imprimer   17.05.2012 
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Hingehen oder nicht hingehen – ist das eine Frage

 

Zum sechzigsten Mal findet dieses Jahr das große Theaterfestival in der südlichen Provence statt. Es feiert damit mehr als ein halbes Jahrhundert französische und internationale Theatergeschichte; und gleichzeitig eine Institution so stark wie die Mauern des Papstpalastes. Die einmalige Stimmung draußen unterm Sternenhimmel, mit Mistral und Zikadengesang, hat nichts von ihrer verzaubernden Wirkung eingebüßt. Als Markt von Stücken, Inszenierungen und Kompagnien allerdings liegen in Avignon Glücksmomente und Überlebenskampf dicht beieinander.

 

Mehr als 130.000 Zuschauer und Theatermacher aus aller Welt zieht es inzwischen jährlich in den Süden Frankreichs. Vier Wochen lang platzt die Stadt aus allen Nähten. Ihre Bewohner fliehen, allerdings nicht ohne ihre Wohnungen vorher an Theater Begeisterte und -Verrückte zu überlassen. Zu horrenden Preisen versteht sich. Dumm, wer sich diese Gelegenheit des schnellen Geldes entgehen lassen würde.

 

Eigentlich gibt es in Avignon zwei Festivals: das „In“ und das „Off“. Das „In“-Festival ist neben einem internationalen Theatertreffen auf hohem Niveau zugleich wichtigster Verhandlungsort für die nationalen Spielpläne der folgenden Spielzeit. Wer dorthin eingeladen ist, der hat es geschafft. Von Avignon-„In“ auf die Bühne eines der fünf Nationaltheater ist es nicht weit. Nur selten schafft es einer aus dem „Off“.

 

Dort geht der alltägliche Kampf um Zuschauer, v.a. aber um Produzenten, die die Inszenierung kaufen sollen, mit der ersten Stunde des Festivals los. Plakate, die für über 600 verschiedene Inszenierungen werben, schmücken die mittelalterlichen Mauern, wehen über pittoresken Gassen und verwandeln die Stadt in einen bunten Flickenteppich. Es dauert nur wenige Stunden, bis sie von anderen überklebt sind. Bei brütender Hitze buhlen die Schauspieler der fast 500 freien Kompagnien, die dieses Festival bestreiten, in sich übertrumpfender Phantasie und Aufsehen erregenden Kostümen um die Gunst ihres potenziellen Publikums. Avignon ist Schwerstarbeit. Und für eine freie Gruppe, die in ein Theatersystem eingebunden ist, das so gut wie keine festen Ensembles kennt und neue Inszenierungen nur ein spielzeitlanges Tourneeleben führen lässt, kann der Juli in der Provence über das Fortbestehen einer Gruppe entscheiden.

 

Inzwischen werden andere Stimmen laut: „Nous n’irons pas à Avignon“, wir gehen nicht nach Avignon, verkündet ein Festival in Vitry-sur-Seine, nahe Paris. Dort wird seit acht Jahren versucht, freien Theatergruppen eine Alternative zu Avignon zu bieten. „Avignon bedeutet für viele Kompagnien einen erheblichen finanziellen Aufwand, den die meisten nicht ohne überlebensbedrohende Einbußen leisten können“ meint Xavier Lauret, Presseattaché der Gegenbewegung. Dieses Jahr sind es 28 Gruppen aus allen Regionen Frankreichs, die parallel zum Festival in der Provence vier Wochen lang mit Theater, Konzerten und Tanz einem wachsenden Publikum beweisen, dass es auch anderswo möglich ist, den Sommer mit einem interessanten Kulturprogramm zu beleben. Stand in den ersten Jahren des Festivals der Wunsch im Vordergrund, jenseits von Kauf und Verkauf von Stücken wieder das Theater die Hauptrolle spielen zu lassen, so zieht es inzwischen auch immer mehr Produzenten nach Vitry-sur-Seine. Ob das Festival eines Tages für die zahlreichen freien Theatergruppen in Frankreich ein echtes Gegengewicht zu Avignon darstellen kann, bleibt dahingestellt. Ein erster Schritt jedenfalls ist getan.

 

Tina Gadow

 

www.festival-avignon.com

 www.avignon-off.org

www.gareautheatre.com

 








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