Sorgfältig aneinander gereiht stehen sie da: 300 rote Zelte, wie Maulwurfshügel am Ufer des Pariser Kanal Saint-Martin. „SDF seit 2002“ steht auf manch einem geschrieben, „Michel“ oder auch nur „SDF“, die Abkürzung für „Sans domicile fixe“ - „Ohne festen Wohnsitz“. SDF ist der moderne Ausdruck für die französischen Obdachlosen, mit dem romantisierten Bild des weinseligen Clochards unter den Seine-Brücken, haben sie nichts mehr zu tun. Offiziell 86.000 SDF leben heute in Frankreich - die Dunkelziffer dürfte um einiges höher liegen - hinzu kommen weitere 3 Millionen Franzosen, die unter schwierigsten Bedingungen ihr Dasein fristen: sie leben bei Freunden oder Verwandten, auf Camping-Plätzen oder in hygienisch inakzeptablen Verhältnissen.
Jedes Jahr, mit Einbruch der Kälte, wird das Elend der SDF bejammert, wenn sie auf den Bänken der Metros oder über wärmenden Luftschächten, der Postkarte Paris einen leidigen Anstrich verleihen. Doch seit die Organisation „Kinder des Don Quichotte“ Mitte Dezember die ersten Zelte zum Protest in der Pariser Innenstadt aufschlug, ist die Wohnungsnot ins Zentrum der politischen Debatte gerückt. Mitfühlende Bürger haben aus Solidarität eine Nacht im Freien verbracht, Prominente statteten den Obdachlosen Besuche ab und Politiker fast aller Parteien übertrafen sich mit Absichtserklärungen zur Wohnungsnot. Prompt wurden die Hilfen für Obdachlose um das Zehnfache, auf 70 Millionen Euro, erhöht und in seiner Neujahrsansprache forderte Jacques Chirac, noch im Februar ein Gesetz zu verabschieden, das ein einklagbares Recht auf Wohnung garantiert. Statistisch gesehen werden in Frankreich zwar genügend Wohnungen gebaut, doch sind die Mieten so unerschwinglich, dass die Wenigsten sich diese Wohnungen auch leisten können. Bleibt zu hoffen, dass das ambitionierte Gesetz, dessen konkrete Anwendung noch weitgehend ungeklärt ist nicht, wie es „Le Monde“ befürchtet, ein „virtuelles Gesetz“ bleibt.
Lisa Jandi
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