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Seit Anfang der 80er und 90er Jahre ist Frankreich in regelmäßigen Abständen mit Krawallen in seinen Vorstädten konfrontiert. Soziale Ausgrenzung, Ghettoisierungstendenzen und Kriminalität haben die städtischen Randgebiete zum Brennpunkt der französischen Gesellschaft gemacht. Doch gerade auch die jüngsten Unruhen im November 2005 haben gezeigt: in Medien und politischem Diskurs werden die sozialen Missstände immer wieder in „Integrationsprobleme“ von Migrantenjugendlichen umgedeutet.

 

Die Banlieues sind eine französische Besonderheit. Nicht die städtische und soziale Realität, die sie wiederspiegeln, aber doch die negative, ja kriminalisierende Konnotation, die dem Begriff anhängt. Er stammt aus dem 17. Jahrhundert und bedeutet „Bannmeile“, jene Zone am Rande der Stadt, in der all die armen und „gefährlichen“ Bevölkerungsschichten hausten, denen der Zutritt ins Stadtinnere verwehrt wurde.

 

Durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert und die sukzessiven Einwanderungswellen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, wuchsen die Banlieues kontinuierlich an. Rechte Vordenker wie Maurice Barrès warnten damals vor der „destabilisierend wirkenden Gefahr für die Nation“, die von dieser Arbeiterkonzentration in den Vorstädten ausginge. Umso mehr als die kommunistische Partei in fast allen Rathäusern der Pariser Banlieues regierte und so einen „roten Gürtel“ um die Hauptstadt bildete. 

 

Nach dem 2. Weltkrieg entstanden in den Vororten die riesigen Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus. Sie stellten zunächst einen ungekannten Komfort für die Bewohner dar. Doch Wirtschaftskrise und Desindustrialisierung, sowie die schnelle Degradierung der „Kaninchenställe“ getauften Wohnblöcke, sollten dies grundlegend ändern. Dort wo die Jugendlichen einst durch Fabrikdisziplin und Klassenbewusstsein sozialisiert waren, herrschen heute hohe Arbeitslosigkeit und ein soziales wie politisches Vakuum.

 

In den Vorstädten leben heute die sozial Schwächsten, diejenigen die sich woanders keine Wohnung leisten können, darunter viele Einwanderer. Dennoch handelt es sich hierbei nicht um „Ghettos“, die mit den amerikanischen Elendsvierteln vergleichbar wären. Die Banlieues sind keine „ethnisch“ strukturierten Gebiete, sondern die Segregation ist hier in aller erster Linie sozialer Natur.

 

Die Vorstadtjugendlichen teilen nun die Werte, die ihnen die Konsumgesellschaft vorlebt. Mehr noch als andere ihrer Altersgenossen streben sie nach Markenartikeln, die ihnen einen gewissen Status in den Vierteln sichern. Die kulturelle Integration dieser Jugendlichen kontrastiert insofern mit der sozialen Ausgrenzung, die sie besonders trifft. Daher übt auch das „bizness“, die Parallelökonomie, eine so hohe Anziehungskraft auf sie aus.

 

Die periodisch aufflammenden Krawalle sind eines der eklatantesten Zeichen für die soziale Perspektivlosigkeit und Wut dieser Jugendlichen, die bei Weitem nicht nur arabisch- oder afrikanischstämmig sind. Dennoch suggerieren Politiker, allen voran der Innenminister und Präsidentschaftskandidat Sarkozy, dass es sich dabei um eine „gescheiterte Integration“ von Einwandererkindern handele, nicht etwa um soziale Missstände. So forderte er, alle im Rahmen der Unruhen Festgenommen unverzüglich auszuweisen – auch wenn sie über einen legalen Aufenthaltsstatus verfügten. Zugleich machten Abgeordnete der Regierungspartei UMP die Polygamie als ursächlicher Faktor der Unruhen aus. Erwartungsgemäß fiel dann auch die Antwort der Regierung auf die Unruhen rein repressiv aus, die als „soziales Begleitmenü“ verordneten Maßnahmen ändern daran nichts.

 

Angesichts der Präsidentschaftswahlen wird so unverhohlen in rechtsextremem Wählerpotential gefischt. Wem dies nützt ? Man hat es 2002 gesehen, als der Wahlkampf sich massiv auf die „innere Sicherheit“ konzentriert hatte und Le Pen einen überraschenden Erfolg verbuchte. In einem Punkt hat der alternde Rechtsextremist leider recht: „Die Leute bevorzugen meist das Original vor der Kopie.“               

 

Lisa Jandi








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