Die Sonne scheint, das Meer leuchtet in den schönsten Blautönen und Nizza feiert gemäßigt Carnaval. „Nice“, die Stadt an der Côte d’Azur mit den hohen Lebenshaltungskosten, begeht seit 1873 das Spektakel, wie jedes Jahr im Februar, wenn in Deutschland die Kostüme in den Schränken und der Kater aus den Gesichtern verschwunden sind.
Die Jungen am Strand, die Anderen bei der Parade
Zu den Festivitäten, die seit 1294, aber erst seit 137 Jahren in der jetzigen Form stattfinden, kommen jährlich durchschnittlich 1,2 Millionen Besucher. Die Stadt ist voller Menschen, es ist warm genug um im Pullover herumzuspazieren und am Nachmittag beginnt die „Bataille des fleurs“, die Blumenschlacht. Wagen, mit Blumen und Figuren aus Pflanzen dekoriert, fahren über die abgesperrte Promenade. Die Atmosphäre ist entspannt, die jungen Leute liegen am Strand und sonnen sich. Es sind eher die Rentnergruppen und Familien die die 10 Euro Eintritt ausgeben. Zwei Sechzehn-Jährige, die hier im Urlaub sind und durch Zufall zum ersten Mal den Karneval in Nizza miterleben meinen, dass es „abends spannender sei und bestimmt mehr Leute kommen“ würden, wenn der große Umzug stattfinden wird. Kaum jemand ist verkleidet, niemand betrunken, keine Sektflaschen liegen herum, lediglich die Kinder sprühen sich mit Luftschlangen aus der Dose voll und ihre Eltern lächeln dazu. Nach dem ersten Umzug verteilen sich die Zuschauer wieder über die Stadt, eine Rentnerin ist auf dem Weg zum Treffpunkt ihrer Reisegruppe und erzählt, dass sie extra für den Carnaval hier angereist seien und für die Fête des Citrons, das Orangen-und Zitronenfest in der Nachbarstadt Menton, mit Kunstwerken aus den Zitrusfrüchten. Statt der Touristen feierten im Mittelalter die Einheimischen ausgiebig mit Bällen, Tänzen und Maskeraden, bei denen sie sich versteckt hinter den Masken über ihre Mitmenschen lustig machten. Der Grund für die ausgelassenen Späße war die bevorstehende Fastenzeit, vor der noch einmal reichhaltig gespeist wurde.
Der Frosch als König der Erde
Der Tag verstreicht, die Sonne geht circa 1200 Kilometer von Köln entfernt unter, weitab von den dortigen Hits, die aus einer Mischung aus Techno und Schlagern bestehen, und die Tribünen an der Promenade und auf dem Place Masséna füllen sich wieder. Diesmal ist ein Teil der Strecke nicht abgesperrt, sodass alle die Möglichkeit haben, den Umzug zu sehen. „Les bombes, les bombes!“* rufen die Straßenverkäufer, die glibbrige Masse aus der Dose, die ein fester Bestandteil des Spektakels zu sein scheint, wird in Massen verkauft und niemand ist böse die Sprühluftschlangen überall an sich zu haben. Das Motto ist dieses Jahr „Le roi de la planète bleue“ (der König des blauen Planeten), und so beziehen sich alle Wagen auf den Planeten Erde, die Umwelt und nehmen das Thema kritisch auf. Riesen-Maispflanzen ziehen vorbei, absterbende Bäume, Schweinchen aber auch Barack Obama als Superman oder die typischen Blaskapellen. Ein Einheimischer, Alain, 65 Jahre, berichtet, dass der Carnaval hier vor vielen Jahren um einiges lebhafter gewesen sei, dass es jetzt sehr gemäßigt zuginge, und er bezeichnet die ausgelassenen Feiereien in Köln als „le vrai carnaval“, den richtigen Karneval. An den vorbeiziehenden Wägen fällt auf, dass alle Figuren sehr aufwendig und z.T. bis zu zehn Meter hoch sind. Ein sich bewegender lebensgroßer Dinosaurier läuft vorbei, professionell gestaltet, wie für eine Film-Kulisse. Die Gestalten werden traditionell von Familien gebaut, von Vater zu Sohn, früher noch mit simpleren Mitteln wie Pappmaché, heute mit Gips, Draht, Sprühfarbe und oft Elektronik.
Am Abend dann ist es bis zum übernächsten Tag wieder vorbei und die Stadt, in der die Gnocchi und Tortellini erfunden wurden, wird wieder alles blitzblank gemacht haben.