

Nach dem Einsturz einer Moschee in Meknes stellt sich in der marokkanischen Bevölkerung die Frage nach den Prioritäten des jungen Königs, Mohammed VI. Der Monarch, der 1999, nach dem Tod seines Vaters den Thron übernahm, reformiert und modernisiert Marokko, dass nicht mehr nur geographisch das „westlichste“ Land des Maghreb sein könnte.

 |  |

|
 Karte von Nord Afrika(l.), Bab-Berdieyinne-Moschee Meknès
|
Am 19. Februar stürzte in Meknès, der Hauptstadt der Region Meknès-Tafilalet im nördlichen Marokko, das 400 Jahre alte Minarett der im 18. Jahrhundert gebauten, und von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärten Bab-Berdieyinne-Moschee in sich zusammen. Dabei kamen 41 Menschen ums Leben, 86 wurden verletzt. Nach Aussage des marokkanischen Innenministeriums befanden sich 300 Gläubige beim traditionellen Freitagsgebet, als das Unglück geschah. Die Bergungsarbeiten erwiesen sich derweil als äußerst schwierig. Die Moschee stand in der sehr verwinkelten Altstadt von Meknes, sodass Bergungsfahrzeuge nur schwer die Unglücksstelle erreichten. Die Gassen sind so eng, dass man die Mauern riechen kann. Die Menschen halfen zum Teil mit bloßen Händen suchen.
Nach Angaben des staatlichen Fernsehsenders Al-Oula waren tagelange Regenfälle die mögliche Ursache des Einsturzes. Zeugen berichten jedoch, dass die örtlichen Behörden schon des öfteren auf Risse in den Mauern hingewiesen wurden, aber nicht reagiert hätten. Ein Vertreter des nationalen Wetterdienstes bestritt ebenfalls, dass die Witterungsbedingungen Grund für den Einsturz gewesen seien. „Diese waren nicht besonders schlecht“.
Indes sind viele der Anwohner der Ansicht, dass das Unglück vermeidbar gewesen wäre, wenn man nur früh genug auf die Hinweise reagiert hätte. Der marokkanische König, Mohammed VI, oder auch M6, wie er liebevoll von seinen Untertanen genannt wird, reagierte äußerst schnell und versicherte den Wiederaufbau des Minaretts in seiner ursprünglichen Form. Warum aber erst 41 fromme Muslime ums Leben kommen mussten bis dass, der „Amir Al-Mu'minin“ (Fürst der Gläubigen) wie er sich auf Grund seiner mutmaßlich direkten Abstammung vom Propheten Mohammed auch gerne nennen lässt, Untersuchungen historischer Gebäude landesweit verspricht, ist eine andere Frage.

 |  |

|
 Lalla Salma und Mohammed VI
|
Der junge Monarch – Eine neue Ära
M6, was wohl jeder Deutsche mit dem BMW-Modell und jeder Franzose mit dem gleichnamigen Fernsehsender für Jugendliche assoziiert, ist kein gewöhnlicher Monarch. Nicht verglichen mit seinem Vater Hassan II, der mit eiserner Faust das westlichste Land des Maghreb fast 40 Jahre regierte. Dieser ließ das Land kulturell und wirtschaftlich verhungern. Nach Angaben von, unter anderem, Gilles Perrault, einem der bekanntesten französischen Journalisten der 1990 ein Buch mit dem Titel „Unser Freund der König von Marokko“ veröffentlichte, ließ Hassan II Oppositionelle verfolgen und foltern. Er wies zum Ende seiner Amtszeit, im Jahr 1999, eine verheerenden Bilanz in Bezug auf die Menschenrechte vor.
Sein Sohn, ein dynamischer und sportlicher Mann in den Vierzigern, der auch schon als junger Prinz in Jeans und Pariser Diskotheken auf sich aufmerksam machte, unternimmt dagegen den Spagat zwischen modernem Image und traditionellen Riten und Pflichten. Er ist der 18. Gebieter in der Alawitendynastie, die seit 350 Jahren das nordafrikanische Land regiert. Er fährt sonnenbebrillt in seinem Mercedes-Cabriolet durch Marokko und sorgt für aufsehenerregende Reformen, zuletzt zum Familienrecht. Dieses verbietet unter anderem die Verheiratung von Minderjährigen, erlaubt der Frau die Scheidung einzureichen und stärkt ihre Position im Sorge- und Erbrecht. Dabei geht M6 seinen Untertanen mit gutem Beispiel voran und lebt ihnen eine moderne Ehe vor. Im Zuge ihrer Heirat, wurde Lalla Salma, eine selbstbewusste Informatikerin, in den Stand einer Prinzessin erhoben, etwas bis dato Einmaliges. Die Mutter des aktuellen Königs wurde dagegen niemals in der Öffentlichkeit gesehen. Lalla Salma wurde im vergangenen Februar in Versailles mit einem Preis für ihr außerordentliches Engagement gegen den Krebs geehrt und selbst im weltweiten Personenverzeichnis Facebook steht sie ihrem Volk rund um die Uhr zur Verfügung. Sie repräsentiert eine emanzipierte, unabhängige, junge marokkanische Frau, fügt sich so perfekt in das Bild der modernen, weltoffene Monarchenfamilie ein, die einen Bruch mit den vergangenen, traditionellen Werten und Normen darstellt.

Weltoffen und aufgeschlossen
Hinzukommt, dass einerder seit elf Jahren engsten Berater des Königs für wirtschaftliche und außenpolitische Angelegenheiten ,André Azoulay, Jude ist. Diese Konstellation spiegelt die besondere Chemie wieder, die während der letzten Jahre entstanden ist. Heute leben fast eine Millionen Juden mit marokkanischen Wurzeln überall auf der Welt. Ein Bruchteil von ihnen in Marokko. „Stellen Sie sich das bitte vor: Der Fürst der Gläubigen, der direkte Nachkomme des Propheten Mohammed, wird verehrt in Hunderttausenden israelischen Wohnungen und Häusern“, schwärmt André Azoulay.
Im Gegensatz zu den 50er Jahren, als noch fast 220.000 Juden in Marokko lebten, sind es heute nur noch knapp 5000. Viele von ihnen sind im Laufe der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, auf Grund der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse nach Israel, Frankreich und in das frankophone Kanada ausgewandert. Im Vergleich zu vielen anderen arabischen Ländern ist diese Zahl jedoch enorm. In keinem anderen islamischen Land, gibt es eine so große jüdische Gemeinde. Sie Teil des marokkanischen Erbes und sehr mit ihren marokkanischen Wurzeln verbunden sind.

Die Fassade bröckelt
Und trotz all der Fortschritte regiert der siebt-reichste Monarch der Welt noch immer das ärmste Land Nordafrikas. Marokko ist ein Land der Gegensätze in dem man, nur einige Kilometer aus den Metropolen herausfahren muss um keine Wolkenkratzer, die für die Zukunftsvisionen des jungen Königs wie nichts anderes in den Himmel ragen mehr zu sehen, sondern Wellblech- oder Lehmhütten, die für Armut und Rückständigkeit stehen. Nach offiziellen Angaben leben 15 Prozent der Bevölkerung in Armut. Mehr als 43 Prozent der Bevölkerung können weder lesen noch schreiben. Und gerade die Arbeitslosigkeit, die auf zehn Prozent geschätzt wird, sorgt dafür, dass immer mehr junge Leute ihr Chancen im europäischen Ausland suchen, oder sich in die Arme einer „islamischeren“ Opposition flüchten, die ihnen eine Perspektive auf ein besseres Leben mit traditionellen und religiösen Werten verspricht.
Und gerade diese Gruppierungen werden wohl das Unglück von Meknès nutzen, um es als Argument gegen eine vermeintlich „islamfeindliche“ Regierung einzusetzen und so noch mehr Jugendliche in den Slums von Rabat und Casablanca zu rekrutieren. Eine gewisse Plausibilität kann man ihnen dabei nicht absprechen. Während der Fürst der Gläubigen, der seine Legitimation auch aus dem Anspruch ein religiöser Führer zu sein, schöpft, im letzten Jahr sein zehnjähriges Jubiläum landesweit mit viertägigen Jubelfeiern, Reiterspielen, Flugshows und Festen im Wert von fast 35 Millionen Euro feierte, verfallen indes öffentliche Gebäude und andere Infrastruktur.
Es stellt sich die Frage ob das moderne Image und die fortschrittliche Perspektive, die Mohammed VI seinem Volk bietet, nicht nur als Fassade für Europa und für sein eigenes Volk dient. Das Schicksal der Bab-Berdieyinne-Moschee könnte, ein Sinnbild für das Bröckeln von traditionellen und religiösen Werten, zu Gunsten eines Trugbildes von Freiheit, Gleichheit und Demokratie werden, dass nichts weiter als ein „Okzidentalismus“ am eigenen Lande ist.
Mohamed Lamrabet, 03.03.2010