Fernsehsender Paris: Unterhaltung für die Besatzer
„A vous Cognacq Jay!“ - so manchem französischen Zuschauer dürfte dieser Ausruf noch in den Ohren klingen. Nach jeder Reportage im Nachkriegsfernsehen ging es mit diesen Worten zurück ins Studio. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang war die Pariser rue Cognacq Jay die Heimat des französischen Fernsehens. Geboren wurde es im Kontext von Krieg und Besatzung. Von Mai 1943 bis August 1944 ging der ‚Fernsehsender Paris’ mehrere Stunden täglich vom Eiffelturm aus auf Sendung. „Die verwundeten Soldaten sollten abgelenkt und bei Laune gehalten werden. Im Programm waren also vor allem Unterhaltungssendungen und nur selten Propagandafilme. Das Fernsehen war dafür noch zu wenig verbreitet “ erklärt Thierry Kubler, Autor des Buches „Cognacq-Jay 1940“. Zirkusvorstellungen, Theaterstücke, ‚Rundfunkgymnastik’ oder ‚Variété für Verwundete’ – so flimmerte es über die ca. 250 Fernseher in den Pariser Lazaretten. Französische Zuschauer gab es, trotz der Zweisprachigkeit,kaum - das Medium Fernsehen steckte noch in Kinderschuhen. Doch ganz im Gegensatz zum Hörfunk, befand sich das französische Fernsehen nach dem Krieg in einer besseren Ausgangslage als noch vor 1939. Im Oktober 1945 konnte Frankreich als erstes Land Europas wieder Fernsehprogramme ausstrahlen. „Natürlich verfolgte Deutschland auch wirtschaftliche Interessen: in Anbetracht der absehbaren Entwicklung des Fernsehens sollten deutsche Normen langfristig durchgesetzt werden“ erklärt Thierry Kubler.
Bemerkenswert bei dem Abenteuer ‚Fernsehsender Paris’ sind nicht zuletzt die Mitarbeiter: ein bunter Haufen aus Deutschen und Franzosen, Juden, Anarchisten und Nazis unter der Leitung von Kurt Hinzmann. „Sie alle waren von dem neuen Medium begeistert, aber sie wollten auch dem Arbeitsdienst in Deutschland entkommen. Wegen des geringen propagandistischen Stellenwertes hat sich die Gestapo nicht sehr für den Sender interessiert und er herrschte eine gewisse Freiheit“ so Thierry Kubler. Er war „eine Oase des Friedens in der Wüste des Krieges“, sagte Kurt Hinzmann selbst als er nach dem Krieg nach Frankreich eingeladen wurde.
LISA JANDI