeklärt gilt, da keine Beweise vorliegen. Dennoch schließt er auf ein Versagen des Staates bezüglich der Verwaltung des Versorgungssystems. Auch äußert er die Vermutung, dass versucht wurde, den Fall so gut wie möglich zu vertuschen.
In Pont-Saint-Esprit hingegen wird der erneute Medienrummel mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Im Rathaus des Dorfes kann niemand Auskunft über die Ereignisse von vor 60 Jahren erteilen. Der Museumshüter des Dorfes Alain Girard betrachtet Albarellis Buch mit kritischen Augen. Er zweifelt an der Theorie eines geheimen C.I.A.-Versuchs. „Vor den Ereignissen in Pont-Saint-Esprit hat es in einem Nachbardorf bereits eine ähnliche Vergiftung gegeben, jedoch mit minder schweren Folgen. Dieses Dorf wurde vom selben Müller mit Mehl versorgt wie Pont-Saint-Esprit“ erklärte er der Gazette.
Trotz Albarellis Nachforschungen kann bis heute nicht hundertprozentig nachgewiesen werden, was vor fast 60 Jahren in dem Dorf geschehen ist. Vielleicht bietet Albarelli ja wirklich eine Spur für die Lösung dieses Falls, doch zur Zeit ist es nun mal nur eine Spur, nicht jedoch die lang ersehnte Aufklärung.
Alexandra Friedmann
12/03/2010
H.P. Albarelli, „A Terrible Mistake: The Murder of Frank Olson and the CIA's Secret Cold War Experiments“, Trine Day, 2009, 912 Seiten
Steven L. Kaplan, „Le pain maudit“, Fayard 2008, 1129 Seiten
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Lesen Sie auch:
Das Interview mit Alain Girard, dem Historiker von Pont-Saint-Esprit (Französisch):
http://lagazettedeberlin.de/index.php?id=6020
Das Interview mit Alain Girard, dem Historiker von Pont-Saint-Esprit (Deutsch):
http://lagazettedeberlin.de/index.php?id=6019
Die Geschichte von LSD: Der Trip des Jahrtausends
http://lagazettedeberlin.de/index.php?id=6026