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 Bernhard-Henri Lévy, Credits Peter Foley
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Nein, es handelt sich nicht um das Pariser Kaufhaus BHV (Bazar de l'Hotel de Ville), sondern um Frankreichs Medienstar Bernard-Henri Lévy. Und wie es in einem anderen französischen Kaufhaus so schön heißt: Il se passe toujours quelque chose aux Galeries Lafayette. (Es gibt immer was Neues in den Galeries Lafayette). Das gilt auch für BHL. Denn wenn man etwas auf der Philosophenschule lernt, dann ist das: richtig zitieren. Und formell kann man Bernard-Henri Lévy auch nichts vorwerfen. Einen Punkt müssen wir ihm aber doch abziehen: der von ihm zitierte Philosoph Jean-Baptiste Botul hat nie existiert. Wie Frankreichs präsentester Denker im Laufe der Jahre zum Klassenclown der Nation wurde...

Dass Philosophen keine Einsiedlerkrebse mit langem Bart und Lumpengewand sind, dass beweist Frankreichs Medienliebling Bernard-Henri Lévi schon seit Jahrzehnten. Ob mit aufgeknöpfter Eleganz und hochgezogenen Augenbrauen von den Titelseiten namhafter Hochglanzmagazine dreinblickend, als mutiger Kriegsreporter der ersten Stunde in Bosnien, Libanon oder Georgien oder als links-sozialistisch-liberaler Staatsintellektueller und „Staatsfeind“*, der regelmäßig für Aufsehen sorgt. Vor kurzem noch setzte er sich gekonnt als „Obama-Entdecker“ in Szene, doch nun zieht BHL, wie Journalisten, Fans und Kritiker ihn liebevoll nennen, eher unfreiwillig alle Blicke auf sich.
Dabei war alles so gut vorbereitet: im ersten Quartal 2010 erscheinen gleich zwei seiner Bücher. Das eine**, ein Wälzer von über 1300 Seiten, ist eine Retrospektive auf sein ebenso vielseitiges wie vielumstrittenes Werk. Das andere, ein kleines Bändchen mit dem Titel „De la guerre en philisophie“***, hat den Anspruch, eben dieses Werk hinsichtlich vergangener (und zukünftiger) Kontroversen zu verteidigen. Und es läuft, beide Bücher zusammengenommen, ganze 1456 Seiten lang alles nach Plan. Wäre da nicht diese verflixte sechstletzte Seite von „De la guerre en philisophie“. Hier geht es nämlich um Kant, und darum, zu beweisen, das noch nicht mal dieser „jungfräuliche“ Halbgott von einem Philosophen sich gänzlich von seinem Körper lossprechen kann, um in einem reinen Theoriegebilde aufzugehen. Nichts leichter als das! Denn war da nicht ein gewisser Jean-Baptiste Botul, französischer Provinz-Philosoph und Verfechter der oralen Tradition, der bei einer Konferenz in einem von Königsberger Emigranten gegründeten, strikt im Sinne von Kants Philosophie verwalteten Dorf im fernen Paraguay eben dies geschafft hat?
Naja, eigentlich nicht. Doch das hat BHL nicht aufgehalten, sich auf den vermeintlichen Autor von „Das sexuelle Leben von Immanuel Kant“**** zu beziehen. Und da war sie schon, die Schlagzeile, die weit über Frankreichs Grenzen hinaus eine bunte Palette von Reaktionen- von Schmunzeln und lautem Gelächter über Kopfschütteln bis hin zu exzessiven Feindseligkeiten – auslöste.

Vom BHLismus zum Botulismus...
Ganz besonders gejubelt wurde aber bei den „Freunden von Botul“, einer Clique um den Journalisten François Pagès, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die verlorenen Werke dieses verkannten Philosophen ausfindig zu machen, was in diesem Fall soviel heißt wie: sie zu erfinden. Eine Bande von ausgefuchsten Schurken also, die alles dafür getan haben, um den einen oder anderen Schreiberling in die Pfanne zu hauen? Nicht so ganz, denn dieses kleine Detail in der Biographie von Botul, das von Lévy kurzerhand übersehen wurde, war in Wirklichkeit nur ein paar Mausklicks entfernt: in dem Wikipedia-Artikel, der Jean-Baptiste Botul gewidmet ist, ist von einer fiktiven Persönlichkeit die Rede. Sein Erfinder Pagès, der für das berühmte französische Satireblatt „Le Canard Enchainée“ schreibt und selbst über ein abgeschlossenes Philosophiestudium verfügt, zeigte sich ebenso verblüfft wie stolz. „Es ist eine von den Göttern gesandte Überraschung, dass der Name Botul von BHL neben Aristoteles und Levinas zitiert wird. Das kommt sehr unverhofft.“ gestand er in einem Video, das im französischen Nachrichtenportal Mediapart.fr veröffentlicht wurde. Den Scoop erhaschte aber die Journalistin Aude Lancelin, die in ihrem Artikel vom 08. Februar 2010 auf der Seite des französischen Nachrichtenmagazins „Le Nouvel Observateur“ zum ersten Mal von Levys Fauxpas berichtete. Einmal ins Rollen gebracht, war die Lavine nicht mehr aufzuhalten. Und bei allem „Vitamin B“, das er in Frankreichs großen Medienbetrieben wie zum Beispiel der Tageszeitung Le Monde auch haben mag, mit so viel Wirbel um sein Buch hat Levy dann doch nicht gerechnet. Als Vollprofi aber ließ er sich nicht beirren und reagierte frei nach dem Motto: Any publicity is good publicity“****. In einem vorgezogenen Beitrag seines wöchentlichen Blogs auf der Seite des bekannten Nachrichtenmagazins Lepoint.fr legt er ein pompöses „Je me défends!“***** hin. Andere seien auch schon auf einen falschen Rimbaud, Émile Ajar oder Marc Ronceraille hereingefallen. Ach Bernard-Henri, wenn du schon Kants kategorischen Imperativ ignorierst („Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“), dann denke doch wenigstens an den von Mama („Wenn alle Kinder beschließen, aus dem Fenster zu springen, heißt das nicht, dass du hinterher springen sollst...“). Zu dieser eher ungeschickten „Mit-dem-Finger-auf-andere-zeigen-Taktik“ gesellt sich dann noch eine mit gönnerhaften Selbstironie untermalte Lobrede auf Botul und Pagès. „Hut ab vor dem Künstler“ preist BHL. „Hut ab für soviel Humor, den hätte ich gar nicht von dir erwartet“ denkt so manch ein belustigter Leser.

Hau den Lévy: Antisemitismus auf dem Medienrummelplatz?
Andere aber nutzen die Gelegenheit, um dem Medienstar mal so richtig eins auszuwischen, auch gerne mal unter der politisch korrekten Gürtellinie. Und das wäre auch nicht das erste Mal, dass der ein oder andere sich eher unkonventioneller Mittel bedient: im Laufe seiner Karriere war BHL schon sieben Mal Opfer von Tortenwerfern, was ihm übrigens den Weltrekord bringt. Vor allem in den Foren rund um die Berichterstattung herrscht Anti-BHL-Stimmung. So sehr, dass manche Webmaster, wie zum Beispiel Florence Latrive von der bekannten französischen Tageszeitung Liberation, sich kaum noch vor Judenweltverschwörungstheoretikern, Nicht-ganz-so-Wohlgesinnten und anderen Fieslingen retten konnten und die Diskussionen kurzerhand schlossen. Alles nur ein Vorwand, um BHL entgegen allen demokratischen Prinzipien vor negativer Kritik zu schützen? Oder der Wunsch, Argumenten wie „Er ist reich und jüdisch und die sind sowieso überall“ kein Forum zu bieten? Darüber streitet sich Frankreichs Öffentlichkeit auch diesmal. „Qui critique BHL est... antisémite / Wer BHL kritisiert ist antisemitisch“, ironisiert der Journalist Olivier Bonnet in einem Blogeintrag, in dem er auf einen Artikel von BHL-Verteidiger Philippe Boggio auf der Seite des Nachrichtenportals Slate reagiert. Dieser hatte der Öffentlichkeit Lynchjustiz vorgeworfen und die spitzzüngige Aude Lancelin einer unangemessenen Kritik an BHL angeklagt. Im Eifer des Gefechts jedoch vergaß er, dass blinder „Prosemitismus“ ebenso unangebracht ist wie Antisemitismus, da er zwar eine positive, aber doch eine Form der Ausgrenzung darstellt. Recht fair hingegen reagierte Pagès selbst, der doch für BHL die Quelle allen Übels gewesen ist. Dass dieser auf einen eher offensichtlichen philosophischen Streich hereingefallen ist, könne vor allem seine Arbeitsweise in Frage stellen. In einem Punkt muss man Boggio jedoch recht geben: Wer Lévys' Werk kritisieren will, sollte nicht immer nur die eine Seite aus „La guerre en philisophie“ lesen, sondern sich auch mal 1300 Seiten lang durch Lévys' Identitätsstücke** quälen. Und in der Zwischenzeit wird es BHL sicher gelingen, sich ganz ohne fremde Hilfe selbst lächerlich zu machen.
*Bernard-Henri Lévy veröffentlichte 2008 “Ennemis publics“ (übersetzt „Staatsfeinde“), ein Briefwechsel mit dem französischen Erfolgsautor und schwarzem Schaf der Literatur Michel Houellebecq
**“Pièces d'identité“, Grasset & Fasquelle, 1335 Seiten
***“De la guerre en philosophie“ (übersetzt in etwa: Vom Krieg der Philosophie), Grasset & Fasquelle, 128 Seiten
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***** („Ich verteidige mich“, Gegenteil von „J'accuse“/“Ich klage an“ Es handelt sich um einen offenen Brief des französischen Autors Émile Zola, der am 13. Januar 1898 in der Tageszeitung L'Aurore veröffentlicht wurde und in dem der französische Präsident Félix Faure von Zola des Antisemitismus und der widerrechtlichen Verhaftung Alfred Dreyfus' bezichtigt wurde. Der Brief löste die Dreyfus-Affäre aus.)
Alexandra Friedmann
01/03/2010
Bernard-Henri Lévy, "De la guerre en Philosophie", bei Grasset & Fasquelle, 2010 (128 Seiten)
Bernard-Henri Lévy, "Pièces d'identité", bei Grasset & Fasquelle, 2010, (1335 Seiten)
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