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In diesem Jahr feiert der französisch-polnische Komponist F.Chopin, seinen 200. Geburtstag. Im Rahmen des diesjährigen „Francophonic Festival“, findet am 29. März in der polnischen Hauptstadt ein Konzert mit dem Titel „Chopin inspire Gainsbourg“, in Kooperation mit der warschauer Oper, im Theater Wielki, statt.  Dabei sein wird auch Gainsbourgs langjährige Lebensgefährtin Jane Berkin.


Chopin inspiriert Gainsbourg

Erst kürzlich erschien in Frankreich die Verfilmung der Biographie des legendären französischen Chansonniers Serge Gainsbourg unter dem Titel "Vie héroique". Der Filmschauspieler, Komponist und Schriftsteller zählt zu den einflussreichsten Songwritern des 20 Jahrhunderts. Im Laufe seines Lebens wandelte er sich vom Symbol des französischen Schicks, über einen Dandy des Rock 'n' Rolls, hinzu seinem Alterego „Gainsbarre“, einem rund um die Uhr berauschten „Rastaquero. Unvergessen bleiben seine Skandalauftritte: Mal verbrennt er einen 500 Franc Schein, um die Auswirkungen seiner immensen Steuerausgaben sinngemäß darzustellen, mal begrüßt er Whitney Husten mit den Worten „I wanna fuck you“. Er pendelte Zeit seines Lebens zwischen Genie und Wahnsinn hin und her.


Gainsbourg erlernte sehr früh das Klavierspielen. Sein Vater spielte in Nachtklubs Piano, führte ihn an die klassische Musik heran und brachte ihm  Bach, Stravinsky und Chopin bei. Um zu dem zu werden, was er heute für viele Franzosen darstellt, hat er sich immer wieder von Werken einiger dieser  Großmeister der Musik inspirieren lassen. Er interpretierte Kompositionen von Beethoven, Prokofiev und  Frédéric Chopin auf seine unverwechselbare Art und Weise neu. Viele waren damals der Ansicht Gainsbourg wüsste nicht warum Chopin schlichtweg Chopin sei und hielten es für anmaßend diesen zu adaptieren. Doch Gainsbourg störte das wenig. Er stellte den weltbekannten Pianisten, der seinen Körper in Paris begraben, sein Herz aber nach Warschau bringen ließ auf ein Podest und würdigte seine Werke in dem er sie wieder verwendete.  




Gainsbourg und Berkin

"Jane B.", der Titel eines Chansons, das im Rahmen des 1969, zusammen mit Jane Berkin produzierten Albums „Jane & Serge“, veröffentlicht wurde, basiert auf der „Prélude n°4 en mi mineur“ von Chopin, die dieser zwischen 1835 und 1839  komponierte.  Die harmonische, sanfte, aber expressive Stimmung, die durch die Melodie in diesem Werk transportiert wird, untermalt die drei Strophen provokativen Textes, der ähnlich dem Steckbrief einer vermissten Person konstruiert ist.  Sie imaginiert dem Zuhörer das Bild einer urbanen Landschaft an einem regnerischen Vormittag. Die Atmosphäre ist beruhigend und beunruhigend zugleich, melancholisch aber rational. Der Zuhörer erfährt vom Verschwinden Jane B's., einer wunderschönen 20 Jahre jungen Britin mit intensiven blauen Augen und braunem Haar. Er nimmt dies zur Kenntnis, empfindet aber weder Trauer noch Mitleid, sondern Gleichgültigkeit und möglicherweise eine aparte Neugier. Und wenn in der letzten Strophe dann beschrieben wird wie sie  erstochen am Straßenrand liegt, dann führt das vielleicht im aller ersten Moment zu unerwartetem Entsetzen, bald aber zu perfider Resignation. Der Zuhörer fühlt sich als passiver Beobachter einer unrealistisch realistischen Szenerie, die sich ihm durch die Musik offenbart.



Gainsbourgs Texte sind weder lebensbejahend noch romantisch verklärt. Sie verbreiten eine fatalistische Weltansicht und huldigen dem Nihilismus, indem sie jedweden Sinn negieren. Und doch rebelliert er und stellt die Absurdität des Lebens dar. Er provoziert die traditionelleren Chopin-Fetischisten, die seine altehrwürdige „Prélude“ nicht als Kulisse einer Sex-Love-and-Rock'n'Roll-Philosophie sehen wollten. Doch wenn man von den oft haltlosen Gründen dagegen einmal absieht, dann tut man das zu Gunsten eines Werkes, dass damals poetisch wie musikalisch  den Puls der Zeit traf. 


Chopins Erben in den Banlieus

Im Schatten der Kultkompositionen Gainsbourgs und abseits der noblen Theater und Bühnen werden die fast 150 Jahre alten Werke Chopins immer öfter zum musikalischen Ausdrucksmittel einer neuen und ganz anderen Generation von Poeten. Auch die umstrittene und für ihre gesellschaftskritischen Texte an den moralischen Pranger gestellte, französische  zweimann Hip-Hop Band „Suprême NTM“ aus dem Banlieu  Seine-Saint-Denis hatte die Melodien der „Prélude n°4“  für sich entdeckt  und im Song „That's my people“ weiterverarbeitet. Die Band ist 1990 durch Joey Starr und Kool Sheen gegründet worden und gehört zu den Vorreitern des französischen Raps. „NTM“ ist ohne Zweifel provokativ. Der Name steht für „Nique ta mère“, vergleichbar mit der deutschen Sympathiebekundung  „Fick deine Mutter“. Im Laufe der Jahre legten sie sich auf Grund ihrer subversiven, die Ordnungsmacht anklagenden Texte, immer wieder mit der Regierung und der Öffentlichkeit an.   




Suprême NTM 2009

Ein Großteil der französischen Gesellschaft hat „Suprême NTM“ ebenso wie Gainsbourg, als Chopins unwürdig degradiert . Sicher ist  auch, dass viele die das tun Rap womöglich nicht als moderne subversive Kunstform anerkennen und eher als „Dreck von den Straßen“ bezeichnen würden. Und gerade hier liegt das Problem. Das Problem sind die unterschiedlichen Auffassungen von Kunst. Wenn eine umstrittene, avantgardistische Band aus aus dem Banlieu in ihren Texten die französische Gesellschaft dazu auffordert nicht länger die Augen vor der Misere der Jugend zu verschließen und die Regierung der Unmündigkeit und Gleichgültigkeit anklagt, während im Background klassische Melodien ineinander fließen, dann ist das provokativ und ausdrucksstark.  Wenn solche Bands als Sprachrohr einer ganzen Generation dienen, dann ließe sich die Frage formulieren, wo die Unterschiede zu der Funktion eines Gainsbourg und seiner Resonanz in der Bevölkerung liegen. Er, der in Frankreich heute Heldenstatus genießt, inspirierte eine junge Generation und provozierte in der selben Bewegung eine alte.


Interessanterweise werden klassische Werkvorlagen gerade auf Grund von populärer Musik, von Jugendlichen erkannt. Diese Art von Musik fungiert als Medium alter Kompositionen,  die in eine zeitgemäßere Form gebracht werden. Wenn es Chopin gelingt noch über 150 Jahre nach seinem Tod, sowohl in Pariser Villenvierteln, als auch in den engen zwei Zimmerwohnungen der Vorstädte gehört zu werden, spricht das sowohl für seine Musik, als auch für die modernen Interpreten der selbigen. Ob es in 20 Jahren also eine Kinoproduktion mit dem Titel „La vie heroique de „Suprême NTM“ geben wird ist ungewiss. Bewundernswert ist aber, dass Frederic Chopins Erbe ebenso Bohèmiens wie Banlieusards antreten.


Mohamed Lamrabet

10.03.2010



Kontaktinformationen für  das „Francophonic Festival“

 

 

Come4Event Paris : Nicolas Jeanneté

 

nicolas.jeannete@come4event.com

 

Instituts français/Bureau export de la Musique Française : Stéphane Wlodarczyk:

 

stephane.wlodarczyk@ifv.pl








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