

Nicht nur Bernhard-Henri Lévy findet Jean-Baptiste einsame Spitze, der Philosoph hat auch seinen eigenen Fanclub. Seine Mitglieder sind Philosophen, Schriftsteller, Journalisten und andere Denker, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, den « Botulismus » zu verbreiten, die wiedergefundenen Werke des Philosophen zu veröffentlichen und zu seinen Ehren Salons zu organisieren. Hervé Le Tellier gehört zu dieser kleinen Gruppe von Enthusiasten. Zum Anlass der neuesten Polemik rund um Botul und Bernhard-Henri Lévy plaudert der Schriftsteller aus dem Nähkästchen der „Freunde von Jean-Baptiste Botul“.

La Gazette de Berlin: Herr Le Tellier, Sie sind Mitglied der „Freunde von Jean-Baptiste Botul“. Könnten Sie uns zunächst von der Entstehung dieses Vereins erzählen? Was sind seine Ziele und Ambitionen?
Hervé Le Tellier: Der Verein der «Freunde von Jean-Baptiste Botul » (A2JB2) entstand 1996, zum Anlass des hundertsten Geburtstages von Jean-Baptiste Botul (der den wunderbaren Einfall hatte, an einem 15 August im Departement Aude geboren zu werden). Dies war während eines Urlaubs, den ich gemeinsam mit Frédéric Pagès und ein paar anderen Freunden in eben diesem Departement verbrachte. Botul war sogar von derartiger Eleganz, dass er genau einundfünfzig Jahre nach seiner Geburt in Aude verstarb, was uns ermöglicht hat, 1997 seinen fünfzigsten Todestag zu feiern (wieder während unseres Urlaubs). Botul war ein Philosoph der oralen Tradition und hat keine einzige Veröffentlichung hinterlassen. Unsere Aufgabe besteht darin, uns auf die Fährten seines stürmischen Lebens zu begeben, von dem vor 15 Jahren noch niemand etwas wusste, sein Werk zu definieren und sein Gedankengut zu erläutern, dass von vielen Plagiatoren, von Sartre bis Wittgenstein, geplündert wurde.
La Gazette de Berlin: Sie sind ein großer Bewunderer dieses Philosophen, der so lange in Vergessenheit geraten war. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie erfahren haben, dass Bernard-Henri Lévy den hervorragenden Reflex hatte, Jean-Baptiste Botul in seinem neuesten Buch „De la guerre en philosophie“ zu zitieren, um aufzuzeigen, das Kant ein „falscher Abstrakter“* war?
Hervé Le Tellier: Zunächst war ich sprachlos. Denn plötzlich erwachte Botul zu neuem Leben – er, den Wikipedia noch heute als ein Hirngespinst von Frédéric Pagès und der Freunde von Botul vorstellt. Manchmal geht die Essenz wohl doch der Existenz voraus. Mein zweiter Gedanke war, dass es in Lévys Verlagshaus Grasset keinen würdigen Lektor gibt, oder dass sich dort niemand traut, Bernard-Henri Lévy Korrektur zu lesen. Was BHLs Gedanken angeht, also dass Kant ein „falscher Abstrakter“ sei: dieser ist sicherlich interessant, bedarf aber einer besseren Untermauerung. Als Philosoph kann man sich aber nicht genug auf die Konferenzen von Jean-Baptiste Botul beziehen, die dieser im Jahre 1945 vor einem Publikum von Neo-Kantianern in Nueva Konigsberg in Paraguay abhielt. Auf diesen Konferenzen stellte er die Frage nach dem Fortbestand einer Kolonie, die sich streng nach der kantischen Lebensweise richtet (da Kant kein (oder fast kein) Sexualleben hatte).
La Gazette de Berlin: Kurz nach erscheinen seines Buches hat Bernard-Henri Lévy in seinem wöchentlichen Blogeintrag auf der Internetseite des Magazins Le Point das von ihm zitierte Werk Botuls « La vie sexuelle de Kant » hoch gelobt. « Ein Bravo dem Künstler! »**, das waren seine Worte. Wie haben die « Freunde von Botul » darauf reagiert?
Hervé Le Tellier: Wir waren sehr erfreut, denn Bernard-Henri Lévy spielte erst „Fair-play“. « Ein Genie! », rief er von allen Dächern, denn, und das ist wohlbekannt, ein Genie kann nur auf andere Genies hereinfallen. Doch leider wollte er auch glauben lassen, dass der „Streich“ ja eine Tradition der Ecole Normale Superieure sei (sicherlich um beiläufig daran zu erinnern, das er diese besucht hat). Dabei hat Botul überhaupt nichts mit einem „Normalianer-Streich“ zu tun... Doch mit der Zeit waren wir eher enttäuscht, denn BHL hat viel gelogen - was eines Philosophen keineswegs würdig ist, und erst recht nicht eines Philosophen, der sich explizit auf den Botulismus bezieht. Zunächst behauptete er, das sich schon vor ihm „alle“ getäuscht hätten, um seinen Fauxpas herunterzuspielen: in Wirklichkeit ist er der erste, der Botul zitiert, ohne sich vorher abzusichern, was beweist das er zitiert ohne zu lesen. Er hat auch gelogen als er behauptete, das Buch „La vie sexuelle d’Emmanuel Kant“ wäre erst 2004 erschienen, wobei die Erstausgabe auf 1999 zurückgeht (aber es ist ja etwas lächerlich, in ein Loch zu fallen, das vor über 10 Jahren gegraben wurde). Und schließlich, da er nun verzweifelt ist, gibt er zu verstehen, dass der « Verein der Freunde von Jean-Baptiste Botul » Profit aus seiner persönlichen Berühmtheit schlage, wo es doch glasklar ist, das er selbst, BHL, es ist, der einen Vorteil aus unserer Lieblingsphilosophie zieht. Niemals hat man so viel über eines seiner Bücher geredet.
La Gazette de Berlin: Welche Konsequenzen wird es für den Verein und für das Werk von Botul geben?
Hervé Le Tellier: Gar keine. Wir führen unsere Recherchearbeiten mit Inbrunst aber ohne übertriebene Hast weiter, Botul sagte: „Der Amboss ist für nichts eine Zukunft“***, dieses Motto fasst die Aufgaben der nächsten Jahre zusammen.

La Gazette de Berlin: Botul war vor allem ein Philosoph oraler Tradition, er hielt sich immer am Rande der Öffentlichkeit und der Medien. Sie kennen sein Leben und sein Werk auswendig. Was hätte er Ihrer Meinung nach von diesem ebenso überraschendem wie spätem Ruhm gehalten?
Hervé Le Tellier: Angesichts einer solchen kathodischen Bestrahlung wäre er sicher verlegen geworden. Er ist ein Philosoph aus prätelevisuellen Zeiten, das sollten wir nicht vergessen. Er, der zu sagen pflegte, dass « die Existenz der Essenz vorangeht, aber nur ein wenig », hätte festgestellt, dass die Referenz der Existenz zugute kommt, vor allem wenn diese Referenz von einem so mediatisierten Philosophen wie BHL kommt. Er hätte daraus ohne Frage „Umstands-Botuleme“ (Kernsprüche von J-B B., attestiert vom Verein) geschlossen.
La Gazette de Berlin: Da Botul von Heute auf Morgen zum aktuellen Thema geworden ist, wurde der Februar-Salon der « Freunde von Botul » Bernard-Henri Lévy gewidmet. Dieser wurde von Herrn M. Pagès als Ehrengast eingeladen. Hat er diese Einladung angenommen?
Hervé Le Tellier : Leider nicht. Und das ist wirklich schade, denn es gab Champagner.
La Gazette de Berlin: Wie ist der Abend verlaufen?
Hervé Le Tellier: Sehr nett. Wir haben viel über die möglichen Verbindungen zwischen BHL und Botul gesprochen, aber BHL ist fünfzehn Monate nach Botuls Tod zur Welt gekommen, das ist etwas zu lang für eine Reinkarnation.
La Gazette de Berlin: Welche Schlussfolgerung ziehen Sie aus diesem Abend?
Hervé Le Tellier: Ein Glas Wein, das darf sein, aber drei – das zaubert Debatten herbei.
La Gazette de Berlin: Was haben die „Freunde von Botul“ jetzt vor?. Ist eine Neuauflage oder ein neues Buch von J-B B. in Aussicht? Wenn ja, wovon wird letzteres handeln?
Hervé Le Tellier: Die Neuauflagen sind in Arbeit. In Frankreich sind im Moment ja vier Werke von Botul erhältlich. Außer "La vie sexuelle d’Emmanuel Kant" kann man auch seinen Briefwechsel mit dem Gefangenen Jean-Désiré Landru ("Landru, précurseur du féminisme"), "Nietzsche ou le démon de midi", und schließlich die "Métaphysique du mou" lesen. Andere werden gerade vorbereitet, wie das anthologische Botul-Lexikon, das man jetzt mehr denn je braucht, und sein Briefwechsel mit Keynes, seinem Zeitgenossen, der ein Jahr vor ihm verstarb.
* „faux abstrait“
** „bravo l’artiste“
*** „L’enclume n’est l’avenir de rien“
Alexandra Friedmann
01/03/2010
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