„Ich sage, dass Frankreich sich nicht wegen seiner nationalen Geschichte schämen soll! Frankreich ist nie der totalitären Versuchung erlegen. Es hat nie ein Volk ausgelöscht. Es hat nicht die Endlösung erfunden, es hat weder Verbrechen gegen die Menschlichkeit noch Genozid begangen.“
Diese pathetischen Sätze ruft Nicolas Sarkozy bei seiner Wahlkampftour im Frühjahr dieses Jahres durch Frankreich. Der emphatische Beifall der Besucher speiste sich nicht allein aus nationalem Ehrgefühl. Offen schürte der heutige Präsident vielmehr antideutsche Ressentiments. Die eigene Histoire soll glänzen, gerade im Vergleich gegen die dunkelsten Seiten in der Geschichte der ostrheinischen Nachbarn. Zugegeben: stellt man die Grauen des 20. Jahrhunderts nebeneinander auf eine nationale Waage, sieht es für Deutschland schlecht aus. Eine weiße Weste hat die französische Nation deshalb nicht.
1995 hatte Jacques Chirac als erstes Staatsoberhaupt erklärt: die Franzosen tragen Mitverantwortung an Terror und Völkermord der Vichy-Zeit. Er brach ein 50 Jahre währendes Schweigen. De Gaulle hatte nach Kriegsende den Mythos vom glorreichen Sieg Frankreichs begründet – ein Kraftakt zur nationalen Einheit. Die von ihm geleitete Conseil National de la Résistance hat an der Destabilisierung der Besatzer teilgehabt. Doch gab es freiwillige Kolloberatteure. Ämter des Vichy-Regimes arbeiteten bei der Erfassung von Juden und ethnischen Minderheiten bereitwillig mit. Es gab Stillschweigen. Es gab hohe Beamte wie Maurice Papon, die Massendeportationen anleiteten. Papon war später Finanzminister, und wurde erst über 50 Jahre später für seine Verbrechen verurteilt – nach dem Dekret Chiracs.
Im Januar 2005 brannte in Frankreich ein Viehwaggon. Am Tatort wurde ein Flugblatt mit einem Hakenkreuz darauf gefunden. Es handelte sich um keinen gewöhnlichen Viehwaggon. Er war Teil des Denkmals auf dem ehemaligen Sammel- und Durchgangslager Drancy, 20 km nördlich von Paris. Von hier aus wurden 65.000 Franzosen Richtung Auschwitz deportiert. Faschistische Ressentiments schreiben sich auch in Frankreich fort.
Doch Sarkozy ist an einem differenzierten Blick in historische Strukturen nicht gelegen. Im Oktober ordnete er an, den Abschiedsbrief des von den Nazis ermordeten Widerstandskämpfer Guy Môquet jährlich am 22. Oktober an allen Schulen verlesen zu lassen. Der 17-jährige hatte vor seiner Hinrichtung an seine Eltern geschrieben: „Gewiss hätte ich gerne gelebt. Aber ich wünsche mir von Herzen, dass mein Tod zu etwas nütze ist“ - für Sarkozy ein wirkmächtiges patriotisches Bekenntnis. Dass Môquet Kommunist war und von Franzosen an die Nazis ausgeliefert wurde, wird verschwiegen. Entsprechende Passagen wurden im Brief verändert. Die Lehrergewerkschaft boykottierte das Ritual als eine blinde "Instrumentalisierung der Erinnerungspflicht". Sarkozy möchte die französische Jugend mit Rührung und Emotion zum Patriotismus erziehen, nicht durch Nachdenken. Unter Jubel seiner Anhänger endet seine Rede: „Frankreich hat immer mehr als der Rest der Welt für die Freiheit der Völker gekämpft. Und in dieser Beziehung braucht Frankreich überhaupt keine Belehrung!“