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Der Wolf und die Lämmer

Im Zeitalter der Aufklärung wuchs der Dichtkunst und dem Theater eine neue Rolle zu. Das Theater entwickelte sich von der reinen Volksbelustigung auf den Marktplätzen wieder zu einer ehrbaren Angelegenheit des Adels und des Bürgertums. Viele große Denker des 18. Jahrhunderts verpackten ihre neue Ideen und Weisheiten in Komödien, Tragödien und Fabeln. Gerade die Fabel spielte eine große Rolle, da mit Hilfe einer relativ unverfänglichen Tiergeschichte unangenehme Wahrheiten und Kritik an den herrschenden Verhältnissen vermittelt werden konnten.

 

Auch Voltaire bediente sich häufig dieser Kunstform. Im Jahr 1757 erschien in einer literarischen Anthologie, im Band „Über das Theater“ seine Fabel „Le Loup Moraliste“ – „Der Wolf als Moralist“ – in der er die Scheinheiligkeit der Kirche kritisierte. Kurz darauf wurde dieses Stück in der Gazette de Berlin vom 14. April 1757 unter der Rubrik Neue Literatur abgedruckt.

Die Geschichte geht so: Ein Wolf möchte seinem Sohn eine Lektion über das moralische Leben erteilen, damit aus ihm ein anständiger Wolf werde. Er gibt ihm gute Ratschläge, dass er sich nur mit ehrbaren Wölfen einlassen und sich mit dem Wenigen zufrieden geben solle, das er im bieten kann. Vor allem möge er seine Fresslust bezähmen und die Fastenzeit einhalten. Es ist besser nicht zu fressen, als das Blut unschuldiger Lämmer zu vergießen.

Schon sein Großvater musste seine Fressgier mit dem Leben bezahlen, als er in einem Dorf Lämmer reißen wollte.

In diesem Moment sah der kleine Wolf die Wolle zwischen den Zähnen seines Vaters und Blut, das heruntertropfte, und er fing an zu lachen. Der Vater wurde wütend und beschimpfte ihn, was ihm einfiele sich über seine guten Ratschläge lustig zu machen. Darauf entgegnete der Sohn: „Ihr Beispiel ist mir ein gutes Vorbild. Ich werde alles so machen, wie ich es bei Ihnen sehe.“

 

Es ist so wie bei dem Prediger, der nach einem üppigen Mahl, gut gekleidet, fett und rund auf die Kanzel steigt und gegen die Völlerei predigt.

 

Frank Drauschke

 

Eine gekürzte Fassung des französische Originaltextes der Fabel findet sich in der >> Chronique historique Nr.20.

 

>> Alle Artikel der Historischen Miszellen

 

Historische Miszellen von Facts & Files - Historisches Forschungsinstitut Berlin - www.factsandfiles.com

 

 

>> Hans Peter Cloos : "Die französiche Produktion lässt mehr Freiraum"

>> Kulturtipps








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