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Der patriotische Faktor Fußball gab der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich Auftrieb, seinen Einwandererkindern Hoffnung. Nun schwingen in Deutschland ausgelassen Fahnen und die Presse schwärmt von der mediterranen Leichtigkeit der Teutonen. Frankreichs Fußballperformance dagegen scheint sich dieses Jahr in die allgemeine malaise des Landes einzufügen.

 




Dabei gehört die für Deutschland neue Leichtigkeit im Umgang mit nationalen Symbolen und das Wir-Gefühl in Frankreich zum Selbstverständnis wie ein vollmundiger Rotwein zum Diner. Das alljährliche Ritual des Nationalfeiertages am 14. Juli verfolgen Deutsche halb mit Bewunderung und halb mit Unbehagen. La France se fête elle-même.

Allein der Fußballgott scheint in Deutschland vom Hartz-IV-Empfänger zum Investmentbanker alle so traut unter einer Flagge zu vereinen. In Frankreich dagegen tanzen seit dem 19. Jahrhundert zum Klang des Akkordeons am Nationalfeiertag der Handwerker mit Frau Doktor unter rot-weiß-blauer Fahne. Seine revolutionäre Sprengkraft aber – in Erinnerung an den Sturm der Bastille – ist passé.

 

Heute bedeutet der 14. Juli vor allem den Auftakt der Sommerferien. An der Militärparade auf den Champs-Elysées, zu der le Président wie ein König salutiert, freuen sich Touristen. Wenngleich auf den bals de pompier ausgelassener gefeiert wird denn je, verlassen viele Pariser lieber die Stadt, statt ihre Fahne zu schwenken. So traditionell die offiziellen Feierlichkeiten, so schwer lässt sich seine Symbolik mit der aktuellen sozialen Realität im Land vereinbaren. Linke Bürgerliche finden eine vage revolutionäre Romantik wieder, Kommunisten reagieren mit einem anti-bürgerlichen Reflex. Bei den Immigranten und deren französischen Kindern herrscht Gleichgültigkeit.

 

Doch das Desinteresse an nationalen Paraden schließt nicht auf mangelnden Patriotismus. Der war in Frankreich immer eine revolutionäre Angelegenheit und die citoyens überlässen ihn nicht dem Staat allein. Am diesjährigen Nationalfeiertag wird der Discours sur le colonialisme von Aimé Césaire in der Cité nationale de l’histoire de l’immigration aufgeführt, dem zukünftigen Immigrationsmuseums Frankreichs. Das Stück erinnert an die dunklen Seiten der französischen Geschichte und an den immer neu anstehenden Sturm auf die Bastillen dieser Welt.

 

Eine andere Variante, die in Deutschland schlichtweg undenkbar wäre, zeigt sich in der Mobilisierung gegen das neue Immigrationsgesetz. Familien verstecken abschiebegefährdete Kinder vor der Polizei in der Überzeugung, dass demokratische Grundüberzeugungen, Patriotismus und Staatstreue nicht unbedingt eines sind. Darüber wird in Deutschland trotz Nationalfarben auf der Wange noch lange nicht diskutiert werden.

 

Ute Sperrfechter

 

U. S. arbeitet in der Cité nationale de l’histoire de l’immigration, u.a. für die Ausstellung « Blickwechsel: Die Bilder des Fremden in Deutschland und in Frankreich im 19. und 20. Jahrhundert ».








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