

Die Berichte und Bilder von der Katastrophe, die sich vorige Woche in Haiti ereignet hat, gingen um die ganze Welt. Haiti, ärmstes Land der westlichen Hemisphäre, ist von dem schlimmsten Erdbeben seit 200 Jahren heimgesucht worden. Zerstörungen ungeahnten Ausmaßes entstanden, Zehntausende starben. Die Welt ist schockiert und von überall kommen Hilfsmaßnahmen. Natürlich blieb auch der Rest der Frankophonie von der geradezu biblischen Katastrophe nicht unberührt. Ein Überblick über die verschiedenen Reaktionen aus Europa, Amerika und Afrika.

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 Symbol der Ohnmacht: Der zerstörte Präsidentenpalast
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Vergangenen Dienstag um 17:00 Ortszeit war es kein Militärputsch, der Haiti ins Chaos stürzte. Es war kein Politiker, der sich zum Diktator aufschwingen wollte, ebenso wenig ein blutiger Bürgerkrieg. Es war nicht weniger als eine Stärke 7 auf der Richterskala, die soviel Tod, Zerstörung und Panik verursachte. Im Verlauf dieses Bebens und einiger fast ebenso heftiger Nachbeben wurde die Hauptstadt des kleinen Karibikstaates, Port-au-Prince, fast völlig zerstört – selbst Gebäude wie der Präsidentenpalast, mehrere Ministerien und Botschaften und das Quartier der MINUSTAH, des UN-Stabilisierungsprogrammes in Haiti, fielen dem Beben zum Opfer. Die Opferzahl liegt bei über 50.000, der haitianische Premierminister Jean-Max Bellerive sprach gar von über 100.000 Toten. Nun, da immer mehr internationale Hilfsteams in den Straßen der zerstörten Hauptstadt nach Überlebenden suchen, wird dies jedoch eine Woche nach dem Beben immer mehr zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Von über 3.000.000 Verletzten und Obdachlosen wird gesprochen, die medizinische Versorgung, Verpflegung, sauberes Wasser, Strom und Schutz vor Kälte brauchen. Darum und um große finanzielle Spenden bemühen sich die Helferländer, internationale Organisationen und Privatpersonen. Doch auch militärische Unterstützung braucht das ärmste Land Amerikas: Die Truppen versuchen für Ordnung zu sorgen in einem Gebiet, in welchem in fast anarchischen Zuständen Plünderungen und Gewalt zunehmen. Dies geschieht besonders aus Verzweiflung darüber, dass die Hilfslieferungen wegen der schlechten Infrastruktur zunächst sehr schleppend verliefen.

Nicht nur die Hoffnung, auch das Internet stirbt zuletzt
Obgleich das Telefonnetz in der Region zusammenbrach, blieb das Mobilfunknetz teilweise erhalten. Ähnliches passierte mit dem Internet, über welches Überlebende der Katastrophe Kontakt zu Freunden und Verwandten im Ausland herstellen konnten. Videos und Bilder konnten dem Rest der Welt vermittelt werden, ebenso Berichte auf Netzwerken wie Twitter. Diese sind auch ein wichtiges Mittel zum Spendenaufruf, wie beispielsweise der haitianische Musiker Wyclef Jean beweist. Über verschiedene Seiten, wie beispielsweise Facebook, werden Vermisste gesucht. Zu diesem Zweck hat das Internationale Rote Kreuz eine Website ins Leben gerufen, in der man sich als Überlebender eintragen kann, Suchanzeigen aufgeben und miteinander kommunizieren kann. Der Internet-Riese Google hat 1 Mio. Dollar für Haiti bereitgestellt. Dazu rief es User in einer eigens kreierten Website auf, zu spenden. Und auf seiner Landkartensoftware Google Maps hat es Satellitenbilder von Port-au-Prince nach dem Beben eingestellt.

Kanada – familiäre Betroffenheit und ehrgeiziges Engagement
Eine besonders herausragende Rolle in der Katastrophenhilfe spielt Kanada. Erst vor kurzem hat US-Präsident Obama entschieden, Kanada, die USA und Brasilien sollen als Trio die Hauptverantwortung für die humanitäre Hilfe auf Haiti tragen. Kanada hat auch einen guten Grund für seine Kooperation: Von vielen Haitianern, die aus politischen und/oder wirtschaftlichen Gründen ins Ausland geflohen sind, leben 150.000 in auch jetzt noch stark von Immigration geprägten amerikanischen Land. 90 % von ihnen leben als Frankophone in der französischsprachigen Provinz Quebec, vor allem in der Stadt Montreal. Auf der anderen Seite lebten bis zum Beben etwa 6000 Kanadier auf Haiti, von denen sich nur 700 ins Register des Außenministeriums nach der Katastrophe eingetragen haben. Die kanadische Opferzahl soll 11 betragen. Während der in Quebec lebende Schriftsteller Dany Laferrière, der haitianischen Ursprungs ist, der Öffentlichkeit über Twitter mitteilen konnte, dass er am Leben sei, hatte der berühmte kanadisch-haitianische Literat Georges Anglade dieses Glück nicht. Anglade war Oppositioneller gegen die Duvalier-Diktaturen, weswegen er ins Exil geschickt wurde. In Montreal gründete er die MAS (Mouvement haïtien de solidarité, Haitianische Solidaritätsbewegung) aber auch die UQAM (Université de Québec à Montréal), an der er auch als Professor lehrte. Wieder zurück in Haiti, war er unter der Regierung Aristide Berater und unter der Regierung Préval sogar Minister. Mit seiner Frau Mireille starb er unter den Trümmern seines Hauses.

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 Die Generalgouverneurin von Kanada, Michaelle Jean, sichtlich erschüttert
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Besonders erschüttert zeigte sich auch Michaëlle Jean, Generalgouverneurin und Staatsoberhaupt in Vertretung von Kanada – sie vertritt in ihrem Amt Königin Elizabeth II., die auch Königin von Kanada ist. Kanada ist Teil des Commonwealth. Michaëlle Jean stammt selbst aus Haiti, welches sie mit ihren Eltern wegen der Duvalier-Diktaturen verließ und anschließend in Quebec lebte. In einer Ansprache an das kanadische und haitianische Volk, die sie einen Tag nach der Naturkatastrophe hielt, schluchzte sie und kämpfte mit den Tränen. Sie sprach auf Französisch und Englisch und verglich das Erdbeben mit dem Abwurf einer Atombombe auf Port-au-Prince. "Gestern hat sich das Schicksal wieder gegen das Volk von Haiti gewendet, das gerade begonnen hat, einen Schimmer der Hoffnung zu sehen", sagte sie ferner. Erst ein Jahr zuvor hatte sie Haiti besucht, nachdem dieses schwer von Hurrikanen verwüstet worden war. Sie erwähnte mit einer gewissen Erleichterung auch ihren schwer kranken Onkel, der glücklicherweise das Unglück überlebte. Doch es gehe nicht um sie selbst und sie sei nur eine von vielen aus der haitianischen Diaspora, betonte die Generalgouverneurin. Ihren Landsleuten gegenüber sagte sie in haitianischem Kreolisch: „Haitianer, Haitianerinnen, wir dürfen die Hoffnung nicht verlieren. Wir sind bekannt für unsere Kraft und unsere Schlagfestigkeit. Wir müssen gegenüber dieser Herausforderung, die uns erschüttert, tapfer standhalten.“
Angesichts der geradezu apokalyptischen Lage in dem kleinen Staat hat die kanadische Regierung, wie auch beispielsweise die amerikanische, die Immigration von Haitianern nach Kanada erleichtert.

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 Eric Besson, französischer Minister für Immigration, Integration und nationale Identität. Foto: www.flickr.com/photos/kjd/
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Die französische Initiative – Beistand aus der ehemaligen Kolonialmacht
Auch die französische Regierung reagierte prompt. Es gab finanzielle Unterstützung sowie humanitäre Maßnahmen. Das Krisenzentrum des Außenministeriums konnte Verbindung zur Französischen Botschaft aufnehmen und richtete zudem zwei Notrufnummern ein, auf die über 6000 Anrufe hereinkamen, 700 davon mit Suchanzeigen für noch nicht lokalisierte Personen. Auch Rettungsmaßnahmen wurden vorgenommen. Laut behördlichen Angaben konnten knapp 700 Personen auf die französischen Antillen evakuiert werden, knapp 600 von ihnen sind Franzosen. In Haiti hatten sich vor dem Beben etwa 1400 Franzosen aufgehalten, davon 1200 in Port-au-Prince. Bestätigte Tote soll es bisher nur sechs geben.
Frankreich, ehemalige Kolonialmacht über Haiti, umfasst auch eine große haitianische Gemeinschaft. Über 80.000, wird geschätzt – meist Intellektuelle und angehörige der politischen Opposition. In einem öffentlichen Dokument heißt es, das „Mutterland“ Frankreich (sprich das Territorium des Staates auf dem europäischen Kontinent) beherberge etwa 30.000 Haitianer, während sie in den karibischen Territorien Frankreichs Französisch-Guyana, Martinique und Guadeloupe die größte Einwanderergruppe ausmachten. Diese Gebiete eingeschlossen, würden die Haitianer etwa 12 % der Asylbewerber in Frankreich ausmachen. Nachdem dieser Umstand sich nach dem Beben naturgemäß verstärkte, wurde ihm auch die Einwanderungspolitik – wie in manchen anderen Staaten – angepasst. Der Minister für Immigration, Integration und nationale Identität Eric Besson hat die Abschiebungen illegal eingewanderter Haitianer ausgesetzt und angefangen, vom Erdbeben Betroffene für eine gewisse Zeit ins Land zu lassen. Vor Kurzem hat er nun auch entschieden, dass Visa für Haitianer, die medizinische Versorgung brauchen und für solche, die ihrer Familie nachziehen dürfen, ausgesetzt seien. Letztere dürften permanent in Frankreich bleiben, Erstere nur für drei Monate, was jedoch verlängert werden kann.
Einen bedeutsamen Anstoß gab auch der französische Präsident Nicolas Sarkozy, der eine internationale große Konferenz zum Wiederaufbau und zur Entwicklung Frankreichs vorschlug. In diesem Wunsch stimmte er mit dem amerikanischen Präsidenten Barack Obama überein. Die Idee der Konferenz hat viel Zustimmung ausgelöst, teils von unerwarteter Seite: Daniel Cohn-Bendit, 68-er, Grünen-Politiker in Brüssel und eher sarkozyfeindlich, sagte zu Europe 1: „Nicolas Sarkozy hat die Initiative für eine Versammlung übernommen, man wird [darf] nicht kleinlich sein [,] es ist gut.“ Laut dem französischen Außenminister Bernard Kouchner würde die Konferenz voraussichtlich im März stattfinden. Als Kandidat für den Ort der Konferenz hat sich die Dominikanische Republik, direkter Nachbar Haitis auf derselben Insel sowie dessen erster Helfer nach dem Beben, angeboten. Eine erste Konferenz, zu der eher Experten geladen sein werden, findet bereits am 25. Januar in Montreal statt.

Afrikanische Rückkehrgedanken
Auch Stimmen aus Afrika reagierten auf die Katastrophe, die schon fast wie eine ägyptische Plage anmutet. So ließ der Präsident von Senegal, Abdoulaye Wade, ein eher überraschendes ethnisches Argument verlauten: Er erkenne das Recht der Haitianer an, in ihre Heimat zurückzukehren und die Wiederkehr des Unheils, das immer wieder auf Haiti falle, veranlasse ihn dazu, eine radikale Lösung vorzuschlagen. Er wolle zusammen mit anderen afrikanischen Staaten ein Gebiet bestimmen, in welches die Afrikaner zurückkehren könnten. Dazu bemerkte er: „Sie haben es sich nicht ausgewählt, zu dieser Insel zu fahren. Es wäre nicht das erste Mal, dass frühere Sklaven oder ihre Nachfahren nach Afrika zurückgebracht würden. Das ist der Fall bei Liberia, wo sie sich in die lokale Bevölkerung eingliedern mussten, um heute die liberische Nation zu bilden.“ Laut dem Pressesprecher des Präsidenten, Mamadou Bamba Ndiaye, sei Senegal dazu bereit, haitianischen Kandidaten anzubieten: „ Wenn es nur einige Personen sind, geben wir ihnen ein Dach und etwas Land. Wenn sie in Massen kommen, werden wir ihnen eine Region geben.“

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 Jean-Bertrand Aristide und Bill Clinton, 1994.
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Ein Interesse an Hilfe für sein Land zeigte auch der ehemalige Präsident Jean-Bertrand Aristide, der nach Unruhen ins amerikanische Exil ging, mit amerikanischer Hilfe aber nach Haiti zurückkehren konnte und dort eine immer diktatorischere Regierung führte. Nach dem Ausbruch einer Rebellion ging er nach Südafrika, wo er kurz nach dem Beben erklärte, er sei „bereit, heute, morgen, egal wann, zurückzukehren, um sich dem haitianischen Volk anzuschließen, sein Leid zu teilen und zu helfen, das Land wieder aufzubauen.“
Die weitere Entwicklung der Situation in der „Stunde Null“ Haitis ist ein Prozess, dem wir noch länger folgen können und auch folgen werden.
Dominik Rosmiarek
19.01.2010