

Seit fast 30 Jahren ist er Teil der französischen Theaterlandschaft ohne Nostalgie für das heimatliche Deutschland. Der aus Stuttgart stammende Regisseur Hans Peter Cloos erzählt uns von seiner Liebe zum französischen Theater.
Im Café Beaubourg sitzt Hans Peter Cloos. Ein Pariser wie die anderen… mit einer deutschen Zeitung in der Hand. Begeistert berichtet er von seiner Begegnung mit dem französischen Theater. Nach einer Ausbildung an den Münchner Kammerspielen verlässt er 1977 Deutschland, um in New York sein Glück zu versuchen. Die exklusive Broadway-Gesellschaft verwehrt ihm jedoch den Zutritt. Der junge Schauspieler fliegt daraufhin nach Paris, wo Peter Brook ihm anbietet, Die Dreigroschenoper im Théâtre des Bouffes du Nord zu inszenieren. Ein riesiger Erfolg. Zahlreiche Produktionen folgen aufeinander. In den 80er Jahren reiht er sich in die neue Generation junger Regisseure in Frankreich ein.
Nach Jahrzehnten in Frankreich wird er jedoch noch immer als der deutsche Regisseur angesehen. „Das ist kein Problem, da ich mich selbst als Europäer bezeichne.“ Der Bewunderer der französischen Regisseurin Ariane Mnouchkine arbeitet nicht nur in Frankreich, sondern auch in den USA, in Großbritannien, in der Schweiz und gelegentlich auch in Deutschland. Ein deutscher Regisseur, der nur selten an deutschen Bühnen präsent ist und deutsche Stücke ausschließlich in französischer Sprache inszeniert – ein Widerspruch? Hegt Cloos eine Abneigung gegenüber dem deutschen Theater? Betrachtet man seine Autorenwahl, so gibt es dafür kein Anzeichen: von Brecht über Müller, von Bernhard bis Wedekind. Leidenschaftlich beschäftigt sich Cloos mit den großen deutschen Texten – in französischer Übersetzung. „Es ist schade, wie wenig die Franzosen über die deutsche Kultur wissen – Essen und Fußball ausgenommen. Das Theater hat daher eine sehr wichtige Funktion.“
Neben dem kulturellen Austausch haben andere Gründe Cloos davon abgehalten, nach Deutschland zurückzukehren. Die Struktur des deutschen Theatersystems schreckt ihn davon ab: „In Deutschland finden sich verhältnismäßig leicht Produktionsstätten, aber die Umsetzung der Stücke gestaltet sich kompliziert. In Frankreich ist das Gegenteil der Fall, denn sobald man das Theaterhaus überzeugt hat, kann man Qualität produzieren.“ In Deutschland muss man mit dem jeweiligen Ensemble der Nationaltheater arbeiten, während die französische Produktion mehr Freiraum lässt, ein Stück vollständig zu leiten. Dennoch hat die französische Struktur auch ihre Schwachstellen. Zwei Familien spalten die Theaterlandschaft: das private und das subventionierte Theater, die untereinander sehr wenig kommunizieren. „Ich versuche die Mauer zwischen diesen zwei Familien abzutragen, die stets dazu neigen, einander zu verachten.“
Nicht zuletzt der Traditionalismus des Theaters in Frankreich: „Das Theater hat in Frankreich eine Unterhaltungsfunktion: Die Leute gehen vor dem Abendessen als Zeitvertreib dorthin, oder um gesehen zu werden, oder um mitreden zu können.“ Ist es denkbar, daraus ein politisches Theater oder eine Trash-Ästhetik à l’allemande zu erschaffen? Cloos, der mit seiner Kompanie „Rote Rübe“ mit dem engagierten Straßentheater angefangen hat, sieht in Deutschland das Ende einer Bewegung, die durch Persönlichkeiten wie Castorf und Marthaler Gestalt angenommen hat: „Das deutsche Theater befindet sich in einer Übergangsphase. Momentan ist es ein infantiles, selbstbezogenes Theater, das sich erneuern wird.“ Cloos, der im Laufe seiner Karriere mit den größten französischen Schauspielern (Piccoli, Rampling…) zusammenarbeitete, hat wirklich keinen Grund, Frankreich zu verlassen.
Elsa Assoun
Übersetzt von Bettina Sund
Hans Peter Cloos : „Die französische Produktion lässt mehr Freiraum“
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